«Ich spiele jedes Konzert, als wäre es mein letztes»

Der grosse Cellist Mischa Maisky erinnert sich an seine Jugend und seine Verhaftung in der Sowjetunion. Und an den Sony-Recorder, mit dem er einst alle Lektionen von Mstislav Rostropowich aufzeichnete.

«Wenn du Energie gibst, bekommst du sie auch zurück»: Mischa Maisky im Konzert. Foto: Roberto Serra (Iguana Press, Getty Images)

«Wenn du Energie gibst, bekommst du sie auch zurück»: Mischa Maisky im Konzert. Foto: Roberto Serra (Iguana Press, Getty Images)

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Waren Sie mal auf der Krim?
Nein, nie, obwohl ich in der Sowjetunion geboren wurde, in Riga im heutigen Lettland. Die Krim war ein Ferienort für die Sowjetelite, da gehörte meine Familie nicht dazu. Mein Vater war zwar ein treues Mitglied der Kommunistischen Partei, aber ein Kader war er nicht. Im Gegenteil, die Partei hat ihn 1948, in meinem Geburtsjahr, rausgeworfen, und er verlor seinen Beruf.

Warum das?
Weil er Jude war. Gegen Ende der Stalin-Ära wurde das zum Problem. Die wenigsten Leute im Westen wissen, dass man als Jude in der Sowjetunion im Pass stehen hatte: Nationalität – Jude. Alle waren zwar Sowjetbürger, aber jeder blieb ausserdem Lette, Tschetschene, Russe, oder eben Jude. Ich fand es sehr merkwürdig, dass man mich im Westen später als russischen Cellisten bezeichnete, manchmal auch als lettischen, dabei bin ich weder russisch noch lettisch. Ich wurde erst russisch nach meiner Emigration nach Israel, weil ich für die Israelis eben aus Russland kam.

Sie fühlten sich in der Sowjetunion also in erster Linie jüdisch?
So weit ich mich erinnern kann, fühlte ich mich immer anders als der Rest. Aber mein Vater, wie gesagt ein strammer Kommunist, hat sehr darauf geachtet, dass sich meine Mutter und meine Grossmutter nicht auf Jiddisch unterhalten, wenn wir Kinder in der Nähe waren. Er wollte nicht, dass wir uns anders fühlen als die anderen Kinder.

Und – hat das funktioniert?
Was seine kommunistische Überzeugung anging, ja. Er schrieb Briefe an den lieben Genossen Stalin, dass es sich bei seiner Entlassung um ein Missverständnis handeln müsse. Diese Briefe gelangten zwar wahrscheinlich nie weiter als bis zum nächsten Postkasten, aber als Chruschtschow dann den Stalinkult beendete, hat man sich offiziell bei ihm entschuldigt. Seinen Job bekam er allerdings nicht wieder. Es war ein Paradox: Auf der einen Seite liessen sie dich nie vergessen, dass du jüdisch bist. Auf der anderen Seite versuchten die Sowjets, alle Ethnien zu assimilieren, indem sie ihnen verboten, irgend etwas über ihre Geschichte und Religion zu lernen. Wenn jemand noch in den 60er-Jahren versuchte, Hebräisch zu lernen, wurde er wegen antisowjetischer Propaganda bestraft. Übrigens auch bei Yoga. Das war Ausdruck westlicher Dekadenz.

Wer machte denn in den 60ern in der Sowjetunion Yoga? Oh, ich hätte gerne! Fing dann aber erst in den frühen 70er Jahren damit an, als ich schon im Ausland war.

Warum wollten Sie denn raus aus der Sowjetunion?
Das wollte ich gar nicht. Meine Schwester reiste 1969 mit ihren beiden Kindern aus, und das hat mein Leben drastisch verändert. Die Behörden vermuteten, ich würde ihr folgen, da haben sie mich festgenommen. Ein Dissident, der im KGB-Gefängnis Lubjanka verhört wurde, schrieb einmal, der Beamte habe ihn immer «Verurteilter» genannt. Er protestierte und sagte, er sei nicht überführt, nur verdächtig. Da lächelte der Beamte, führte ihn zum Fenster und zeigte auf die Strasse: Schau, siehst du die Leute da unten? Die sind Verdächtige. Du aber bist ein Verurteilter. Juden waren ohnehin alle potentielle Landesflüchtlinge. Wenn aber die eigene Schwester schon weg war, war man bereits schuldig.

Wie lautete die offizielle Anklage?
Die gab es zunächst nicht, und das war ihr Problem. Ich war Lieblingsschüler und einer der besten Studenten von Mstislaw Rostropowitsch, einem Weltstar. Ich hatte den Tschaikowski-Preis für Nachwuchsmusiker gewonnen. Sie haben sich dann ein kompliziertes Verfahren ausgedacht, soll ich es erzählen?

Bitte!
Also, ich war, seit ich mit achteinhalb Jahren begann, Cello zu spielen, besessen von Rostropowitsch. Ich erlebte ihn in St. Petersburg, wohin ich mit 14 Jahren aus Riga an das Musikgymnasium wechselte, da gab er ab und zu Kurse. Ich war vollkommen gebannt. Er war so grossartig, dass ich mich fragte, warum niemand seine Unterrichtsstunden aufnimmt, denn es war unmöglich, diese gewaltige Menge an Information und Energie und Fantasie zu absorbieren. Nachdem ich den Tschaikowski-Preis gewonnen hatte, begann ich bei ihm in Moskau zu studieren und kaufte mir – statt Schuhen, die ich mir für den Wettbewerb leihen musste – von meinem Preisgeld einen Kassettenrecorder, in dem einzigen Second-Hand-Laden in Moskau, in dem es manchmal Elektronik gab. Es war ein Sony. Seitdem habe ich jede Unterrichtsstunde mit Rostropowitsch aufgenommen.

Haben Sie die Bänder noch?
Nein! Viele wurden gestohlen. Nicht wegen des Inhalts, aber weil Kassetten unheimlich wertvoll waren, auf dem Schwarzmarkt kosteten die ein Vermögen. Als sie weg waren, hätte ich mich am liebsten umgebracht. Aber ich habe weitergemacht und einige Bänder haben überlebt. Irgendwann machte der Rekorder Probleme, ich brauchte einen neuen. Damals, in den späten 60er-Jahren, gab es noch die deutsche Firma Uher. Die machten die besten, professionellen Kassettenrecorder mit vier Aufnahme-Geschwindigkeiten. Ich habe technische Spielereien immer geliebt.

Sie mussten also diesen Uher haben.
Richtig. Also ging ich wieder zu dem Gebrauchtwarenladen, und da sagte mir jemand: Ich habe keinen Rekorder, aber das Zertifikat für das Berioska. Das war ein Laden, wo man alles bekommen konnte, auch einen Uher. Um zu kontrollieren, wer dort was kaufte, musste man seine Dollars vorher in einer Behörde gegen ein Zertifikat eintauschen. Und mit dem ging man dann ins Geschäft. Dieser Mann wollte in Urlaub fahren, auf die Krim übrigens, und brauchte Geld. Ich lieh mir also ein paar Rubel, bekam das Zertifikat und besorgte mir das Gerät. Als ich aus dem Geschäft kam, haben sie mich verhaftet.

Warum?
Na, weil ich Jude mit einer ausgereisten Schwester war. Aber bestraft wurde ich dafür, dass ich illegal ein Zertifikat gekauft hatte.

Wie hoch war die Strafe?
Auf illegalen Zertifikatkauf standen zwischen drei und acht Jahre. Für den Weiterverkauf des Geräts hätte es bis zu zwölf Jahre gegeben, im Extremfall sogar die Todesstrafe. Es gibt einen russischen Witz über zwei Freunde, die sich eine lange Zeit nicht gesehen haben, Sie sitzen da, essen und trinken, da sagt der eine zum anderen: Warum warst du 15 Jahre lang im Gefängnis? Und der andere sagt: Ich kann mit dir ja ehrlich sein. Ich habe absolut nichts gemacht. Da schüttelt der andere den Kopf und sagt: Das kannst du mir nicht erzählen. Für nichts bekommt man 12 Jahre, bei 15 muss man etwas ausgefressen haben. Nun ja, am Ende bekam ich nur 18 Monate, die Hälfte der Mindeststrafe. Mein sogenannter Verteidiger, den ich erst nach dem Urteil kennen gelernt habe, konnte es gar nicht glauben. Trotzdem musste ich das Konservatorium verlassen und habe bis heute keinen richtigen Abschluss.

Das hat Ihrer Karriere nicht geschadet.
Im Nachhinein bin ich sogar dankbar, dass ich auf diese Weise eine so umfassende Lebenserziehung bekommen habe, und ich meine das wirklich nicht zynisch.

Wie meinen Sie es denn?
Ich war ja nie in einem richtigen Arbeitslager, sondern in einem kleinen Dorf in der Nähe der Stadt Gorki und schaufelte Zement in einer Fabrik. Schlimmer waren die ersten vier Monate im Gefängnis. Sie hatten dieses System, dass man nie andere Menschen, vor allem aber nie den Boden draussen sehen konnte. Die Fenster in den Zellen waren so hoch, dass man nur den Himmel sah. Nach vier Monaten zum ersten Mal den Boden zu berühren, das war ein unglaublich schöner Moment. Er hat auch mein Verhältnis zum Musikmachen verändert. Ich spiele jedes Konzert, als wäre es mein letztes. Ich verschwende, sagen manche, jedes Mal sehr viel Energie. Aber ich glaube, dass die Konzertbesucher die emotionale Freigiebigkeit eines Musikers fühlen, die viel wichtiger ist als Technik. Wenn du Energie gibst, bekommst du sie auch zurück. Ich glaube sehr an diese Art der Kommunikation.

Diese musikalische Emotionalität wird oft mit russischen Musikern in Verbindung gebracht.
Das hat vielleicht auch einen Grund. In der Sowjetunion bekam jeder mehr oder weniger das gleiche lausige Gehalt, ausser man war ein Parteikader oder ein erfolgreicher Sportler oder Musiker. Dann konnte man reisen und bekam harte Währung und konnte sich richtige Sachen kaufen. Deshalb wollten die Eltern, dass ihre Kinder Sportler oder Musiker werden. Die talentiertesten, ehrgeizigsten jungen Menschen kamen also aus dem ganzen Land nach Moskau oder Leningrad. Der Wettbewerb war gigantisch. Dazu kamen unglaubliche Lehrer. Nicht nur habe ich bei Rostropowitsch studiert; praktisch täglich traf ich im Flur Svjatoslav Richter oder Schostakowitsch. Hinzu kam, dass wir keine Ablenkung hatten: Keine Reisen, kein Fernsehen, kein Fussball. Darum waren wir Russen auch immer so gut im Schach: Acht Monate im Jahr ist es so kalt, dass man kaum das Haus verlassen kann. In der Zeit trinkt sich die eine Hälfte zu Tode, und die andere spielt Schach.

Jetzt haben Sie «wir Russen» gesagt. Sie fühlen sich also doch als Russe?
Nein. Natürlich liebe ich die russische Musik und Literatur, damit bin ich aufgewachsen. Andererseits lebe ich seit 41 Jahren nicht mehr in Russland. Ich wurde aus der Haft freigekauft und landete am 7. November 1972 auf dem Weg nach Israel in Wien. Ich feiere diesen Tag bis heute als meinen zweiten Geburtstag.

Wieso war das ein zweiter Geburtstag?
Weil ich mit allem von vorne anfangen musste, wie nach einem Gehirnschlag: Mit der Sprache – ich konnte ja nur Russisch und ein kleines bisschen Deutsch, mit dem Leben, mit der Musik. Ich hatte zwei Jahre lang kein Cello mehr in der Hand gehabt und ich hatte auch kein Instrument.

Hatten Sie Angst, nach der langen Zeit wieder ein Cello in die Hand zu nehmen?
Hatte ich nicht, weil ich keine Angst vor Fehlern habe. Ich bin eher der emotionale Spieler, nicht der perfekte. Ich hatte in meiner Jugend, bevor ich nach Moskau kam, nie wirklich gute Lehrer. Mir fehlte also ein technisches Fundament, das ich bis heute nie ganz wettmachen konnte. Ich kompensiere das anders. Aber ich bin nicht der Typ, der jeden Tag sechs Stunden übt.

Zwei Ihrer fünf Kinder sind wie Sie professionelle Musiker. Wie haben Sie die zum Üben bewegt?
Oh, das war nicht leicht. Man musste immer pushen. Sie gingen in Belgien, wo ich lebe, auf eine normale Schule. Meistens kamen sie erst um vier Uhr nach Hause und mussten noch Hausaufgaben machen. Dann blieb wenig Zeit für das Instrument. Und wenig Lust, wenn sie die anderen Kinder sahen. Aber es ist schwierig mit dem Pushen. Wenn man es übertreibt, macht man alles kaputt. Ohne geht es aber auch nicht, wenn es normale Kinder sind und kein Wunderkind wie Jewgeni Kissin. Den mussten die Eltern wahrscheinlich vom Klavier wegtragen, damit er endlich mal mit dem Üben aufhört. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.05.2014, 06:40 Uhr

Maisky in Luzern

Beim Luzerner Festival Zaubersee tritt Mischa Maisky zwei Mal auf: Das Eröffnungskonzert vom 28. Mai (mit seiner Tochter Lily und Daniil Trifonov) ist ausverkauft. Für das zweite Programm gibts dagegen noch Karten: Donnerstag, 29. Mai, 19.30 Uhr, Hotel Schweizerhof, Luzern. Maisky spielt zusammen mmit dem Pianisten Nikolai Lugansky und der Geigerin Alena Baeva Werke von Prokofjew und Rachmaninow. Informationen unter www.zaubersee.ch

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