Klassiker der Woche: Die Eurovision-Hymne

Wie alt, glauben Sie, ist das Stück: 100, 200 oder 300 Jahre? Und von wem stammt es?

Das klingt irgendwie anders als gewohnt: Le Parlement de Musique. (Video: Youtube/Sonorum Concentus)

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Das Jahr 2016 hatte eben erst begonnen, als in Millionen von guten Stuben vor der Übertragung des Wiener Neujahrskonzerts das berühmteste aller Preludes ertönte: jenes von Marc-Antoine Charpentiers «Te Deum», geschrieben vermutlich irgendwann in den 1690er-Jahren. 1954 wurde es als Signet der Eurovision ausgewählt und hat seither unzählige Sendungen eingeleitet.

Ob Skirennen, «Wetten, dass...?», der päpstliche Ostersegen oder «Aktenzeichen: XY... ungelöst»: Sie alle fanden nach den schmetternden Tönen dieses Preludes statt. Heute kommt das Signet nur noch selten zum Zug, aber immerhin: Beim Eurovision Song Contest oder der «Krone der Volksmusik» drückt es das musikalische Niveau unermüdlich nach oben.

Erst recht, wenn es so gespielt wird wie hier vom Parlement de Musique unter der Leitung von Martin Gerster. Kantiger, schmissiger als in der aufführungspraktisch überholten Eurovisions-Version klingt es hier; wo dort die Trompeten ungestört Feierlichkeit verbreiten, liefern sie sich hier inspirierte Duelle mit den Pauken. Vor allem aber hört man in dieser Version nicht nur den berühmten Refrain dieser «Marche en rondeau», sondern auch die sanfteren, tänzerisch beschwingten Teile dazwischen. Und es sind ja gerade diese Kontraste, die den Reiz der französischen Barockmusik ausmachen: Pomp trifft Zärtlichkeit, markante Rhythmen wechseln ab mit geschmeidigen Melodien, die Wucht lädt sich auf in der Leichtigkeit und umgekehrt. So effektvoll das Eurovisions-Signet ist, musikalisch gesehen ist es ein Missverständnis.

Dissonanzen «korrigieren»

Es ist nicht das einzige in der Geschichte der Charpentier-Rezeption. Lange war es üblich, seine Werke zu «korrigieren», also ungewöhnliche Dissonanzen aufzulösen, melodische Ecken abzurunden, die Instrumentierung zu glätten. Inzwischen schätzt man gerade die Besonderheiten seines Stils, der zwar ungemein effektvoll sein kann – aber dann wieder ziemlich eigenwillig aus dem barocken Mainstream ausschert. Manchmal auch beides zusammen: Wenn etwa im Präludium «Michaelis Archangeli in coelo cum dracone» die guten und die gefallenen Engel aufeinander losgehen, dann ist das ebenso schräg wie mitreissend (und auf Youtube leider nirgends zu finden). Auch in den Theatermusiken trifft man auf manch ziemlich verblüffendes Bijou.

Kurz: Das Prelude zum «Te Deum» mag ein Hit sein. Aber Charpentier hatte weit mehr zu bieten als das – mehr dazu im nächsten «Klassiker der Woche».

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 07.01.2016, 09:51 Uhr

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