«Er hat mich zerstört»

Die klassische Musik ist für ihre Anhänger derart erhaben, dass es da keine Pädophilie geben kann. Nun wird aber Stardirigent James Levine von mehreren Männern genau dessen beschuldigt.

Seit 1971 Dirigent an der New Yorker Met: James Levine in den 80er-Jahren. Foto: Ted Thai (Life, Getty Images)

Seit 1971 Dirigent an der New Yorker Met: James Levine in den 80er-Jahren. Foto: Ted Thai (Life, Getty Images)

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Nicolas Gombert war ein Starkomponist der Renaissance, angestellt bei Kaiser Karl V. persönlich. Dann aber soll er sich an einem der ihm anvertrauten Chorknaben sexuell vergriffen haben. Gombert wurde verurteilt und sollte seine Strafe auf den kaiserlichen Galeeren abbüssen – damals ein Todesurteil auf Raten. Angeblich habe Gombert dann aber acht Magnificat-Stücke komponiert, Musik von betörender Süsse und Schönheit, und Kaiser Karl habe ihn daraufhin, hingerissen davon, begnadigt.

Pädophilie kam in den rein männlich geprägten Hierarchien der Kirche und damit auch in den Kirchenchören spätestens seit dem Mittelalter immer wieder vor. Aber auch die bürgerliche Musikkultur kennt Fälle von Pädophilie. Die Skandale bei den Regensburger Domspatzen sorgten für weltweite Aufregung und befeuerten das immer latent vorhandene Misstrauen gegen solche Institutionen. Die sind deshalb zunehmend darauf aus, jeden Anfangsverdacht auf sexuelle Übergriffe konsequent auszuschliessen.

Aber nur sehr selten dringen solche Fälle an die Öffentlichkeit und werden aktenkundig. Gemutmasst wird deshalb häufig, dass Pädophilie liebend gern durch Anwälte und/oder Geld aus der Welt geschafft und vertuscht wird. Zumal die musikbegeisterte Welt allzu leicht bereit zu sein scheint, die hehre Kunst vor jedes Kindeswohl zu setzen.

Jetzt ist wieder ein solcher Fall ruchbar geworden – nun allerdings in den allerhöchsten Etagen des Klassikgewerbes. Wie die «New York Times» in ihrer Samstagsausgabe berichtete, liege der New Yorker Metropolitan Opera (Met) schon seit letztem Jahr ein Polizeibericht vor, laut dem ihr früherer langjähriger Chefdirigent James Levine ab 1985 einen damals 15-Jährigen neun Jahre lang sexuell missbraucht habe.

Imageschaden wäre verheerend

Nun ist der 74-jährige James Levine einer der weltweit grossartigsten Dirigenten. Er hielt die Met über Jahrzehnte in 2500 Vorstellungen in der vordersten Reihe der Opernhäuser und trat erst im letzten Jahr wegen seiner Parkinsonerkrankung von seinem Chefposten zurück. Umso erschütternder sind jetzt diese Vorwürfe, die nicht nur ein Lebenswerk zu entwerten drohen, sondern, falls wahr, das bedeutendste amerikanische Klassikinstitut desavouieren würden.

Wer wird schon glauben wollen, dass niemand dort mitgekriegt hat, was der allgegenwärtige Levine in der Met – «my opera house is my home» – neben seinem Musikjob alles gemacht hat? Und wenn jemand sexuelle Übergriffe mitbekommen haben sollte, aber geschwiegen hat: Der Imageschaden wäre verheerend. Laut Metropolitan Opera bestreitet Levine die Vorwürfe, juristisch wären sie zudem wohl verjährt.

Die «New York Times» legte nach und präsentierte drei weitere Fälle sexuellen Missbrauchs, in die Levine verwickelt sein soll. Der früheste dieser Fälle datiert von 1968, und sie alle werden bis in die kleinsten Sexualdetails beschrieben. Im Gegensatz zum Ankläger aus dem Polizeibericht treten die drei Männer nicht anonym auf, sondern werden bei ihrem vollen Namen genannt. Einer von ihnen fasst sein Drama so zusammen: «Ich war verwundbar. Ich stand im Bann dieses Mannes, ich sah ihn als Beschützer. Das nutzte er aus, er missbrauchte mich, er hat mich zerstört.»

Laut Peter Gelb, dem Chefmanager der Met, gab es schon früher zwei einschlägige Anschuldigungen gegen Levine. Gelb dazu: «Wir glauben nicht, dass an diesen Anschuldigungen etwas Wahres dran ist.» Damit folgt er dem gängigen Abwehrschema, wenn es um sexuellen Missbrauch geht. Aber seit die Weinstein-Affäre die Kinowelt als einen Pfuhl von Belästigern und Vergewaltigern erscheinen lässt, kommt niemand mehr mit dieser billigen Standarderklärung durch. Mittlerweile führt die Met eigene Ermittlungen durch, sie hat einen externen Juristen mit der Klärung be­auftragt und sämtliche Verpflichtungen Levines storniert.

Das alles sind erst einmal Anschuldigungen – die Untersuchungen haben erst begonnen, es gibt bisher keinen Prozess und kein Urteil. Aber Gerüchte über Levine und seine angeblichen sexuellen Vorlieben gibt es schon lange. Als er 1997 als Nachfolger des Kunsthohepriesterdirigenten Sergiu Celibidache bei den Münchner Philharmonikern verpflichtet werden sollte, kursierten bereits Pädophiliegerüchte, die zwar die verdruckste Diskussion befeuerten, aber – als blosse Gerüchte – nicht explizit publiziert werden konnten. Die Grünen verlangten damals sogar ein Führungszeugnis von Levine – und entschuldigten sich nach seiner Wahl ganz formell bei ihm.

Der Vorteil der Täter

Wie pädophile Übergriffe einen Menschen psychisch und physisch zerrütten können, ihn am Abgrund von Drogen und Selbstzerstörung zu leben zwingen, das hat der englische Klassikpianist James Rhodes in seiner bis in die grausamsten und unappetitlichsten Details gehenden Autobiografie «Der Klang der Wut» (2016) beschrieben. Rhodes wurde als Kind von seinem Sportlehrer vergewaltigt. Niemand, auch nicht die Eltern, glaubten ihm; er musste die Publikation des Buchs gerichtlich gegen seinen Vergewaltiger durchsetzen.

Denn Rhodes macht klar, wie erschreckend selbstverständlich Pädophilie sich in jedem noch so behüteten Kinderalltag ereignen kann. Kinderschänderei wird von der Gesellschaft zwar als eine ganz besondere Niedertracht verfemt; andererseits will man sie honorigen Personen wie Lehrern, Verwandten oder Dirigenten einfach nicht zutrauen. Schon deshalb sind die Täter im Vorteil, schon deshalb werden viele Taten nie publik, schon deshalb bleibt das Thema meist in einer undurchdringlichen Grauzone.

Der Meisterdirigent Andris Nelsons – er leitet weltweit renommierte Orchester in Boston und Leipzig – hat gerade mit Hinblick auf die Weinstein-Affäre in einem Radiointerview erklärt, dass sexuelle Belästigung in der klassischen Musik keine Rolle spiele. Diese Einschätzung brachte viele Menschen gegen Nelsons auf, weil sie nicht nur dumm und naiv ist, sondern durch Beschönigen die sexuelle Belästigung geradezu begünstigt.

Nelsons argumentiert nach einem allzu vertrauten Schema: Die klassische Musik ist für ihre Anhänger ein derart hehres, erhabenes und deshalb weltabgehobenes Gefilde der reinen Schönheit, dass es da per se keine Nazis geben kann, keine Diktatorenfreunde, keine Vergewaltiger und keine Pädophilen.

Egal, ob die Vorwürfe gegen James Levine stimmen oder nicht: Der Klassikbetrieb wird nicht darum herumkommen, Pädophilie und Belästigung durch Kontrollmechanismen möglichst auszuschliessen. Nur Schönreden à la Nelsons macht alles nur schlimmer.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.12.2017, 18:32 Uhr

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