Klassiker der Woche

Klassiker der Woche: «La Bohème» in 6 Sekunden

Opernhandlungen sind ja oft ein wenig verworren. Oder auch ganz einfach – wenn Rolando Villazón sie zusammenfasst.

Für einmal singt er nicht: Rolando Villazón. (Video: Youtube)


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Sie lieben sich, trennen sich, kommen wieder zusammen, und dann stirbt sie: Klar, der mexikanische Startenor Rolando Villazón hat recht, genau so geht Puccinis «La Bohème». Aber auch Verdis «La Traviata» – und vermutlich rund drei Dutzend weitere Opern. Denn es ist ja so eine Sache mit den Opernhandlungen: Sie sind entweder klischiert oder verworren – oder beides. Wenn man sie aber aufs Wesentliche reduziert, bleibt oft fast gar nichts übrig.

Am deutlichsten wird das in den Barockopern: Nach diversen Verwechslungen, Verkleidungen und lebensbedrohlichen Missverständnissen kriegen sich die Guten doch noch – «copy and paste», und fertig ist das Programmheft zahlreicher Werke von Händel, Vivaldi und Co. Wenn man aber in die Details geht, die oft sehr komplizierten Beziehungen zwischen den Figuren ausleuchtet, die historischen Hintergründe einbezieht und Arie für Arie rapportiert, wer jetzt gerade wen liebt oder hasst oder falsch versteht, dann füllt das rasch mal Seiten. Und spätestens in der Hälfte hat man wieder vergessen, wie der Anfang ging.

Dürftige Geschichten, lebendige Musik

Auch darum sind Kurzfassungen so beliebt. Es gibt diverse, meist humoristisch ausgerichtete Opernführer, in denen die stundenlangen Werke auf ein paar wenige Sätze eingedampft werden. Und Villazón unterbietet sogar die eigenen Vorgaben: In zehn Sekunden wollte er die «Bohème» erzählen, braucht dann aber nur sechs. Rekord!

Das Entscheidende – die Musik – fehlt da zwar. Was aber umgekehrt wieder den Effekt hat, dass man die Musik erst richtig zu schätzen weiss: Was sie alles machen kann aus einer eigentlich dürftigen Geschichte! Wie sie die oft holzschnittartigen Handlungen füllt mit Emotionen, Ahnungen, Hoffnungen und Ängsten, kurz: mit Leben!

Die schönste Kurzfassung hat übrigens einst der Humorist und Bayreuth-Stammgast Loriot zu Wagners «Lohengrin» verfasst. Sie ist zwar nicht ganz so kurz wie die allerkürzeste dieses Werks («Nervöse Frau fragt zu viel») – aber dafür umso charmanter und bemerkenswert detailliert. Hier ist sie: «Elsa von Brabant, eine Dame der oberen Gesellschaft, wird beschuldigt, ihren kleinen Bruder beseitigt zu haben. Da sich unter den Anwesenden kein Volljurist befindet, wird ein Gottesgericht anberaumt. In letzter Minute besinnt sich Elsa auf einen virtuellen Rechtsbeistand, der ihr im Traum erschienen war, leider ohne Angaben über Name, Adresse, Alter und Geschlecht. Auf ihre dringliche Bitte erscheint Lohengrin auf dem Wasserwege. Ein in der Justiz seltener Prozessverlauf. Kein Wunder, dass Lohengrin sich jede Frage nach seiner Herkunft verbittet und in der Brautnacht behauptet, er komme aus Glanz und Wonne. Eine halbe Stunde später erfährt man, er sei in Monsalvat zu Hause. Wem käme das nicht spanisch vor.»

Erstellt: 23.10.2014, 13:04 Uhr

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