Ein Coup, kein Kompromiss

Kirill Petrenko wird Chefdirigent der Berliner Philharmoniker. Eine hoch spannende Wahl.

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Die Überraschung ist perfekt. Da hatte man nach der Nichtwahl von Simon Rattles Nachfolger bei den Berliner Philharmonikern Mitte Mai auf ein langes, zermürbendes Hickhack getippt, auf ein Seilziehen zwischen den Nelsonianern und den Thielemännern im einzigen wahlberechtigten Spitzenorchester der Welt – und nun ist alles anders gekommen. Schneller als angekündigt wurde gestern der neue Chefdirigent der Berliner Philharmoniker ernannt, und es ist weder Andris Nelsons noch Christian Thielemann. Sondern Kirill Petrenko.

Eine überraschende Wahl, und eine vielversprechende. Petrenko, geboren 1972 im westsibirischen Omsk, ist alles andere als eine Kompromisslösung, sondern gehört zweifellos zu den interessantesten Dirigenten derzeit. Auch zu den schüchternsten: Er sucht das Scheinwerferlicht nicht, und wenn er doch einmal ein Interview gibt, äussert er vor allem Zweifel. «Ich habe über mich gelernt: Was einmal gut ging, geht das nächste Mal wieder schief», hat er einmal gesagt. Und dann angefügt, er scheitere immerhin stets gut vorbereitet.

Kraftvoll und eigenwillig

Das mag kokett klingen, ist es aber nicht. Wenn Petrenko dirigiert, fällt tatsächlich vor allem auf, wie wach er reagiert, wie genau er zuhört, wie präzis er seine Interpretationen entwickelt. Fern der Routine, ohne jegliche Allüren, immer aus dem Moment heraus. Die Berliner hat er damit bereits früher begeistert. Andreas Homoki hatte ihn 2002 an die Komische Oper geholt, und der damals erst 30-Jährige schaffte, was ihm kaum einer zugetraut hätte: Er dirigierte sich rasch aus dem grossen Schatten heraus, den Daniel Barenboim von der Staatsoper unter den Linden her herüberwarf.

Seine Interpretationen waren kraftvoll und eigenwillig, das Orchester klang gut unter seiner Leitung, nur sehr ungern liess man ihn 2007 wieder ziehen. Seither hat er vielerorts Furore gemacht. In Bayreuth etwa, wo er den von Frank Castorf inszenierten «Ring des Nibelungen» zum musikalischen Ereignis machte. Oder an der Bayerischen Staatsoper in München, wo er 2013 als Generalmusikdirektor einstieg (man wird ihn auch dort nur sehr ungern ziehen lassen).

Stets abgewinkt

Und nicht zuletzt auch bei den Berliner Philharmonikern, die er bisher in sechs Programmen geleitet hat. Oft, so war nach seiner Wahl zu hören, sei er auch als Zuhörer in Konzerten gewesen. Nicht als Kandidat für Rattles Nachfolge, da hatte er stets abgewinkt.

Nun hat er doch zugesagt, 2018 wird er nach Berlin wechseln. Er wird sich gut vorbereiten darauf. Und sich vielleicht irgendwann auch an den Gedanken gewöhnen, dass er nun allen Widerständen zum Trotz eben doch im Rampenlicht gelandet ist.

Erstellt: 22.06.2015, 15:17 Uhr

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