«Kleinwüchsig, unansehnlich, fast hässlich»

Kunsthistorikerin Eva Baur hat eine neue Biografie über Mozart verfasst. Im Interview sagt sie, warum unser Bild von ihm so falsch ist – und was es mit seinen derben Briefen auf sich hat.

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«Ma très chère Cousine!», eröffnet Mozart einen Brief. Um sich sogleich zu unterbrechen: «Bevor ich Ihnen schreibe, muss ich aufs Häusel gehen --- ietzt ist's vorbey! ach! -- nun ist mir wieder leichter ums Herz!» In einem andern Schreiben heisst es: «o charmante! - dreck, leck! - das freüet mich!» Wie gingen Sie als feinsinnige Kunsthistorikerin damit um?
Solche Äusserungen, die heute als Entgleisungen erscheinen, waren damals nichts Ungewöhnliches. Auch seine Mutter hat seinem Vater schon mal geschrieben: «Reck‘ den Arsch zum Mund.» Oder: «Er möge die sündigen Pimperl aufs Fotzerl küssen.» Das war Mozarts Terrierhündin. Man muss also relativieren. Vor allem aber ändert das nichts am Wesentlichen: Diese Briefe stellen einen Schatz dar.

Weshalb?
Mozart kann in seinen Briefen alles. Sich verstellen, inszenieren, lügen und schonungslos seine Einsamkeit und sexuelle Begehrlichkeit bis hin zum Masturbieren preisgeben. Oder auch jonglieren mit Sprachen, Stilen und Traditionen– lateinisch und deutsch, derb und empfindsam, vergeistigt und saftig irdisch. In seinen Briefen zeigte er die gleichen Qualitäten wie als Musiker: er war von grenzenloser Experimentierfreude und berstendem Einfallsreichtum.

Ein Genie?
Es bringt uns nicht weiter, Mozart als Genie zu bezeichnen, denn dieser Begriff ist hohl, unscharf, unbrauchbar. Vor allem historisch falsch. Es war ein Zeitgenosse Leopolds, der Schweizer Theologe Johann Georg Sulzer, der klarmachte: Genie ist man nicht, Genie hat man. Genie war für ihn die Fähigkeit aussergewöhnlicher Wahrnehmungsschärfe – auch Tiere, schrieb er, konnten über sie verfügen. Mozart selbst verwahrte sich gegen diesen vagen Genie-Begriff und meinte, er habe vielmehr «superieures Talent». Bezeichnenderweise wurde die Genieunsitte erst nach Mozarts Tod Mode: Niemetschek, sein erster Biograf, verwendete das Genie-Etikett 25-mal auf 118 Seiten, Arnold, der nächste, bereits 75-mal, Nissen dann 100-mal. Inflationär wurde es gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Zeit, damit aufzuhören wie auch damit, Mozart Amadeus zu nennen. So nannte er sich selbst nur dreimal. Freunde und Familie nannten ihn allesamt Wolfgang.

Es wurden schon sehr viele Mozart-Biografien publiziert. Was ist die Besonderheit Ihres Buchs?
Klingt absurd: Eine Besonderheit ist, dass es ganz konventionell streng chronologisch aufgebaut ist. Heute ungewöhnlich, denn neuere Biografien bevorzugen meist Exkurse und Spezialaspekte. Aber nur, wenn ich Mozarts Leben von Geburt bis Tod beschreibe, kann der Leser Mozarts seelische, musikalische, soziale, gesellschaftliche Entwicklung nachvollziehen. Er versteht, warum Mozart wurde, was er war und wie er war. Die andere Besonderheit: dass ich keinen Sündenbock suche für das, was an Mozart unsympathisch war. Sein Intrigieren, Lügen, Tricksen, Ausfälligwerden und Verletzendsein. Ich brauche keinen Sündenbock, weder Constanze noch Leopold noch Salieri, weil ich Mozarts Widersprüchlichkeit, ja Zerrissenheit nicht nur widerwillig hinnehme, sondern als Kern seines Wesens und seiner Einzigartigkeit anerkenne.

Was sind die jüngsten Erkenntnisse aus der Forschung?
Zum Beispiel gibt es eine vom Stockholmer Karolinska-Institut publizierte Studie, die aufzeigt, dass die Filterfunktionen des Gehirns bei Hochbegabten wie Mozart, aber auch bei bestimmten seelisch Erkrankten extrem herabgesetzt sind. Das stellt die Betroffenen im Alltag vor grosse Probleme, ermöglicht anderseits aber auch ungewöhnliche Assoziationen und ein uns Normalhirnen nicht mögliches Welterleben. Dieser Befund floss in mein Buch ebenso ein wie ein Arsenik-Fund neueren Datums im Autografen zur Zauberflöte. Oder der jüngst analysierte Gänsehauteffekt, der durch unerwartete Strukturwechsel in der Musik hervorgerufen wird. Mozart war ein Meister darin.

Über Mozarts Tod wird noch immer viel spekuliert. Gibt es hierzu neue Befunde, Vermutungen?
Die Vergiftungstheorien stützen sich auf Legenden und Gerüchte. Und eine einzige Zeugenaussage: Mozarts Frau Constanze gab, als alte Dame, wohlgemerkt, den Novellos zu Protokoll, Mozart habe ihr gesagt: «Man hat mir Gift gegeben.» Der hoch verschuldete Mozart hatte tatsächlich Grund, sich verfolgt zu fühlen. Wie sehr, bewies erst der österreichische Archivfuchs Walther Brauneis. Er lieferte den dokumentarischen Beleg, dass Mozarts Gläubiger Karl Fürst von Lichnowsky gerichtlich eine Gehaltspfändung durchgesetzt hatte. Dem Vollzug war bereits stattgegeben worden. Tatsache ist nur, dass er an den Folgen einer hochfiebrigen Entzündung starb, ausgelöst vermutlich durch eine Streptokokkeninfektion. Doch neue Verschwörungstheorien bescheren eben neue Berichterstattungen und damit neue Leser.

Die Vorstellung, Mozart sei vergiftet worden, muss mit einer besonderen, faktenresistenten Faszination verbunden sein.
Ja, das ist sie. Und das ist nachvollziehbar. Wenn ein Mensch eine Ausnahmeerscheinung darstellt, seine Begabung und sein Werk im wahren Wortsinn kaum zu fassen sind, dann suchen wir nach Erklärungen. Nach nicht rationalen. Solche Menschen dürfen einfach nicht gewöhnlich auf die Welt gekommen und auch nicht gewöhnlich gestorben sein. Es gibt in Mythen und Viten Beispiele en masse.

Zum Beispiel?
Athene entsprang in voller Montur dem Schädel ihres Vaters Zeus, der ihre schwangere Mutter verschlungen hatte. Aphrodite wurde aus dem mit Meerwasser aufgeschäumten Sperma des entmannten Uranos geboren. Der aus dem Leib der toten Semele geschnittene Embryo Dionysos wurde im Schenkel des Zeus ausgetragen. Auch die unbefleckte Empfängnis Jesu folgt letztlich einem solchen Muster. Und genauso gibt es die Theorie von aussergewöhnlichen Todesfällen. Ariost soll lachend vom Stuhl gestürzt sein, Alkan wurde angeblich vom Bücherregal erschlagen und Mozart eben vergiftet.

Die Vergiftungstod-Theorie wurde durch Milos Formans Hollywood-Klassiker «Amadeus» weltweit verbreitet. Was halten Sie von diesem Film?
Wenig, weil er viel Unsinn in die Köpfe gepflanzt hat. Von der Verunglimpfung des Antonio Salieri, der Mozart wohlgesonnen war, bis zur äusserlichen Entstellung Mozarts zum Hübschling – sieht aus wie Haarspraywerbung der frühen 1980er-Jahre, passend nur zum weissen Flügel und Richard Clayderman. Dabei ist die Quellenlage eindeutig: Mozart war äusserst kleinwüchsig und, abgesehen von der Fülle aschblonden, über schulterlangen Haares, unansehnlich, fast hässlich.

Hässlich?
Pockennarben, fleischige Nase, kleines Kinn, später ein Doppelkinn, meist käsige Hautfarbe, leichtes Schielen nach innen. Gerade Letzteres weise ich exakt nach. Mozart litt als Ästhet extrem darunter, unterschrieb gallig als: Mozart, corpore parvus – von armer, erbärmlicher Gestalt. Er war nicht schön und sehnte sich umso intensiver nach dem Schönen. Er wurde keineswegs von allen geliebt und war nicht sehr beliebt als Erwachsener, aber zutiefst liebesfähig. Dass darin die Tragik und Grösse seines Daseins liegt, war mir wichtig.

Hartnäckig hält sich die Vorstellung von Mozarts durch und durch bösem Vater Leopold. Warum ist unser Bild von Leopold so schlecht? Immerhin war es doch unzweifelhaft er, der Mozart das musikalische Rüstzeug mitgegeben hat.
Leopold selbst war nur ein mittelmässiger Komponist. Aber ohne seinen extrem risikofreudigen, jede eigene Sicherheit und Karriere ausser Acht lassenden Einsatz für den Sohn wäre der nie geworden, was er wurde. Leopold ersparte seinem Sohn schulische Zeitverschwendung, brachte ihm bei, was zählte: Mathematik, Physik, Latein, Italienisch, Französisch. Er sorgte dafür, dass Mozart bereits als Teenager den Überblick über Europas Musikszene besass. Die besten Solisten, Komponisten, Kastraten, Bühnen und Orchester kannte, von London bis Pressburg, von Wien bis Amsterdam, von Genf bis Neapel.

All dies ist sehr ehrbar. Aber woher stammt nun Leopolds schlechtes Image?
Leopolds mieses Image hat vor allem der erfolgreiche Essay des Schriftstellers Wolfgang Hildesheimer aus dem Jahr 1977 zementiert. Vorzuwerfen ist Leopold, dass er für seinen Schützling unverzichtbar werden wollte. Aber welcher Manager will das nicht? Anzulasten ist ihm auch, dass er seinen Sohn nicht loslassen wollte. Dass er ihm weder beibrachte, mit Geld, noch mit Menschen umzugehen. Von Diplomatie hatte Leopold viel, Wolfgang keinerlei Ahnung. Über Mozarts Leben und allem, was darin schieflief, müsste in Leuchtschrift stehen: MISFITS – nicht gesellschaftsfähig.

Welches Werk von Mozart ist für Ihr Empfinden zu wenig bekannt?
Seine Sinfonia Concertante für Geige und Bratsche, Mozarts Lieblingsinstrument. Ich habe sie als Fünfjährige zum ersten Mal gehört und wurde ungewöhnlich still. Meine Eltern fragten mich, was mit mir los sei. Ich sagte: Bei der Musik will ich sterben. Das ist noch immer so.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 11.08.2014, 11:13 Uhr

Eva Gesine Baur (*1960) ist promovierte Kunsthistorikerin. Sie hat bereits Biografien über Frédéric Chopin, Emanuel Schikaneder und Charlotte Schiller veröffentlicht. (Bild: Foto Meinen)

Eva Gesine Baur: Mozart. C. H. Beck 2014. 39.90 Franken.

Video

Von diesem Film hält Baur sehr wenig: «Amadeus» von Milos Forman (Trailer).

Video

«Sinfonia Concertante», aufgeführt am 18. Mai 2014 im Grote Zaal Concertgebouw Amsterdam.

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