Klassiker der Woche

Klassiker der Woche: Gould spielt in Zeitlupe

5 Minuten für Bachs E-Dur-Fuge aus dem «Wohltemperierten Klavier»! Das schafft nur Glenn Gould.


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Er konnte auch schneller, der kanadische Pianist und Exzentriker Glenn Gould (1932–1982). Aber langsamer als in dieser Aufnahme wäre die E-Dur-Fuge aus Bachs «Wohltemperiertem Klavier» wohl tatsächlich nicht zu schaffen. Und natürlich scheiden sich, wie immer bei Gould, die Geister: Das sei keine Musik, sondern eine gespielte Analyse, wettern die einen. Bei 4'17" habe er geweint, bekennt ein anderer.

So war es immer bei Glenn Gould, so ist es bis heute. Kein Pianist polarisiert so sehr wie er, und das hat nur zu einem kleinen Teil mit den berühmten Äusserlichkeiten zu tun: Der niedrige Stuhl, die Art, fast in die Tasten hineinzukriechen und selbst das ständige Mitsummen würden kaum dazu führen, dass sich Verehrer und Verächter nach wie vor in die Haare geraten. Es ist die Interpretation, die die Hörer spaltet: Und die ist tatsächlich extrem.

Schon die ersten paar Töne dieser Fuge dauern eine Ewigkeit. Aber was sich alles versteckt hinter diesen Tönen, welche möglichen Begleit- und Gegenstimmen – das deutet die offiziell nicht beschäftigte linke Hand überaus deutlich an. Überdeutlich vielleicht auch, Goulds Gestik scheint die Musik nicht nur hier erklären, verdoppeln, verdeutlichen zu wollen.

Spielen und boxen

Dabei ist schon das, was man hört, überaus klar (oder eben analytisch). Wie die Stimmen sich überlagern, wie sich diese Überlagerungen durch die Harmonien bewegen, wie gelegentlich eine brüske Wendung dem Ganzen einen neue Richtung gibt: Das hört man selten so klar wie bei Glenn Gould. Und man würde es auch hören, wenn er bei 1'01" nicht so heftig in Richtung Kamera boxen würde.

Ist es nun eine grosse Interpretation, die er sich hier abringt? Darüber kann man – einmal mehr – streiten. Es gibt grandiose Momente, in denen man in die Knie geht vor dem so erhabenen Choral des Anfangs, in denen man sich freut über die Effekte, die Gould mit seiner Artikulation erreicht, in denen die Musik selbst in diesem den Stillstand riskierenden Tempo Zug und Energie entwickelt. Es gibt aber auch andere, in denen das, was ausgedrückt werden soll, derart dick unterstrichen wird, dass es einen nicht mehr wirklich zu interessieren vermag.

Im Zweifelsfall würde man wohl Goulds eigenen, flüssigeren Versionen den Vorzug geben. Umso mehr, als man sie wieder ganz anders hört, wenn man hier erlebt hat, zu welchen Radikalitäten er auch noch fähig war.

Erstellt: 02.10.2014, 15:02 Uhr

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