Klassiker der Woche: Haydn vs. Handy

Manchmal könne man das Klingeln im Konzert ignorieren, sagt der Pianist Christian Zacharias. Aber manchmal auch nicht.

Nein, der Klingelton steht nicht in Haydns Partitur. (Video: Youtube)


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Schon alles haben die Konzertveranstalter versucht: Plakate. Durchsagen. Hinweise im Programmheft. Lautes Klingeln vor Konzertbeginn. Humor («Bitte vergessen Sie nicht, das Telefon nach dem Konzert wieder einzuschalten»). Aber nichts hat genützt, es klingelt trotzdem immer wieder. Und in einer seltsamen Analogie zu den Hustenattacken meistens dann, wenn die Musik am leisesten ist.

In einem Göteborger Konzert des Pianisten Christian Zacharias hat es bei Haydns D-Dur-Konzert bereits zum zweiten Mal geklingelt, und genug ist genug – das findet selbst einer, der sich sonst nicht gerade bei jedem Geräuschlein aufregt (da gibts andere, die viel heikler sind). Also unterbricht Zacharias die Aufführung, bittet den Handybesitzer bemerkenswert höflich, das Telefon nicht abzunehmen, und spielt dann weiter, konzentriert und pointiert, als ob nichts geschehen wäre. Dem Publikum gefällts, der Applaus ist gross, als Zugabe gibts Mozart – und noch einen Anruf, worauf Zacharias zum zweiten Mal unterbricht.

Darf er das? Nein, findet ein Youtube-Kommentator: Ein Unterbruch gehe ja noch, aber zwei? Da könnte man nun allerdings zurückgeben: Ein Anruf pro Konzert geht ja noch, aber zwei? Oder wie in diesem Fall sogar drei? Spätestens nach dem ersten müsste doch das grosse Nesteln in Jacken- und Handtaschen losgehen; wer noch Zweifel über den Status seines Klingeltons hätte, müsste ihn in diesem Moment überprüfen wollen. Aber nein, man rechnet damit, dass das eigene Handy schon Ruhe geben wird bis zum Ende des Konzerts. Oder, weit schlimmer: Man findet es nicht so schlimm, wenn es trotzdem losgehen sollte.

Wenn es an einer musikalisch turbulenten Stelle geschehe, spiele man einfach weiter, sagt Christian Zacharias dazu. Aber es gibt Momente, in denen ein Geklingel alles «killt», was die Musik ausmacht. Zuzuhören, die Aufmerksamkeit für einmal wirklich auf eine einzige Sache zu lenken, sich auf das einzulassen, was da geboten wird: Das wäre doch das Mindeste, was man den Musikern und dem restlichen Publikum zuliebe tun könnte.

Warum riskiert man die Peinlichkeit?

Man kann davon ausgehen, dass ein solcher Appell an den Anstand genauso wenig nützen wird wie alle anderen Versuche (es sitzen nun mal auch unanständige Zeitgenossen im Konzert). Aber erstaunlich ist das schon. Denn auch wenn einem die sakrale Stille in den klassischen Sälen nicht immer behagt, auch wenn es zweifellos übertrieben ist, wenn einer den Sitznachbarn darum bittet, die Uhr auszuziehen, weil sie allzu laut ticke: Warum kann man ein Handy nicht leise stellen, wenn man einen eventuellen Anruf sowieso nicht beantworten darf? Warum riskiert man einen derart peinlichen Moment, wenn man ihn doch so einfach vermeiden kann?

Es bleibt ein Rätsel. Vielleicht sollten es die Konzertveranstalter mal mit dem Beizug von Psychologen versuchen.

Erstellt: 19.06.2014, 12:16 Uhr

Christian Zacharias in Zürich

Am 19. und 20. Juni, jeweils um 19.30 Uhr, spielt Christian Zacharias in der Zürcher Tonhalle Beethovens Klavierkonzert Nr. 1. Dazu gibts die Beethoven-Sinfonien Nr. 2 und 4. Leitung: David Zinman.

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