Klassiker der Woche: Die Jahrhundertsängerin

Heute vor 100 Jahren wurde die schwedische Sopranistin Birgit Nilsson geboren. Sie war eine Wucht.

Birgit Nilsson singt den Liebestod aus Wagners «Tristan und Isolde». (Youtube/mxl2003)


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Schöner als sie ist keine gestorben: Wie sie erlischt in Isoldes Liebestod, wie sie in diesem Erlöschen ihre ganze Energie mobilisiert und ihre Stimme zuletzt in vollendetem Pianissimo in die Höhe entschweben lässt – das macht ihr bis heute keine nach.

Kein Zweifel, Birgit Nilsson war ein Phänomen, eine Wucht, eine Laune der Natur. Geboren wurde sie als Bauerntochter im schwedischen Västra Karup, und sie sang schon, bevor sie laufen konnte. Am Morgen vor der Aufnahmeprüfung an der Musikhochschule in Stockholm melkte sie noch rasch die Kühe. Ihren Mann, einen Tierarzt, lernte sie 1948 im Zug kennen. Und auch später, als sie als grösste dramatische Sopranistin ihrer Zeit gefeiert wurde, ist sie bemerkenswert bodenständig geblieben.

Birgit Nilsson lachte laut, sprach ungekünstelt, hatte einen durchaus deftigen Humor und pfiff auch mal durch die Finger, um in einer Probe auf sich aufmerksam zu machen. Sie war eine Persönlichkeit auch neben der Bühne, und auf der Bühne erst recht. Dort war ihre Präsenz so raumgreifend wie ihre glühende, gleissende, bei Bedarf auch schneidende Stimme. Mühelos setzte sie sich gegen ein Wagner-Orchester durch, ohne je zu schreien. Und hätte selbst mit ihren leisesten Tönen jeden Schrei übertönt.

Berühmt als Isolde, reich als Turandot

Ihre Karriere begann 1946 in Stockholm, wo sie auch später viele ihrer Rollen ausprobierte. Den ersten grossen Erfolg feierte sie als Verdis Lady Macbeth – die dramatische Richtung war damit eingeschlagen. Das Debüt an der Wiener Staatsoper 1954 bedeutete den internationalen Durchbruch. Bereits ein Jahr später sang sie auf dem Grünen Hügel in Bayreuth; 15 Jahre lang flutete sie danach das Festspielhaus als Isolde, Brünnhilde, Sieglinde.

Die Isolde habe sie berühmt gemacht, die Turandot dagegen reich, sagte Birgit Nilsson einmal – in Anspielung auf die bescheidenen Bayreuther Gagen und die weit üppigeren, die sie dann eben als Puccinis Prinzessin an der New Yorker Met erhielt. Sie sang aber auch Mozart. Und dann wären noch die Strauss-Partien zu erwähnen, die Elektra vor allem, mit der sie sich 1982 ganz diskret und ohne jedes Brimborium von der Bühne verabschiedete: Was immer das Repertoire an hochdramatischen Partien bot, fand in Nilsson eine fulminante Interpretin.

Ihr eigener Tod übrigens war noch weit stiller als jener der Isolde. Birgit Nilsson starb am 25. Dezember 2005, 87-jährig, zu Hause. Die Welt erfuhr es erst gut zwei Wochen später.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.05.2018, 15:54 Uhr

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