«Im Keller habe ich mich dann auf dem Schlagzeug amüsiert»

Der Pianist Francesco Tristano hat ein breites Repertoire von Barockmusik bis zu Electro. Vor seinem heutigen Auftritt in der Zürcher Tonhalle spricht er über seinen Zugang zur Musik und die Reaktionen darauf.

Auf der Bühne mit Carl Craig: Francesco Tristano spielt nicht nur mit Orchestern, sondern gerne auch mit DJs.


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Herr Tristano, was war Ihr erstes Lieblingslied?
Wahrscheinlich die «Vier Jahreszeiten» von Vivaldi.

Haben Sie schon immer klassische Musik gehört?
Ja, von Haus aus. Aber nicht nur! Da war auch Seventies-Musik wie Tangerine Dream, Pink Floyd, Ravi Shankar. Aber Vivaldi hat einen grossen Erkennungswert. Ich glaube, das war meine erste Melodie, die ich nachsingen konnte.

Und wann haben Sie angefangen Klavier zu spielen?
Mit fünf.

War es klar, dass Sie Klavier spielen wollen und nicht ein anderes Instrument?
Nein. Ich wollte eigentlich immer Schlagzeug spielen und habe auch eines von meinem Onkel gekriegt. Ich hab jeweils Klavier geübt und bin dann runter in den Keller und habe mich auf dem Schlagzeug amüsiert. Später habe ich auch Klarinette studiert. Es ging mir darum, ein Blasinstrument wenigstens ein bisschen zu beherrschen, hauptsächlich für die Komposition.

Wie kamen Sie von der klassischen zur elektronischen Musik?
Ich habe immer auch andere Musik gehört. Gerade bei Pink Floyd oder Jean-Michel Jarre sind schon viele elektronische Sounds vorhanden. Als ich 15 war, hörte ich «Around the World» von Daft Punk, das hat mir zwar nicht besonders gefallen, aber ich fand es interessant, weil ich es nicht verstand. So kam ich langsam über House zum Techno und vor allem zum Detroit Techno.

Wann kamen Sie auf die Idee, das zu vermischen?
Ich habe das nie als getrennt angeschaut, darum war meine Idee auch nicht, das zu mischen. Alle Musik ist schon eine grosse Mischung. Irgendwann merkte ich, dass sich die elektronische Musik schon selbst integriert hatte in meine Musik und sich darin spiegelte. Ich habe mich dann dafür interessiert, wie die elektronische Musik funktioniert. Anhand meines Instrumentes, des Klaviers, habe ich etwas Persönliches daraus gemacht, aber es war nie meine Idee, Klassik und Elektronik zu vermischen. In solchen Terminologien habe ich nie gedacht.

Ist es für Sie also kein grosser Unterschied, ob Sie mit einem Symphonieorchester, alleine oder mit Carl Craig spielen?
Es ist schon ein Unterschied, aber der Unterschied liegt nicht in der Musik, sondern in der Form, wie man die Musik wahrnimmt. Es hängt auch davon ab, wo man sie hört und wer sie hört. Musik ist Rhythmus, Melodik, Harmonik, Klangfarbe, das ist das Gleiche bei Buxtehude wie bei Carl Craig. Die Emotionen sind natürlich anders und teilweise auch die Art und Weise, wie man das erlebt. Aber die Musik an sich… beim Techno hat man halt mehr Bassfrequenzen. (lacht)

Ist es denn ein Unterschied, ob die Leute tanzen zu Ihrer Musik oder ob sie im Konzertsaal sitzen und andächtig zuhören?
Ja, das ist ein Unterschied, aber das ist auch das Reizvolle an der Sache, wenigstens für mich. Ich habe nie das gleiche Publikum, jedes Konzert ist anders. Ich bin dazu gezwungen, ein Chamäleon zu sein. Ich muss mich immer neu anpassen, aber das macht mir unglaublich Spass. Ich hätte keine Lust, immer das Gleiche zu wiederholen. Es stimmt auch nicht immer, dass man im Konzerthaus sitzt und im Club tanzt. Manchmal hat man einen Konzertsaal, wo man eine Rebellion auslöst und die Leute fangen an zu tanzen, und das ist dann, wenns wirklich abgeht. Und man kann im Club etwas Melodisches spielen und die Leute hören einfach zu, ohne abzutanzen. Es ist nicht schwarz oder weiss, sondern es gibt ganz viele Dynamiken dazwischen.

Ist das klassische Publikum offener oder das elektronische?
Beide sind sehr offen. Das Problem ist nicht das Publikum. Das Problem ist, wie man Musik ständig abgliedert in verschiedene Genres oder verschiedene Marketingrichtungen. Das Publikum ist eigentlich zu allem bereit und mag es auch, überrascht zu werden.

Was spielen Sie heute Abend?
Heute haben wir ein Hybridprojekt zwischen Elektronik und Akustik. Mit vier Orchestermusikern spielen wir vier Kompositionen von mir, die ausgeschrieben sind, aber auch einen elektronischen und – was mich angeht – auch einen ganz freien Teil haben. Ich werde das mehr oder weniger dirigieren, aber auch versuchen, so frei wie möglich mit der Musik umzugehen. Die Idee ist, dass man dann einen Übergang hat vom Orchesterkonzert zum DJ-Set.

Was halten Sie von Anlässen wie Tonhalle Late?
Ich finde das gut. Die Tonhalle war ein Pionier. Heute probieren viele Veranstalter neue Formen, um ein anderes Publikum anzulocken. Der nächste Schritt wäre dann, mit dem Orchester raus aus der Tonhalle zu gehen, in eine Fabrik oder in den Club. Ich finde toll, dass ein Gebäude wie die Tonhalle mit ihrem klassischen Ambiente sich so transformieren kann.

Erstellt: 28.09.2012, 15:13 Uhr

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Francesco Tristano

Der Pianist Francesco Tristano wurde 1981 in Luxemburg geboren. Er studierte Klavier und Komposition in New York und diversen anderen Orten. Neben Aufnahmen mit Werken von Bach, Buxtehude oder Berio hat er verschiedene Projekte mit DJs wie Carl Craig gemacht.

Tonhalle Late

Zweimal im Jahr bietet das Tonhalle-Orchester Zürich ein spezielles Programm namens Tonhalle Late. Die Konzerte beginnen erst um 22 Uhr (statt wie sonst um 19.30 Uhr).

Heute Freitag spielt das Tonhalle-Orchester Filmmusik, unter anderem aus «Godfather» und «Star Wars», es folgt der Auftritt von Francesco Tristano. Anschliessend legt Electro-DJ Evangelos auf.

Francesco Tristano spielt Buxtehude

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