Klassiker der Woche: «Schluss! Wir haben genug!»

In Köln wurde die Aufführung eines Steve-Reich-Stücks unterbrochen. Was war da los?

Mahan Esfahani spielt Steve Reichs «Piano Phase». (Video: Youtube/Deutsche Grammophon)

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Vier Minuten lang hat es das Publikum vor ein paar Tagen in der Kölner Philharmonie ausgehalten. Dann gab es Gelächter, Geklatsche, Zwischenrufe. Bis der iranisch-britische Cembalist Mahan Esfahani die Aufführung abbrechen musste.

Seither laufen zwei Diskussionen. In der einen geht es um Rassismus: Schon als Esfahani das Stück vor der Aufführung auf Englisch erklärte, wurde er angegriffen: «Können Sie nicht Deutsch sprechen?», rief einer aus dem Publikum. Ein anderer schnappte sich nach dem Konzert ein Mikrofon, entschuldigte sich für das Geschehene und erntete grossen Applaus.

Die zweite Diskussion ist eine musikalische. Kann es sein, dass ein Stück von 1967 ein Publikum 2016 derart in Rage bringt? Dazu eines des amerikanischen Minimalisten Steve Reich, dessen Musik nun wirklich niemandem wehtut? Und dies in der einstigen Avantgarde-Hauptstadt Köln, wo der WDR sein elektronisches Studio eingerichtet und Karlheinz Stockhausen komponiert hat?

Repetitionen in h-Moll

Esfahani spielte in Köln unter anderem Werke, die er kürzlich für die Deutsche Grammophon eingespielt hatte, die ja nicht gerade ein Radau-Label ist. Der Cembalist hatte da Bach mit zeitgenössischen Komponisten zusammengebracht, die sich auf ihn beziehen. Reichs «Piano Phase» etwa besteht aus einem einzigen, aus 12 Tönen zusammengesetzten h-Moll-Motiv, das ohne weiteres in einem Bach-Präludium vorkommen könnte. Nur wird es dann von den beiden Klavieren respektive Marimbafonen, für die das Stück geschrieben ist, endlos repetiert und durch minime Tempounterschiede nach und nach so verschoben, dass sich seine Konturen und der tonale Bezug auflösen.

Der Cembalist Mahan Esfahani spielt «Piano Phase» mit dem Segen des Komponisten allein, die zweite Partie kommt ab Tonband. Wie das wirkt, ist schon in diesem kurzen Ausschnitt hörbar; man kann sich durchaus vorstellen, dass die ganze, knapp 17-minütige Aufführung anstrengend sein kann, wenn man es nicht schafft, sich einlullen zu lassen. Aber ein Skandal? Nein, dafür reichts bei weitem nicht.

Umso weniger, als das Publikum in Konzertsälen ja eigentlich nicht zu extremen Reaktionen neigt. Die Zeiten, als man Interpreten zum Abbruch zwang, sind längst vorbei. Bei Schönbergs Streichquartett op. 10 war das etwa vorgekommen, 1908 in Wien. «Schluss! Wir haben genug! Wir lassen uns nicht frotzeln!», soll da geschrien worden sein. Auch die Pariser Uraufführung von Strawinskys «Sacre du Printemps» 1913 ging als Skandal in die Geschichte ein. Seither ist nichts Nennenswertes mehr passiert, auch weil sich die Szene in Nischen aufgesplittert hat. Die einen gehen ins Sinfoniekonzert, die anderen zur zeitgenössischen Musik.

«Wovor haben Sie Angst?»

Und genau hier dürfte auch das Kölner Problem liegen: Wie harzig es sein kann, wenn man in klassische Programme neue Werke einbaut, davon kann jeder Konzerthaus-Intendant ein höchst expressives Lied singen. Aber trotzdem, mehr als eisernes Schweigen oder genervte Pausenkommentare erntet man selten damit. Dass ein Musiker nicht weiterspielen kann, ist ein höchst unschöner Einzelfall. Oder deutlicher formuliert und in Zusammenhang mit dem rassistischen Zwischenruf: weit skandalöser als Reichs «Piano Phase».

Esfahanis Reaktion war übrigens bemerkenswert ruhig. «Wovor haben Sie Angst?», fragte er das Publikum. Erzählte dann von seiner Heimat, dem Iran, wo Konzerte wegen Nichtigkeiten verboten werden. Und ging danach über zum nächsten Programmpunkt: Carl Philipp Emanuel Bach.

Erstellt: 10.03.2016, 13:07 Uhr

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