Drese führte Zürichs Oper zur Weltklasse

Der verstorbene Claus Helmut Drese leitete das Opernhaus Zürich von 1975 bis 1986. In seine Ära fielen der legendäre Monteverdi-Zyklus, der Umbau des Hauses und die Opernhauskrawalle.

Anreger, Ermöglicher, Organisator, Geldbeschaffer, Vermittler und Menschenführer: Zur Neueröffnung des Zürcher Opernhauses 1984 erhält Drese einen goldenen Notenschluessel, der die Hausschlüssel symbolisieren soll.

Anreger, Ermöglicher, Organisator, Geldbeschaffer, Vermittler und Menschenführer: Zur Neueröffnung des Zürcher Opernhauses 1984 erhält Drese einen goldenen Notenschluessel, der die Hausschlüssel symbolisieren soll. Bild: Keystone

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Noch bis vor kurzem konnte man ihn im Opernhaus sehen. Er nahm wahr, was sein Nach-Nachfolger Pereira leistete, wie er mit stets neu zu erkämpfenden Sponsorengeldern auf dem Hochseil des Spitzenniveaus balancierte. Er bewunderte, was zu bewundern war, und bemängelte, was ihm zu fehlen schien: moderne Stücke etwa, neue Ansätze.

Pereira konnte auf dem aufbauen, was Claus Helmut Drese in seiner Zeit, die man wahrlich eine Ära nennen kann, begründet hatte. Von 1975 bis 1986 leitete Drese die Zürcher Oper, in diesen Jahren wurde sie zur Pilgerstätte, zur Referenzbühne, zum Vorbild. Drese engagierte Sänger der Spitzenklasse, pflegte aber auch ein Ensemble von hoher Qualität, mit dem sich anspruchsvolle Projekte realisieren liessen. Und er liebte Projekte.

Ein solches Projekt war der Zyklus der grossen Mozart-Opern, wie er ihn ähnlich zuvor schon in Köln auf die Bühne gebracht hatte, schon damals mit dem genialen Regisseur Jean-Pierre Ponnelle. Ponnelle und der Dirigent Nikolaus Harnoncourt waren dann das Zürcher Traumpaar bei Mozart, vor allem aber bei Claudio Monteverdi. Dessen Opern waren jenseits der Spezialistenzirkel so unbekannt, dass Drese seinem Verwaltungsrat erst einmal erklären musste, wer dieser Komponist überhaupt sei. Und dass man ihn nicht in irgendeiner Bearbeitung spielen wolle, sondern original: mit Originalinstrumenten, in der Spielweise ihrer Zeit.

Der Monteverdi-Zyklus unter Ponnelle und Harnoncourt war nicht nur das Zürcher Opernereignis der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, es war eine Grosstat des modernen Musiktheaters, dem damit auch ein weiterer Ausweg aus dem Repertoire-Einerlei gezeigt wurde – es gab eben nicht nur den Blick in die Gegenwart, sondern auch den zurück, ins Barock und Vorbarock.

Heute tummeln sich auf den Spielplänen auch kleinerer Häuser die Händels, Scarlattis und kleineren Meister, und der Opernpionier Monteverdi hat es gar zum Kultkomponisten gebracht. Das ist nicht zuletzt das Verdienst Claus Helmut Dreses, des Anregers, Ermöglichers, Organisators, Geldbeschaffers, Vermittlers und Menschenführers. Der Zürcher Zyklus wurde an den besten Adressen aufgeführt, von Wien über Berlin und Edinburgh bis an die Mailänder Scala, und trug die Botschaft von der neuen Opernqualität an der Limmat in die Welt.

Kampf um den Opernkredit

Während seiner Zürcher Jahre wurde die Oper saniert und erweitert; Drese bewies Geschick im Aufspüren alternativer Spielorte, von Kirchen bis zum Hallenstadion. Das brachte manchen, der sich noch nie in den «Tempel» am Sechseläutenplatz getraut hatte, in Kontakt mit dieser eigenartigen Kunstform. Gerade der Erweiterungsbau und der dafür nötige Kredit von 61 Millionen führte aber auch zu jener Protestbewegung, die als «Zürcher Opernkrawall» in die Geschichte einging. Vermutlich waren es gerade die tumultartigen Szenen am 30.?Mai 1980, die – in einer Gegenreaktion – zur Bewilligung des Kredits an der Urne führten.

Drese war ein Entdecker, ein kluger Programmdramaturg, ein fähiger und visionärer Intendant. Er war aber auch ein Regisseur von Rang; an die 70 Inszenierungen schuf er im Lauf seines langen Bühnenlebens. Darunter ist der Zürcher «Ring» und eine «Bohème», die fast 30 Jahre auf dem Spielplan stand, aber auch ein schwarzer «Rosenkavalier» in Wiesbaden, von dem Opernkenner heute noch schwärmen.

Erfolge in der ganzen Welt

Dreses Zürcher Jahre waren vielleicht seine besten, sicher die besten für Zürich. Dennoch ging er 1986 nach Wien: Wer könnte schon dem Ruf der Staatsoper widerstehen! Auch dort leistete er Grosses, vor allem mit Claudio Abbado als musikalischem Leiter. Seine Reformpläne stiessen aber auf Widerstand, und fast über Nacht wurde ihm 1991 der Stuhl vor die Tür gestellt. In einem Erinnerungsbuch rechnete er mit dem Wiener Intrigenstadel ab.

Drese, 1922 in Aachen geboren und promovierter Germanist, war ein ungemein gebildeter Mann. Als Dramaturg machte er die «Ochsentour» durch deutsche Theater, die ihn auf die Intendantenposten in Heidelberg, Wiesbaden und Köln führte, bevor er 1975 schliesslich nach Zürich kam. Nach seinem Rausschmiss in Wien beriet er das neue Musikzentrum Megaro Mousikis in Athen.

Erst in den letzten Jahre zog sich Drese, der seit langem in Wädenswil wohnte, von der aktiven Theaterarbeit zurück, genoss das Zuhören und schrieb Bücher. Zu seinem 85. Geburtstag wurde er noch einmal auf die Bühne des Zürcher Opernhauses geholt, der Stätte seiner grössten Erfolge, und bekam 85 rote Rosen in die Hand gedrückt. Am 10. Februar ist er, wie gestern bekannt wurde,im Alter von 88 Jahren gestorben.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.02.2011, 10:23 Uhr

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