Er komponiert Musik ohne Anfang und Ende

Der ukrainische Komponist Valentin Silvestrov gehört zu den Leisen seiner Zunft. Dieser Tage feiert er seinen 75. Geburtstag.

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Leise und zerbrechlich scheint die Musik Valentin Silvestrovs in einem zeitlosen Raum zu schweben. Reminiszenzen an Mozart, Chopin und Mahler vermischen sich mit der Klangsensibilität eines Komponisten, der die Schule der Neuen Musik durchlaufen hat. «Ich schreibe keine neue Musik: Meine Musik ist Antwort und Echo auf Vorhandenes», so das Credo des Komponisten.

Das war nicht immer so. Der 1937 in Kiew geborene Silvestrov wurde Ende der 50er-Jahre zu einem der führenden Vertreter der «Kiewer Avantgarde», einer Gruppe, von welcher – trotz grosser Widerstände der sowjetischen Kulturkreise – wichtige innovative Impulse für die ukrainische Musik ausgingen. Die aus der Zweiten Wiener Schule um Schönberg entwickelten Materialien und Methoden zeigten sich damals auch in der Sowjetunion, etwa durch Hanns Jelineks «Anleitung zur Zwölftonkomposition» in der russischen Übersetzung. Silvestrov eignete sich diese Techniken an, behielt jedoch ein auf Expressivität zielendes Idiom bei.

Dank der guten Beziehung des Dirigenten Igor Blazkows in den Westen fand Silvestrovs Musik in den frühen 60er-Jahren den Weg nach Zentraleuropa und an die Darmstädter Ferienkurse (zu denen er selber nicht reisen durfte). Sie wurde dort von Pierre Boulez gefördert, von Bruno Maderna dirigiert und von Theodor W. Adorno gelobt: «Mein Eindruck von Silvestrov war der eines überaus begabten Menschen. Den Einwand mancher Puristen, seine Musik sei zu expressiv, vermochte ich nicht zu teilen und fände es schade, wenn er nun mehr oder minder mechanisch für sich das repetieren wollte, was während den letzten 20 Jahren in Westeuropa sich zugetragen hat», schrieb Adorno 1964 in einem Brief.

Nachhall aus vergangener Zeit

Zehn Jahre später sollte die Musiksprache Silvestrovs eine gänzlich andere sein. In den 70er-Jahren wandte er sich von der westlichen Avantgarde ab und schuf auf der Basis tonaler und modaler Tonmaterialien eine Musik, die aus der Nostalgie genährt wird und in Stille mündet. Es ist eine Musik ohne Anfang und Ende, ein Nachhall aus einer vergangenen Zeit.

Elegisch leise klingen viele Stücke nach der stilistischen Neuorientierung, sie lassen sich Zeit, mäandrieren ins Weite oder kreisen um sich selbst: Der zweistündige Zyklus «Stille Lieder» (1974–1977) etwa ist berückend schöne, verinnerlichte Musik, wie hinter einem Schleier verborgen; die zentrale 5. Symphonie (1980–1982) nennt Silvestrov selbst eine «Postsymphonie», ein Postludium auf vergangene Musikstile.

Ein Einschnitt im Leben Silvestrovs war der überraschende Tod seiner Frau, der Musikwissenschaftlerin Larissa Bondarenko, im Jahr 1996. Für sie schrieb er ein berührendes Requiem und entzog sich dadurch der Umklammerung einer tiefen Trauer, die ihm seine musikalische Sprache zu rauben schien. In der letzten Dekade hat sich Silvestrov der musikalischen Kleinform angenommen. Viele «Moments musicaux» entstanden: Bagatellen, Wiegenlieder, Nocturnes, Serenaden, welche äusserst einfach und eingängig klingen, jedoch bis ins kleinste agogische Detail ausgearbeitet sind.

Ein Stück Himmel

Seit über 40 Jahren wohnt Valentin Silvestrov in demselben einfachen Appartement in einer sowjetischen Plattenbausiedlung in Kiew. Der Drang nach Westeuropa, den viele sowjetische Komponisten wie Arvo Pärt, Alfred Schnittke, Giya Kancheli oder Sofia Gubaidulina verspürten, scheint bei ihm nicht vorhanden zu sein. Von seinem Fenster aus könne er das Kiewer Kloster und ein Stück Himmel sehen, mehr brauche er nicht, sagt er im Dokumentarfilm «Dialoge – der Komponist Valentin Silvestrov» von Dorian Supin. In seiner Wohnung hat alles seinen angestammten Platz. Raum für Veränderungen gibt es nur in seiner Musik. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.09.2012, 08:48 Uhr

«Sacred Songs» mit Chorwerken von Valentin Silvestrov (ECM New Series).

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