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Die English National Opera holt den Musikproduzenten von «La La Land» als Berater: Ein weiterer Versuch, einer alten Kunstform etwas zeitgenössische Popularität zu verleihen.

Opernsängerinnen werden da ein bisschen üben müssen: Szene aus «La La Land».


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Es ist nicht zu befürchten, dass die Tosca künftig steppen muss, bevor sie in den Tod stürzt. Auch die Hüpfereien über die Autodächer wird man den Opernsängerinnen nicht zumuten wollen. Aber ein bisschen von dem Schwung, mit dem sich der Film «La La Land» zu fünf Oscars und in die Herzen des Publikums getanzt hat, hätte man an der Londoner English National Opera eben schon gerne.

Deshalb hat man nun Marius de Vries, den Musikproduzenten von «La La Land», als unbezahlten und imagemässig wohl auch unbezahlbaren «Creative Consultant» geholt. In den normalen Opernbetrieb soll er sich nicht einmischen, den betreut mit Daniel Kramer ein alter Freund von ihm, der seit ein paar Monaten als Künstlerischer Leiter der English National Opera amtet. Von de Vries will man Sonderprojekte, Grenzgänge in Richtung Pop und Elektronik – Aufführungen also, die ein Publikum anziehen sollen, das sich sonst eher nicht für Oper interessiert.

Anderes Handwerk

Es ist bei weitem nicht der erste Flirt zwischen Oper und Film. Doris Dörrie, Bernd Eichinger, Michael Haneke, Andreas Dresen und Werner Herzog haben alle auch bei Opern Regie geführt; die «Rosenkavalier»-Inszenierung des Schauspielers Christoph Waltz wurde in Antwerpen als Event gefeiert. Und die Arrangements dienen allen: Die Opernhäuser profitieren von den berühmten Namen und der Aura einer Kunstform, die als zeitgenössischer wahrgenommen wird als die Oper. Die Filmer wiederum schätzen die direkten Publikumsreaktionen, die Livemusik und den bildungsbürgerlichen Touch, den eine Operninszenierung in ihre Biografie bringt.

Aus Doris Dörries Inszenierung von Händels «Admeto».

Dass die Ergebnisse künstlerisch eher selten überzeugen, erstaunt dabei kaum: Mit Opernsängerinnen muss man nun mal anders arbeiten als mit Filmschauspielerinnen, und es gibt auf der Bühne anders als mit der Kamera keinen Zoom, mit dem man nahe ans Geschehen rücken könnte. Opernregie ist wie Filmregie ein Handwerk, das kaum eine(r) auf Anhieb beherrscht. Aber das macht fast gar nichts, denn zumindest neben der Bühne, wenns um Schlagzeilen, Publikumsquote und Imagepflege geht, machen die Filmleute ihren Job hervorragend.

Keine Berührungsängste

Dass die English National Opera nun einen Schritt weiter geht und einen Filmmusiker ans Haus bindet, ist da ebenso kühn wie folgerichtig. Schliesslich hat man an dieser Adresse gute Erfahrungen gemacht mit spartenübergreifenden Projekten – Mike Leigh etwa hat den Broadway-Hit «The Pirates of Penzance» von Gilbert and Sullivan inszeniert, der derzeit läuft. Und auch sonst hat man im zweiten Opernhaus neben der Royal Opera am Covent Garden keinerlei Berührungsängste mit dem Populären.

Marius de Vries umgekehrt hat keine Berührungsängste mit gar nichts. Als Produzent und Arrangeur hat der 1961 geborene Brite mit David Bowie, Madonna, Björk, U2 und vielen weiteren zusammengearbeitet. Und er hat den Soundtrack zu Baz Luhrmanns Musicalfilm «Moulin Rouge» betreut, der die im Jahr 1899 angesiedelte Geschichte um die schwindsuchtkranke Kurtisane Satine und den armen Schriftsteller Christian mit weit jüngeren Songs dekorierte.

Es ist übrigens dieselbe Geschichte, die auch in den Opernhits «La bohème» und «La traviata» erzählt wird, die ihrerseits mehrfach verfilmt worden sind. So viele Unterschiede es auch geben mag zwischen den Sparten: Bei der Liebe, in der Verzweiflung und bei einem gewissen Hang zum Pathos treffen sie sich durchaus. Nur bei der Musik, da gab es bisher eine klare Trennung. Marius de Vries soll das ändern – ob das zu künstlerisch sinnvollen Resultaten oder nur zu ein paar weiteren Marketing-Gags führt, wird sich zeigen.

Erstellt: 10.03.2017, 15:05 Uhr

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