Ein zünftiger Schuss Rock 'n' Roll für die Klassik

In Kapuzenshirt und Jeans ans Konzert: International blüht eine neue, junge Klassikszene auf.

«Music formerly known as classical»: Ynight-Klassik im Klub.

«Music formerly known as classical»: Ynight-Klassik im Klub. Bild: Christian Clavadetscher

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Beginnen wir mit den schlechten Nachrichten: Die klassische Musikszene steckt in der Krise, und das manifestiert sich nicht nur in einem persönlichen Eindruck, wenn man als unter 50-Jähriger in der Tonhalle sitzt und sich einsam fühlt, nein, das manifestiert sich in Zahlen. Thomas K. Hamann von der Universität St. Gallen prognostiziert in den nächsten 30 Jahren ohne Innovationsschub einen Rückgang von 36 Prozent des Klassikpublikums, da die Alterung dieses Publikums im Vergleich mit der Gesamtbevölkerung überproportional ist. Anders gesagt: Der typische heutige Konzertbesucher ist vom Aussterben bedroht.

Nicht nur das Publikum, auch der Beruf des Musikers wandelt sich. Immer mehr Portfolio-Arbeiter stehen immer weniger Musikern mit Festanstellungen gegenüber, die Orchesterplanstellen nehmen kontinuierlich ab. Gleichzeitig werden aber tendenziell immer mehr junge Musiker ausgebildet, und Klassikveranstaltungen nehmen rasant zu, ohne dass die Nachfrage mithält.

Das uralte, verstaubte Ritual

So weit die Symptome, doch was sind die Gründe? Eine kürzlich an der Hochschule Luzern durchgeführte Umfrage deutet darauf hin, dass jüngere Zielgruppen sich zwar durchaus von klassischer Musik angesprochen fühlen, jedoch grösste Mühe mit den Traditionen des klassischen Konzertbetriebs haben.

Wie also kann die Aufführungsform sich erneuern? Das gängige Konzertritual hat sich seit seiner Entstehung zu Bruckners Zeiten kaum verändert. Es ist kein Wunder, dass es viele Zuhörer und Sponsoren befremdet. Auch zur Musikerausbildung stellen sich Fragen. Wie können Studiengänge so konzipiert sein, dass sie die Absolventen besser auf die Realität vorbereiten? Die Veranstalter sind ebenfalls gefordert, mitzudenken.

Schliesslich muss überlegt werden, mit welchen Musikformen auf die Neugier junger Menschen eingegangen werden kann. Welche neue Klassik vermag intellektuelle Substanz mit kommunikativer Kraft so zu verbinden, dass Lust auf mehr aufkommen kann? Einfache Crossover-Formate, also die oberflächliche Verbindung von Klassik mit anderer Musik, mögen erste Türen öffnen, bleiben aber von der Substanz her unbefriedigend. Am anderen Pol schreckt die «neue Musik» durch ihre oft als sperrig und austauschbar wahrgenommene Klangsprache jüngere (und ältere) Zuhörer ab; man versucht dann, das Problem durch fantasievolle Vermittlungsansätze zu lösen. Wenn jedoch Vermittlung zwischen Kunst und Publikum überhaupt nötig wird, deutet das auf eine starke Entfremdung hin.

«Indie Classical» aus Brooklyn

Da wären nun neue, integrative Ansätze gefragt. Die gute Nachricht ist, dass sich eine junge Klassikszene entwickelt, die im Aufbruch ist. Diese Szene vibriert, hat einen «Do it yourself»-Charakter und bringt Spannendes hervor. Was sie eint, ist eine lustvolle, grenzüberschreitende und kommunikationsfreudige Haltung jenseits von Dünkel und Elitarismus, aber mit künstlerischem Anspruch und oftmals der Fähigkeit, die Welt zu reflektieren und neu zu deuten.

Wer wissen will, wo richtungsweisende neu komponierte Musik entsteht, sollte nach Brooklyn schauen: Um das Label New Amsterdam Records herum arbeiten Komponisten, Indierock-Künstler, Singer/Songwriter und Kammermusikensembles an neuen Formen. Der Musikpublizist Alex Ross – bekannt von seiner grossartigen Musikgeschichte «The Rest is Noise» – spricht vom «genre-bending ethos» dieser Szene. Das hybride Resultat wird oft Indie Classical genannt, auch wenn die Künstler dieser Schubladisierung ambivalent gegenüberstehen. Aber der Begriff hebt doch Klischees aus den Angeln – Zen Funk des Schweizer Pianisten und Komponisten Nik Bärtsch lässt grüssen.

Neben der Indie-Classical-Szene gibt es einen Casual-Classical-Bereich, in dem klassische Musik eher in Jeans und Kapuzenshirts unterwegs ist als im Anzug. Klassik-im-Club-Formate oder Flashmobs – man schaue sich die umwerfenden Youtube-Clips des Copenhagen Philharmonic Orchestra an – stehen dafür.

Und vieles mehr: Da entwickelt Gabriel Prokofiev, ein Enkel des grossen Komponisten, in London neue Musik und Formate, da wird ein DJ Composer-in-Residence des Chicago Symphony Orchestra, fährt eine brillante Pianistin wie Daria van den Bercken auf einem Anhänger durch Städte und spielt Händel. Da rekomponieren Komponisten wie Max Richter oder Fabrizio Cassol erfolgreich jahrhundertealte Schlachtrösser, da entdecken und entwickeln ausserordentliche Menschen die Kraft des gemeinsamen Musizierens für soziale Zwecke wie bei El Sistema und seinen vielen, bestens vernetzten Ablegern weltweit. Und da entdeckt einer nach dem anderen die Möglichkeiten des Internets. Wer hätte gedacht, dass ein Youtube-Kanal wie der von Smalin mit einfachen Klassikvisualisierungen 100 Millionen Views und viele begeisterte und berührte Kommentare generieren kann? Blogger wie Greg Sandow reflektieren «The Future of Classical Music», junge Festivals wie das Podium-Festival erfinden erfrischende neue Ideen, und Konferenzen wie Classical:next setzen innovative Akzente.

Grosse Spannung zur Krise im traditionellen Modell

Auch in der Schweiz entsteht einiges: Man denke an die erfolgreichen Formate «Tonhalle late», Casino Style Zug oder ZKO im Kaufleuten, an die Cube Concerts des Sinfonieorchesters Basel oder das letztes Jahr mit zwei «Indie Classical Nights» lancierte Loungeformat beim Lucerne Festival, an das zwischen den Genres agierende Kaleidoscope String Quartet – Gewinner des ZKB-Jazzpreises 2012 – oder an das Zentralschweizer Jugendorchester, das seinen Einstand mit der Beatboxerin Steff la Cheffe gab.

Es spriesst wie im Frühling in der jungen Klassikszene, und man sucht Wege, wie die Pflänzchen grösser und stärker werden können. Die Spannung zur Krise im traditionellen Modell könnte nicht grösser sein. Gleichzeitig bringen junge, brillante Musiker und Musikerinnen wie Anna Prohaska, Patricia Kopatchinskaja oder Sol Gabetta Impulse ins bestehende, vom Starkult getriebene System.

Manch einer mag sich trotzdem fragen, warum sich die Beschäftigung mit dieser Musik im 21. Jahrhundert lohnt. Mir scheint, dass in einer Welt der zunehmenden Vernetzung, des Storytellings, des Durstes nach Sinn die «music formerly known as classical» hochaktuell sein kann, wenn sie kreativ kontextualisiert und neu erfunden wird. Dafür muss sie aber mutig ihr dickes Make-up in Form von Konventionen und Regeln ablegen und sich einen zünftigen Schuss Rock 'n' Roll gönnen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.12.2013, 08:26 Uhr

Der Autor

Der Berner Geiger und Dirigent Etienne Abelin spielt u. a. im Lucerne Festival Orchestra und in Claudio Abbados Orchestra Mozart. Er ist Mitbegründer von Superar Suisse – El Sistema in der Schweiz sowie der stilübergreifenden Konzertreihe Ynight. Nächste Konzerte: 19. Dezember, 21 Uhr, im Club Blok Zürich, und 21. Dezember, 20.30 Uhr in der Café-Bar Turnhalle Bern. www.ynight.ch.

Flashmob mit dem Copenhagen Philharmonic Orchestra

Daria van den Bercken

Smalin: Debussy

Indie Classical Brooklyn: Vokal

Gabriel Prokofiev: Streichquartett und Remix

Indie Classical Brooklyn: Shara Worden und Kammerensemble

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