Ein Pianist auf der Säule, einer auf dem Schlachtross

Gipfeltreffen in der Zürcher Tonhalle: Altmeister Michail Pletnev wählte die Askese, Jungstar Igor Levit feierte einen Triumph.

Einer der grossen seines Fachs: Der russische Pianist Michail Pletnev trat in der Tonhalle auf. Foto: Angel Medina G (Epa, Keystone)

Einer der grossen seines Fachs: Der russische Pianist Michail Pletnev trat in der Tonhalle auf. Foto: Angel Medina G (Epa, Keystone)

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Klaviermekka Zürich! Regelmässig sind die Grössten ihres Fachs in der Tonhalle zu hören, und regelmässig ist der Altersdurchschnitt im Publikum dann ein wenig tiefer als sonst. Klassische Klaviermusik hat ja oft ein virtuoses Moment, am Rande der sportlichen Performance; beeindruckendes Fingergewirbel ist ein Mittel der Attraktion, das nur wenige ­Asketen wie András Schiff verweigern.

Michail Pletnev tat es auch. Der Auftritt des 57-jährigen Russen am Dienstag war mehr ein Exerzitium als ein Konzert, und wenn er es statt vom Klavierhocker von einer Säule aus absolviert hätte wie ein moderner Anachoret, wäre das gerade passend gewesen. Heruntergefallen wäre er nicht, weil sich seine Körperbewegungen streng auf Finger und Unterarme beschränkten.

Passend auch die Wahl der Stücke: Schumanns «Humoreske», ein eher melancholisches als humorvolles, überdies ziemlich zerfahrenes Stück; und auch Skrjabins Préludes op. 11, eine hübsche, aber etwas epigonale Hommage an ­Chopin, verleitet nicht gerade zu Temperamentsausbrüchen. Sie bedürften ihrer aber, um nicht zu einer langen ­Meditation zu geraten – und genau dies passierte in Pletnevs Interpretation.

Er sass da, allein mit sich, dem Flügel, der Musik und vielleicht noch mit dem Geist Schumanns; dass da auch ein Publikum war und gefesselt werden wollte, war ihm offenbar nicht bewusst – oder gleich. Zuhören war ja erlaubt. Zu hören war eine introvertierte, fast autistische Séance eines Pianisten, der sich dermassen perfekt in die Werke eingefühlt hatte, dass er nahezu in ihnen verschwand.

Mehr Nebel als Sturm

Die Probe aufs Exempel dieser These lieferte Beethovens dramatische «Sturm»-Sonate op. 31,2, die überhaupt nicht zu Pletnevs Herangehensweise passt und die der Pianist deshalb verfehlte: mulmig im Ton, mezzoforte, fast temperamentlos kam sie daher. Mehr Nebel als Sturm. Schade – Michail Pletnev ist ein Grosser seines Instruments, mehr noch, ein kompletter Musiker, der komponiert, dirigiert und ein bedeutendes Orchester gegründet hat. Sein wunderbar leuchtender, kantabler Ton liess spüren, was er fühlt und kann. Aber an diesem Abend blieb es mehr oder weniger bei ihm, in ihm.

Schwenk zurück zum Vortag: das genaue Gegenteil. Igor Levit, Landsmann Pletnevs, aber eine Generation jünger, von einem flamboyanten Artikel der FAZ-Kritikerin Eleonore Büning gepusht wie einst Chopin von Schumann («Hut ab, ihr Herren, ein Genie») und seither als Klavierwunder gehandelt: Levit ist ein Stürmer und Dränger, und er macht es sich richtig schwer. Nicht nur, weil er für sein Plattendebüt Beethovens fünf letzte Sonaten gewählt hatte. Zu seinem Einstand in der Tonhalle ritt er auf zwei Schlachtrössern ein, die nicht nur alles fordern, was die Finger eines einzelnen Menschen zu leisten imstande sind, ­sondern auch dem Kopf einiges abverlangen. Den Köpfen des Publikums übrigens auch. Beethovens «Diabelli-Variationen» kombinierte Levit mit einem Werk des Amerikaners Frederic Rzewski, den selten aufgeführten, weil mörderisch schweren Variationen über «The people united will never be defeated».

Das Stück entstand 1975, das Thema lieferte ein chilenisches Volks- und Widerstandslied. Ein typisches Werk aus jener Phase, da die komponierende Avantgarde nach politischer Wirkung strebte. Man wird es weiterhin selten ­hören, auch weil sich die meisten Pianisten fragen werden, ob sich der Aufwand lohnt. So wurde Levits Auftritt zum Ereignis – die Verwandlung von Fingertorturen in einen einzigen (über)langen Triumphzug war faszinierend zu verfolgen, aber der musikalische Ertrag fällt auch beim Hören mager aus.

Grandiose Interpretation

Es ist nicht nur die Kombination beider Werke, die den Eindruck erzeugt, Frederick Rzewski habe hier Beethoven übertreffen wollen. Gelungen ist es ihm nur quantitativ. Igor Levit hingegen ist gelungen, nicht nur Rzewskis Monsterstück grandios zu bewältigen, sondern auch die «Diabelli-Variationen» ebenso grandios zu interpretieren. So konnte man nicht nur verfolgen, wie der alte, taube Beethoven die Musik zerschlägt in ihre Einzelteile und noch einmal ganz neu zusammensetzt, sondern auch den Bauplan erkennen, auf dem dieses letzte grosse Gebäude seiner Klaviermusik gründet.

Levit ist erst 26, aber schon so reif, eine Pianistenpersönlichkeit. Er kann den Effekten huldigen, ohne die Substanz zu verraten. Ihn möchte man bald wieder in der Tonhalle hören.

Erstellt: 08.05.2014, 07:00 Uhr

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