Integration hat auch komische Seiten

Der deutsche Regisseur Jan Philipp Gloger hat einst in Zürich studiert. Nun inszeniert er im Opernhaus Rossinis «Il turco in Italia».

Holt Rossinis «Il turco in Italia» in die mitteleuropäische Gegenwart: Regisseur Jan Philipp Gloger.

Holt Rossinis «Il turco in Italia» in die mitteleuropäische Gegenwart: Regisseur Jan Philipp Gloger. Bild: Urs Jaudas

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Der Türke kommt! Aber nein, wir sind hier nicht in einem Albtraum eines SVP-Politikers, sondern in einer Oper von Gioachino Rossini, uraufgeführt 1814 an der Mailänder Scala. Einer sehr lustigen Oper, die ihre eigenen Figuren ebenso auf die Schippe nimmt wie die Türkenmode in der damaligen Musik.

Am Zürcher Opernhaus inszeniert nun Jan Philipp Gloger das Stück, und wer weiss: Vielleicht geht es in der Aufführung dann doch auch ein bisschen um einen SVP-Albtraum. Schon in seiner letzten Zürcher Produktion, in Vivaldis kürzlich wieder aufgenommener Oper «La verità in cimento», hat er eine messerscharfe, hoch musikalische, pointenreiche Gesellschaftsanalyse geliefert. Sie spielte in einer Villa am Zürichberg, und es war nicht zu übersehen, dass Gloger dieses Milieu kennt.

Im Taxi ins besetzte Haus

Schliesslich hat der mittlerweile 38-jährige Regisseur einst hier studiert: Nach drei Jahren am renommierten Institut für Angewandte Theaterwissenschaften in Giessen hatte er für die Fortsetzung des Studiums an die Zürcher Hochschule der Künste gewechselt. Eine gute Zeit sei das gewesen, sagt er beim Treffen in der Opernhaus-Garderobe, «die Atmosphäre an der Schule war sehr offen» – und die Atmosphäre in der Stadt auch aus theatralischer Sicht interessant. Gloger erinnert sich an eine Party in einem besetzten Haus, zu der die Gäste im Taxi vorgefahren seien: ein Kontrast, der dann auch seine Vivaldi-Inszenierung durchzog.

Rossinis «Il turco in Italia» spielt nun nicht unbedingt in Zürich, aber doch in einer mitteleuropäischen Gegenwart, in der ein Türke in eine Mietwohnung einzieht. Die aktuellen Bezüge liegen auf der Hand, Gloger wird sie thematisieren. Aber trotzdem soll die Aufführung auch lustig sein, natürlich: «Man kann aus einer Rossini-Komödie kein politisches Agitprop-Theater machen.»

Genau das reizt ihn an dem Stück: «Ich gehe als Regisseur da auf, wo man zwischen Komödie und Tragödie hin- und herspringt.» Integration sei ja nicht nur eine ernste Angelegenheit; in den Missverständnissen zwischen den Kulturen lasse sich durchaus auch eine gewisse Komik entdecken, «denken Sie nur schon an die Begrüssung: Küsschen zweimal, dreimal oder Hand geben?»

Da passt es bestens, dass er – wie in der Oper üblich – mit einem multikulturellen Ensemble arbeitet. Ein Argentinier gibt den Türken, die übrigen Protagonisten kommen aus Frankreich, Mexiko, Italien, Uruguay und Kanada; der Chor ist noch internationaler. Gloger selbst ist im Ruhrgebiet aufgewachsen, in Hagen, «das Thema Immigration ist mir da wirklich nicht fremd». Trotzdem schickt er ab und zu Videos von den Proben an eine türkische Freundin: «Wenn die türkische Community für das Stück ins Opernhaus kommt, was ja toll wäre, dann sollen die das nicht lächerlich finden.»

Damit sind wir beim Thema, das die Theaterszene derzeit umtreibt: Diversität. Auch für Gloger ist es zentral. Als er vor ein paar Monaten als Schauspieldirektor am Staatstheater Nürnberg startete, präsentierte er ein Ensemble nach Quote: Ein Viertel der Mitglieder hat internationale Wurzeln. Einfach sei diese Quote nicht zu erreichen gewesen, sagt er, «weil diese Schauspieler ja genauso gut sein müssen wie die anderen». Und auch, weil derzeit alle Theater sie haben wollen. Oder eben, davon ist Gloger überzeugt, haben müssen: «In Nürnberg haben 60 Prozent der Kinder einen Migrationshintergrund, fast die Hälfte der Bevölkerung hat Erfahrung mit Flucht, Internationalität, Ablehnung.» Das soll sich spiegeln im Theater, auch in der Oper.

Schöne Bilder reichen nicht

Im Publikum spiegelt es sich bisher weniger. Nicht nur im Zürcher Opernhaus sind im Saal längst nicht so viele Nationalitäten vertreten wie auf der Bühne oder im Orchestergraben. Theater sei schon immer nur für einen Ausschnitt aus der Bevölkerung gewesen, sagt Gloger: «Da geht es nicht darum, die Abonnenten zu vertreiben und Migranten auf ihre Plätze zu setzen.» Aber doch darum, Dinge zu zeigen, die auch andere interessieren könnten. Und den Abonnenten Geschichten zu erzählen, «die sie einladen, nicht an den Realitäten vorbeizusehen». Schöne Bilder, schöne Stimmen, das reicht nicht: «Rein kulinarische Oper ist für mich der öffentlichen Finanzierung nicht würdig.»

Mit dieser Haltung hat er in den letzten neun Jahren auch eine steile Opernkarriere gemacht. Bereits seine dritte Produktion führte ihn nach Bayreuth, wo sein «Fliegender Holländer» vor allem wegen des Hauptdarstellers Evgeny Nikitin in die Schlagzeilen geriet, der den Grünen Hügel kurz vor der Premiere wegen eines (überstochenen) Hakenkreuz-Tattoos verlassen musste. Es sei nicht seine beste Inszenierung gewesen, sagt Gloger: «Es fehlte mir jene Tragikomik der Figuren, bei der ich gern ansetze.»

Seither wählt er seine Opern gezielt aus. Auch die nächste nach dem «Turco in Italia» wird er übrigens wieder in Zürich erarbeiten, in exakt einem Jahr: Im April 2020 wird hier seine Inszenierung von Emmerich Kálmáns Operette «Die Csárdásfürstin» Premiere haben. Dass es auch darin um mehr gehen wird als bloss um amouröse Turbulenzen: Davon kann man ausgehen.

Premiere von Rossinis «Il turco in Italia» im Zürcher Opernhaus: Sonntag, 28. April, 19 Uhr.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 27.04.2019, 18:10 Uhr

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