Holz mit Seele

Kein Instrument wird intensiver erforscht als die Geige, und über keines weiss man weniger: Das zeigen neue Studien. Lesenswert sind sie trotzdem.

Unersetzliche Diva: Eine Stradivari. Foto: Toby Melville (Reuters)

Unersetzliche Diva: Eine Stradivari. Foto: Toby Melville (Reuters)

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Ein Pfund Holz, ein wenig Lack, vier Saiten: Mehr ist nicht dran an einer Violine. Da kann es doch nicht so schwer sein, ihr Geheimnis zu erforschen: So mochte der Geigenhändler und Verleger Jost Thöne gedacht haben, als er sein grosses Stradivari-Forschungsprojekt plante. Mit den Mitteln des 21. Jahrhunderts wollte er erkunden, was schwärmerische Gemüter die Seele der Stradivari nennen.

Mittlerweile ist Thöne 300 Stradivaris mit Computertomografen, Röntgenapparaten und dem Endoskop auf den hölzernen Leib gerückt; das sind rund zwei Drittel der noch erhaltenen Instrumente aus der legendären Werkstatt, die im 17. Jahrhundert das norditalienische Cremona zum Zentrum der Geigenwelt machte. Alles wurde vermessen und analysiert: Farbnuancen, Holzdicke, Wölbung. Auch ein Dendrochronologe wurde beigezogen, ein Holzspezialist, der anhand der Jahresringe zum Beispiel herausfand, dass Antonio Stradivari aus dem Holz einer einzigen Fichte bis zu zwanzig Geigendecken gefertigt hat.

Antonio Stradivari zum Anfassen. Eine Dokumentation in 8 Bänden. Quelle: Jost Thöne GmbH/Youtube

Gegen solche Methoden haben ­Mythen keine Chance. Wenn es den Zauberlack je gegeben hätte, über den man seit Jahrhunderten munkelt, hätten Thöne und seine Leute die Formel entschlüsselt. Auch den besonderen Pilz, der das Fichtenholz mit klangprägender Wirkung befallen haben soll, hätten sie identifiziert, und vermutlich sogar die Spuren jenes venezianischen Brackwassers, durch das die Stämme beim Transport gezogen wurden und dem manche eine wundersame Wirkung zuschrieben.

Ein Genie

Aber da war nichts zu finden. Der Traum von einer Übersetzung der Stradivari-Seele in Mikrometer und Moleküle ist geplatzt. Nach acht Bänden seiner luxuriös bebilderten Stradivari-Enzyklopädie, nach all den auf 2600 Seiten präsentierten Forschungsergebnissen kommt Jost Thöne zum Schluss, dass es das Stradivari-Geheimnis nicht gebe: «Stradivari war ein Genie», sagte er kürzlich bei einer Podiumsveranstaltung, «dafür muss man keine Erklärung in Form, Wölbung, Holz oder Lack suchen.»

Eine Druckerei mit Spezialauftrag. Zur Entstehung der Stradivari-Bände. Quelle: Pinsker Druck und Medien GmbH/Youtube

«Stradivari war ein Genie»: Das sagt auch der Geiger Frank Peter Zimmermann. Keiner hat die Persönlichkeit der berühmten Geigen in den vergangenen Monaten hymnischer besungen als er – denn nach zwölf Jahren musste er sein unter dem Namen «Lady Inchiquin» bekanntes Instrument Anfang 2015 abgeben. Er hatte es geliehen, wie das üblich ist in dem Geschäft: Reiche Leute investieren ihre Millionen in Stradivaris und überlassen sie dann Stargeigern, weil die Instrumente kaputtgehen, wenn sie nicht gespielt werden; eine Stradivari im Tresor ist irgendwann tatsächlich nur noch ein Stück stummes Holz. Der Besitzer der «Lady Inchiquin» hat das Instrument nun aber verkauft, und Zimmermann leistete in diversen Interviews höchst differenzierte Trauerarbeit.

Er sprach über die Unverwechselbarkeit dieses Instruments, das tatsächlich eine Lady ist oder eher eine Diva; darüber, dass man sich ihren Launen und Möglichkeiten fügen müsse; und vor ­allem darüber, dass man «fast verrückt» werde, wenn so eine Geige plötzlich nicht mehr da ist. Denn ersetzen lässt sie sich nicht, auch nicht durch eine andere Stradivari: Jede ist einzigartig, hat ihren Klang, ihren Charakter. Ihre Seele eben.

Von Lady Inchiquin und General Dupont. Frank Peter Zimmermann erzählt von seinen Stradivari. Quelle: Czech Philharmonic/Youtube

Da erstaunt es nicht, dass der Geigenbauer Antonio Stradivari auch in David Schoenbaums «Kulturgeschichte des vielseitigsten Instruments der Welt» eine prominente Rolle spielt. Und man liest in dem 730-Seiten-Buch durchaus auch Dinge, die man bisher nicht wusste: zum Beispiel, dass Stradivari 42 Geigen hätte verkaufen müssen, um sich sein ­Elternhaus leisten zu können – während man heute mit dem Erlös einer einzigen seiner Violinen bereits eine ziemlich ­luxuriöse Villa bauen kann.

Morde und Fälschungsskandale

Es sind solche Details, die Schoenbaums Buch lesenswert machen. Zehn Jahre lang hat der Historiker und Hobbygeiger recherchiert dafür, von der Geschichte des Instruments über den Geigenhandel bis zu den Lehrmethoden und Spielweisen wird alles mögliche behandelt. Mordgeschichten und Fälschungsskandale werden ebenso detailliert rapportiert wie die Anstellungsbedingungen der Violinisten am Hofe Esterháza im 18. Jahrhundert. Auch die künstlerischen, filmischen, literarischen Hommagen kommen vor. Und zuweilen verliert man sich in der überbordenden, dramaturgisch kaum zu bändigenden Flut von Fakten und Geschichten.

Aber das Wesentliche bekommt man mit – nämlich, wie wenig man trotz allem letztlich weiss über dieses Instrument. Zu seiner Geschichte zum Beispiel: Man kann nur darüber spekulieren, wo, wann und wie die Geige entstanden ist. Instrumente ganz verschiedener Kulturen dürften sich da in einem komplizierten Stammbaum verbunden haben; sie trafen sich auf dem alten Handelsweg der Seidenstrasse oder in verschiedenen Ecken Europas, hiessen Rebec oder Fidel, hatten vier oder auch nur drei Saiten. Irgendwann in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts hatte die Violine dann ihre Form und ihren Namen gefunden.

Nichts für Tugendhafte

Ein Unterhaltungs- und Tanzinstrument war sie damals, leicht zu tragen und zu stimmen, was «eine sehr notwendige ­Sache beim Anführen von Hochzeitsprozessionen oder Mummenschanz» war: So notierte 1556 ein gewisser Philibert Jambe de Fer. «Herren, Kaufleute und andere tugendhafte Menschen» würden ihre Zeit dagegen eher mit der Viola da Gamba verbringen: jenem leiseren, zunächst weit erfolgreicheren Streich­instrument, das dann im Lauf des 17. Jahrhunderts von der energischeren Geige verdrängt wurde.

Es waren nicht zuletzt die Stradivaris, die diesen Wechsel einleiteten und einen Hype auslösten, der bis heute anhält und zu horrenden Preisen, zahlreichen Kriminalfällen und einer bisweilen hysterischen Fankultur geführt hat. Und eben auch zu Geschichten wie jener von Frank Peter Zimmermann, die inzwischen zu einem guten Ende gekommen ist: Vor einer guten Woche hat er seine «Lady Inchiquin» zurückbekommen; wie genau, wurde nicht vermeldet, aber die nordrhein-westfälische Regierung war beteiligt an dem Deal. Und ein Online­kommentator zitierte in seinem Beitrag zur Meldung einen Cellisten, der gesagt habe, ein Instrument sei nicht wie ein Mensch: «Menschen kann man ­ersetzen.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.07.2016, 15:10 Uhr

Jost Thöne: Antonio Stradivari – Library – Edition Band V–VIII. Jost-Thöne-Verlag, Saig 2016. 1344 S., 1680 Abbildungen, 48 Ausklapptafeln, DVD, ca. 2450 Euro.

David Schoenbaum: Die Violine – eine Kulturgeschichte des vielseitigsten Instruments der Welt. Aus dem Amerikanischen von Angelika Legde. Bärenreiter/Metzler, Kassel 2015. 730 S., ca. 65 Fr.
Für eine Leseprobe klicken Sie bitte hier.

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