Klassiker der Woche: Ein Star wird zusammengestaucht

Bei den Aufnahmen zur «West Side Story» gerieten Leonard Bernstein und José Carreras aneinander.

Zum Haareraufen: Carreras verzweifelt über «Maria, Maria». (Video: Youtube)

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Fertig lustig. Leonard Bernstein, sonst nie um einen träfen Spruch verlegen, wird allmählich sauer. Es hätte eine exemplarische Aufnahme seines Musicals «West Side Story» werden sollen, die erste unter seiner Leitung, 28 Jahre nach der Uraufführung – aber José Carreras singt nicht so, wie er sollte. Akzente, Atem, Aussprache, nichts passt dem Maestro (vom Orchester gar nicht zu reden). Und Carreras, zu diesem Zeitpunkt 39 Jahre alt und längst als Star gehandelt, schaut geknickt in die Runde.

«Mariaaa, Maria-Maria-Mariaaaaaa» – kann das so schwer sein? Es kann. Carreras war mit den Rhythmen dieser Musik ebenso wenig vertraut wie mit dem Englischen als Gesangssprache. Er war ein Spezialist fürs lyrische italienische Repertoire, für Verdi und Puccini. Nicht für Bernstein. Umgekehrt war Bernstein wohl auch kein Spezialist für Carreras. Während in seinen Auseinandersetzungen mit anderen Sängerinnen und Sängern produktive Funken sprühten, herrscht hier eine ziemlich betretene Stimmung.

Carreras, Carreras-Carreras-Carreras!

Immerhin, nach einigem Murren findet Bernstein wenn nicht seine gute Laune, dann doch seinen Witz wieder: «Carreraaas, Carreras-Carreras-Carreraaas», singt er auf die «Maria»-Melodie – als Mahnung, Einladung, Ermutigung, was auch immer. Carreras wirkt zwar immer noch skeptisch; aber dann gestaltet er die grosse Liebeserklärung mit all dem Schmelz, den er aufbringen kann. Alles gut also. Bis zur nächsten Auseinandersetzung.

Die Szene ist berühmt geworden, und sie ist ein exemplarisches Beispiel dafür, dass in der musikalischen Realität nicht alles so klappt, wie man sich das auf dem Papier vorgestellt hätte. Nicht immer garantieren grosse Namen auch grosse Musik (und schon gar nicht eine grossartige Zusammenarbeit). Und nicht immer ist der Komponist der ideale Interpret seiner eigenen Werke. Zwar ist die Aufnahme, deren Entstehung im Jahr 1985 hier dokumentiert ist, gut geworden; aber nicht besser als andere.

Die «West Side Story» blieb übrigens die einzige Zusammenarbeit zwischen Bernstein und Carreras. Und abgesehen von allen biografischen Erklärungen: Wer diesen Film sieht, wundert sich nicht darüber.

Erstellt: 16.07.2015, 12:55 Uhr

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