«Entscheidend ist Ehrlichkeit»

Der Dirigent Kent Nagano hat drei Kontinente, die Mikrobiologie und einen Bauernhof in seiner Biografie. Nächste Woche ist er mit seinem Montreal Symphony Orchestra auf Schweiz-Tournee.

«Man darf keine Kompromisse machen, das ist eine Frage des Respekts gegenüber dem Publikum»: Kent Nagano.

«Man darf keine Kompromisse machen, das ist eine Frage des Respekts gegenüber dem Publikum»: Kent Nagano. Bild: PD

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Sie sind ein leidenschaftlicher Surfer – gibt es für Sie Ähnlichkeiten im Umgang zwischen Wellen und Klängen?
Beim Surfen wie beim Dirigieren geht es um Bewegungen, die nicht stören. Wenn ein Dirigent unnatürliche Gesten macht, klappt die Kommunikation mit dem Orchester nicht. Man könnte auch sagen, es brauche auf dem Wasser wie vor einem Orchester einen Sinn für Balance; ohne körperliches Gleichgewicht gibt es auch kein künstlerisches.

Sie stellen sich also nicht als Dominator vor ein Orchester, sondern als Teil von ihm?
Karl Böhm pflegte zu sagen, wenn er wirklich gut dirigiere, werde er gewissermassen unsichtbar. Das ist ein interessanter Gedanke. Aber vielleicht ist er doch etwas zu einfach, denn Musizieren ist ja nie nur eine einzige Sache. Es gibt Momente, in denen man etwas zulassen muss, in denen man eins wird mit dem Orchester; aber dann wieder muss man daraus heraustreten, eine Richtung vorgeben. Es sind ganz verschiedene Dinge nötig, um aus einem Orchester das Beste herauszuholen.

Wie ist denn menschlich die ideale Beziehung zu einem Orchester? Wie viel Nähe, wie viel Distanz?
Entscheidend ist Ehrlichkeit. Da soll nichts Künstliches oder Vorgespieltes sein in dieser Beziehung, wie überhaupt in jeder Beziehung. Meiner Erfahrung nach ist das die wichtigste Voraussetzung für intensives Musizieren. Eine andere ist Professionalität: Ein Dirigent soll die Musiker als Profis respektieren. Persönliche Dinge und den Alltag hält man dagegen besser draussen.

Sie suchen also keine Freunde unter den Orchestermusikern...
So klingt es zu negativ. Es geht eher darum, eine gewisse Objektivität zu behalten. Das gilt ja nicht nur für Dirigenten, sondern auch für Lehrer oder Manager; nur wenn man diese Objektivität hat, kann man seine Rolle wirklich gut erfüllen. Ich bin überzeugt, dass man in einer gesunden professionellen Verbindung das Potenzial eines Orchesters am ehesten ausschöpfen kann.

Sehen Sie Unterschiede zwischen europäischen und amerikanischen Orchestern?
So allgemein kann man das nicht sagen. Allein in Berlin gibt es neun Vollzeitorchester, die ganz unterschiedlich sind, in ihrem Klang, ihrer Geschichte – wie soll man da die Orchester von ganzen Kontinenten sinnvoll charakterisieren können? Aber einen Unterschied gibt es trotzdem: Der grösste Teil des Konzertrepertoires ist in Europa entstanden. Und es ist nicht dasselbe, ob man sich mit Musik aus der eigenen Kultur oder aus einer anderen befasst. Wobei ich das nicht wertend meine, das eine ist nicht besser als das andere.

Sie sind Amerikaner japanischer Herkunft, haben aber vor allem von Europäern gelernt – von Olivier Messiaen, von Pierre Boulez.
Sie waren entscheidend für mich, als ich bereits Musiker war. In der Ausbildung haben mich viele deutsche Lehrer geprägt, die während des 2. Weltkriegs in die USA emigriert sind. So habe ich die europäische Tradition auf sehr direkte Weise kennen gelernt. Und darum ist es für mich auch so interessant, in Montreal zu arbeiten, da ist die europäische Ästhetik stärker präsent als in den USA oder im englisch-sprachigen Kanada; es ist ein anderer Rhythmus da, eine andere Sensibilität.

Dass Musik eine Universalsprache sei, ist also nur ein Klischee?
Die grössten Meisterwerke sind sicher jene, die eine Art universelle Kommunikation ermöglichen. Das ist ja auch der Grund, warum klassische Werke derzeit in China so populär sein können: Die Inhalte von Beethoven, Bach oder Mozart bleiben wichtig, über alle Grenzen hinweg. Aber so wie die Komponisten ihre Werke aus einer sehr individuellen Inspiration heraus geschrieben haben, so müssen sie immer wieder individuell interpretiert werden, von den Musikern wie von den Zuhörern. Und da gibt es eben Differenzen, wie das geschieht.

Sie nennen lauter Komponisten vergangener Jahrhunderte – dabei gehören Sie zu jenen Dirigenten, die sich auch fürs Zeitgenössische engagieren.
Seltsam, darauf werde ich immer wieder angesprochen, obwohl ich gar nicht so viele neue Werke dirigiere. Jedenfalls weniger als manche meiner Kollegen. Aber vielleicht entsteht der Eindruck dadurch, dass die zeitgenössischen Werke, die ich aufführe, oft einen gewissen Eindruck machen, dass sie bleiben.

Auch das ist ja keine Selbstverständlichkeit: Dass die Werke bleiben. Wie erreicht man das?
Ich versuche sehr gewissenhaft zu sein, was die Qualität angeht. Mein Büro erhält pro Jahr vielleicht 2000 Partituren. Etwa alle drei Jahre ist da ein Werk, von dem ich wirklich glaube, dass es aufgeführt werden muss.

Und wenn Sie es dann aufführen?
Auch da darf man keine Kompromisse machen, das ist eine Frage des Respekts gegenüber dem Publikum. Denn es ist ja eigentlich nicht bequem, in ein Konzert zu gehen: Man muss sich durch den Verkehr zwängen, einen Parkplatz suchen, eine Karte bezahlen – die Leute sind also im Konzert, weil sie das wollen. Und sie sind in der Regel sehr sensitiv, sehr offen. Wenn man ihnen etwas bietet, an das man selber nicht hundertprozentig glaubt, dann merken sie das sofort.

In welcher Haltung zur Musik sind Sie selbst aufgewachsen?
Meine Mutter war Mikrobiologin, ausserdem Pianistin und Cellistin. Mein Vater war Ingenieur und Architekt. Aus komplizierten Familiengründen mussten sie dann ihre Karrieren aufgeben und den Bauernhof meines Grossvaters übernehmen. Ich bin also in einer ziemlich unüblichen Konstellation aufgewachsen: Als Bauernsohn, mitten in der Natur, aber mit all diesen anderen Inhalten im Hintergrund. Von meinem Vater habe ich sicher das strukturelle Denken gelernt, das Verständnis für Form und Balance. Von meiner Mutter dagegen, dass Wissenschaft und Kunst nicht Gegensätze sind, sondern zusammengehören. Wenn man in der Mikrobiologie Variationen und Mutationen beobachtet, dann beobachtet man kreative Prozesse.

Eine alte Einsicht: Auch in der Mathematik gibt es Schönheit.
Und wie! Es geht doch überall um die Suche nach Perfektion. Dass man sie nie finden kann: Das ist das Paradox, mit dem Künstler wie Wissenschaftler leben müssen. Genau dies ist meiner Meinung nach der Grund, warum die Leute immer wieder ins Konzert gehen: Dort hat man die Chance, einen flüchtigen Moment von Perfektion zu erhaschen. Nicht oft, aber manchmal.

Und was dann?
Ein Musikwissenschaftler hat mir einmal gesagt, er frage sich nach jedem Konzert: Hat das jetzt mein Leben verändert? Das ist eine gute Frage. Und ich glaube tatsächlich daran, dass eine wunderbare Aufführung der Goldberg-Variationen ein Leben verändern kann.

Erstellt: 07.03.2014, 08:17 Uhr

Video

Kent Nagano und sein Orchester spielten in Montreal Werke von Rossini, Beethoven und Bruckner. (Video: Youtube)

Kent Nagano in der Schweiz

Kent Nagano, geboren 1951, dirigierte bereits als 8-Jähriger den Kirchenchor im kalifornischen Morro Bay. Nach seinem Studium wurde er Korrepetitor in Boston – und lernte den Komponisten Olivier Messiaen kennen, dessen Gesamtwerk er eingespielt hat. Nagano wirkte als Chefdirigent u.a. an der Oper in Lyon und an der Bayerischen Staatsoper. 2015 wird er Generalmusikdirektor an der Hamburgischen Staatsoper. Nächste Woche ist er auf Migros-Classics-Tournee mit seinem Montreal Symphony Orchestra.
Konzerte: 11.3. Zürich, 12.3. Bern, 13.3. Genf. www. migros-kulturprozent-classics.ch (TA)

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