Klassiker der Woche: Politische Vögel

Wenn der grosse Cellist Pau Casals als Zugabe jeweils «El Cant dels Ocells» spielte, ging es nicht nur um Musik.

Pau Casals spielt «El Cant dels Ocells». (Youtube/calmosca)


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Die Politik fing für den Cellisten Pau Casals (1876–1973) schon beim eigenen Namen an: Nicht Pablo wollte er genannt werden, auch wenn sich diese Version im internationalen Musikbetrieb schon früh durchgesetzt hatte, sondern eben Pau – weil dies sein katalanischer Name war und weil er auf Katalanisch «Frieden» bedeutet.

Das war ihm auch darum wichtig, weil er in alles andere als friedlichen Zeiten lebte. Als der Spanische Bürgerkrieg ausbrach, engagierte sich Casals auf der Seite der Republik. 1936 ging er ins Exil – erst nach Frankreich, wo er andere spanische Flüchtlinge unterstützte, und nach Francos Sieg dann nach Puerto Rico, wo seine Mutter als Tochter katalanischer Einwanderer geboren worden war.

Aber schon vorher hatte er sich klar positioniert. Nach der Oktoberrevolution 1917 beschloss er, nicht mehr in Russland aufzutreten. Auch Deutschland mied er, nachdem Hitler die Macht ergriffen hatte. In Francos Spanien spielte er sowieso nicht. Und 1945 teilte er mit, er werde erst wieder öffentlich auftreten, wenn die westlichen Demokratien ihre Haltung gegenüber der Franco-Regierung ändern würden. Sein nächstes Konzert gab er 1950, zum 200. Todestag von Johann Sebastian Bach.

Auftritt im Weissen Haus

Da erstaunt es kaum, dass Casals auch in Tönen politisierte – still und beharrlich, wie es seine Art war. Seit er ins Exil gegangen war, beendete er jedes seiner Konzerte mit dem «Cant dels Ocells», einem katalanischen Volks- und Weihnachtslied, in dem 32 verschiedene Vögel die Geburt Christi feiern. Ein bisschen von ihrem Gezwitscher ist im Klaviernachspiel von Casals’ Version erhalten geblieben; die Cellolinie dagegen ist ohne jeden szenischen Effekt gehalten: schlicht, kantabel, innig.

1961 spielte Casals das Stück auch im Weissen Haus, vor Jackie und John F. Kennedy. Und er wiederholte es zehn Jahre später vor der Vollversammlung der UNO, die ihn mit der Friedensmedaille auszeichnete. Auch eine eigens von ihm komponierte «Hymne an den Frieden» hat er damals aufgeführt. Aber sein eigentliches Friedenslied: Das blieb «El Cant dels Ocells».

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.01.2018, 09:25 Uhr

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