Er wollte gefragt werden

Der 54-jährige Este Paavo Järvi wird der neue Chefdirigent des Zürcher Tonhalle-Orchesters: Eine gute Wahl.

Ein breites Repertoire, viel Erfahrung und einen trockenen Humor: Paavo Järvi bringt vieles mit. Foto: Samuel Schalch

Ein breites Repertoire, viel Erfahrung und einen trockenen Humor: Paavo Järvi bringt vieles mit. Foto: Samuel Schalch

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Hätte Paavo Järvi einen Hang zum Pathos, würde er wohl von Liebe auf den ersten Blick reden. So etwas muss es gewesen sein im vergangenen Dezember, als er mit dem Tonhalle-Orchester Schumanns Sinfonie Nr. 3 aufführte. Jedenfalls, so sagte er an der gestrigen Medienorientierung, habe er nach dem Konzert gedacht: Wenn die mich fragen würden, dann würde ich Ja sagen.

Und sie haben ihn gefragt. Von den 70 Namen, mit denen sich die Findungskommission befasst hat, sei zuletzt nur noch seiner übrig geblieben, sagte Tonhalle-Intendantin Ilona Schmiel. Tatsächlich ist Järvi – gerade nach dem missglückten Versuch mit Lionel Bringuier – ein idealer Kandidat: Mit 54 Jahren hat er viele Erfahrungen gesammelt, nicht nur als Dirigent, sondern auch als Chefdirigent. Gleichzeitig ist er zu jung, um nur noch seine Altstar-Allüren zu pflegen. Er hat ein Repertoire, das vom Mainstream bis in ziemlich entlegene ­Gefilde reicht, dazu ein grosses Netzwerk und einen trockenen Humor. Er schätzt langjährige Zusammenarbeiten. Und er steht dem klassischen Glamour so distanziert gegenüber, dass er nicht auf die Wiedereröffnung der renovierten Tonhalle wartet: Bereits in der Saison 2019/20 wird er starten, also noch in der Maag-Halle. Das Orchester wird damit nach dem Auslaufen von Bringuiers Vertrag im Sommer 2018 nur ein Jahr ohne Chefdirigent sein.

Musikalische Verwandtschaft

Er wolle in Zürich «alles geben, was ich geben kann», sagt Paavo Järvi. Das heisst auch, dass er nicht im Sinn hat, alles Bisherige aufzugeben. Seit 2004 leitet er die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen, die mit ihm einen bemerkenswerten Aufschwung erlebt hat. Diese Zusammenarbeit wird er ebenso weiterführen wie jene mit dem NHR Symphony Orchestra in Tokio, das er 2015 übernommen hat. Kollisionen befürchtet er keine: «Ich mache nur Dinge, von denen ich weiss, dass sie möglich sind.»

Auch das klingt nicht nach Pathos, sondern ziemlich pragmatisch. Järvi verspricht den Zürchern nicht das Blaue vom Himmel; er wird nicht hierherziehen, er wird nicht unbeschränkt verfügbar sein. Aber er wird immerhin ähnlich oft mit dem Orchester arbeiten wie sein Vor-Vorgänger David Zinman – nämlich zehn bis zwölf Wochen pro Saison (in der ersten nur neun, weil er da schon ziemlich ausgebucht war). Und, daran lässt er weder im Konzert noch im Gespräch Zweifel aufkommen: Er wird präsent sein in einer Weise, die sich nicht nur in Tagen messen lässt.

Schlagzeug studiert

Geboren wurde er im estnischen Tallinn als Sohn des Dirigenten Neeme Järvi. Er ist also mit Musik aufgewachsen – und hat mit der Entscheidung, Schlagzeug zu studieren, schon früh eine gewisse Eigenwilligkeit gezeigt. 1980 wanderte die Familie in die USA aus, wo er seine Ausbildung (auch als Dirigent) fortsetzte und wo er heute mit seiner Familie lebt. Die Verbindung zu Estland ist allerdings geblieben: 2010 gründete Paavo Järvi in Pärnu ein Festival, zu dem jeweils die ganze Verwandtschaft anreist (auch seine jüngeren Geschwister Kristjan und Maarika und viele weitere Järvis sind Musiker).

Pärnu, Bremen: Das sind nicht unbedingt die Brennpunkte des klassischen Jetsets. Die kennt der vielseits gefragte Järvi durchaus auch – wobei er wohl der einzige Dirigent ist, der ganz lakonisch feststellen kann, dass die Berliner Philharmoniker ja schon sehr gut seien, aber für ihn irgendwie dennoch weniger inspirierend als seine Kammerphilharmonie.

Kraftvoll, aber nicht grob

Vielleicht war es das, was auch sein Zürcher Konzert im Dezember so eindrücklich gemacht hat: dass Järvi nicht kam, um zu blenden und dann wieder abzureisen; sondern um Musik zu machen, die ihm etwas bedeutet. Für Prokofjews Cellokonzert hatte er den Solisten Steven Isserlis mitgebracht, den er schon lange kennt – und mit dem er diesem wirklich sperrigen Stück einen ganz eigenen Zauber verlieh. Und dann war da eben Schumanns Sinfonie Nr. 3; Järvi interpretierte sie kraftvoll, dynamisch, aber nie grob. Als einer, der zuhören kann und dennoch genau weiss, was er will und was nicht.

Dass er nun dieses Orchester will, dürfte ein echter Glücksfall sein.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.05.2017, 20:37 Uhr

«Mir gefällt die Haltung des Tonhalle-Orchesters»

Paavo Järvi sieht die Arbeit in Zürich als langfristiges Engagement.

Was zieht Sie nach Zürich?
Es sind drei Dinge: Erstens das Orchester. Zweitens der Saal – der ist entscheidend; es gibt keine grossen Orchester ohne einen grossen Saal. Und drittens das Team, also das Management, das ganze Umfeld. Es ist sehr selten, dass alle drei Komponenten stimmen. In ­Zürich ist das der Fall.

Sie haben das Orchester einmal 2009 dirigiert und nun im letzten Dezember: Reicht das, um zu wissen, dass die Zusammenarbeit klappt?
Es kann reichen. Es ist, wie wenn man jemanden kennen lernt: Manchmal braucht es Jahre, bis man merkt, dass das die richtige Person ist. Manchmal merkt man es sofort.

Im Dezember haben Sie schon gewusst, dass Bringuier geht.
Ja, aber ich bin nicht mit konkreten Plänen hierhergekommen. Man sollte nicht an solche Dinge denken, sondern an die Musik. Um die geht es – und dann kommt es, wie es kommen muss.

Was sind denn aus Ihrer Sicht die Qualitäten des Orchesters?
Was mich sofort begeistert hat, war der Zusammenhalt, der Ensemble-Geist. Gleichzeitig gibt es sehr viele gute ­Solisten in dem Orchester – auch das ist wichtig, dass im Ganzen nicht die Persönlichkeit verloren geht. Und dann gefiel mir die Arbeitshaltung. Denn wir werden viel Arbeit haben. Auch viel Spass, natürlich.

Sie haben den Tonhalle-Saal erwähnt: Der wird noch im Umbau sein, wenn Sie nach Zürich kommen. Stört Sie der Start im Provisorium?
Nein, das spielt keine Rolle. Eine solche Zusammenarbeit ist ein langer Prozess, da braucht es Zeit, Geduld, manchmal auch taktische oder praktische Kompromisse. Und wenn ich an den Tonhalle-Saal denke, wie er sein wird nach der ­Renovation: Da lohnt es sich wirklich, zu warten.

Das heisst, Sie sehen Zürich als langfristiges Engagement?
Auf jeden Fall. Auch Gastspiele haben ihren Reiz, aber zu mir passen kontinuierliche Zusammenarbeiten besser. Man kann etwas aufbauen, das gegenseitige Verständnis, eine bestimmten Haltung.

Was wollen Sie denn in Zürich aufbauen?
Es gibt eine ganze Liste von Dingen, über die ich nachgedacht habe. Aber ich möchte nicht darüber sprechen, bevor sie sich konkretisiert haben.

Dann verraten Sie auch nicht, mit welchem Stück Sie starten?
Ich weiss es noch nicht. Ich habe einen Plan – aber ich muss erst den Maag-Saal sehen, um zu entscheiden, ob das passt.

Interview: Susanne Kübler (Tages-Anzeiger)

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