Meister singen um Evas Hand

In den neuen «Meistersingern von Nürnberg» am Zürcher Opernhaus brilliert Michael Volle als Hans Sachs. Die Regieeinfälle von Harry Kupfer stören kaum.

Buhlen mit Liedern: Juliane Banse als Eva und Roberto Sacca als Walther von Stolzing. (Aufnahme der Probe vom Mittwoch, 18. Januar 2012)

Buhlen mit Liedern: Juliane Banse als Eva und Roberto Sacca als Walther von Stolzing. (Aufnahme der Probe vom Mittwoch, 18. Januar 2012) Bild: Keystone

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Wenn Michael Volle bisher in Wagners «Meistersingern» auf der Bühne stand, in Zürich oder Bayreuth, dann gab er jeweils den Beckmesser. Er machte das gut; dieser kleingeistige Kritiker profitierte sehr von der Grosszügigkeit, mit der Volle seine Partien angeht. In der neuen Zürcher Produktion bleibt er nun trotzdem nicht bei seinem Leisten, sondern tritt erstmals als Schuster auf. Und man hört und sieht diesen Hans Sachs und denkt: endlich!

Denn Volle hat alles, was diese Figur braucht: zunächst einmal jene grundsympathische Ausstrahlung, die er als Beckmesser so geschickt zu verbergen wusste, und eine Stimme, die sensibel und stark ist und bei Bedarf auch grob werden kann. Dazu kommt die Begabung, mit einem Schulterzucken komplexe Gefühlszustände zu vermitteln. Die Liebe zu Eva etwa, die er selbst als unpassend empfindet - oder die nicht ganz grollfreie Bewunderung für ihren Geliebten Walther von Stoltzing, der die Regeln der Meistersinger so grandios über den Haufen singt.

Keine Scherze, keine Haltung

Und schliesslich hat Volle auch das Talent, selbst die nationalistische Brandrede des Hans Sachs mit Anstand hinter sich zu bringen. Das ist umso bemerkenswerter, als er es ohne hilfreiche Unterstützung des Regisseurs tun muss. Harry Kupfer lässt die Rede, die dem Werk einst zu grosser Beliebtheit bei den Nationalsozialisten verhalf, ohne szenischen Kommentar. Nachdem er in der vergangenen Saison Wagners andere Künstleroper, den «Tannhäuser», mit grossem Brimborium versenkt hat, hält er sich diesmal zurück. Leider nicht nur mit plumpen Scherzchen und Aktualisierungsversuchen, sondern auch mit einer Haltung gegenüber dem Werk und seiner Rezeptionsgeschichte.

Nicht, dass er sie nicht kennen würde - Kupfer hat die «Meistersinger» mehrfach inszeniert. Und auch in der neuen Version nimmt er durchaus zur Kenntnis, dass Nürnberg aus Nach-Naziperspektive nicht mehr nur jenes mittelalterliche Städtchen sein kann, als das es Wagner porträtierte. Deshalb hat er Hans Schavernoch eine zerbombte Kirche auf die Drehbühne stellen lassen. Aber die eingerüsteten Ruinen sind reine Dekoration, genau wie das Hintergrundbild, das erst eine zerstörte Stadt, dann Baukräne und schliesslich eine zeitgenössische Skyline zeigt. Denn während die Kulisse allmählich in die Gegenwart führt, schlägt das Bühnengeschehen exakt die gegenläufige Richtung ein. So sieht das erste Treffen der (von Yan Tax eingekleideten) Meistersinger noch ganz nach einer heutigen Verwaltungsratssitzung aus. Die Personenführung ist hier so floskelfrei, dass man sich schon freut auf eine pointierte Sicht des grotesken Singwettbewerbs, bei dem Veit Pogner (Matti Salminen) seine Tochter Eva als Preis einsetzt.

Meister des Timings

Aber nein: Im letzten Akt tragen die Meistersinger beim kunterbunten Volksfest wieder die alten goldenen Zünfterketten, in ungebrochener Tradition jener «heil’gen deutschen Kunst», der Hans Sachsens Loblied gilt. Dazwischen finden jene Szenen statt, in denen neben Hans Sachs auch sein Gegenspieler Beckmesser zu Höchstform aufläuft. Martin Gantner gibt ihn als verklemmten, kleinlichen, aber nie zur Karikatur verkleinerten Pedanten. So sehr er einen nervt, dieser Beckmesser: Er tut einem auch ein bisschen leid, wie er sich verrennt in seinen absurden Hoffnungen auf Eva und den Regeln seines Kunsthandwerks. Auch dem Hans Sachs tut er ein bisschen leid, zwischendurch.

Gantner wie Volle sind Meister des Timings, und Kupfers grösstes Verdienst ist es, dass er das zum Vorschein kommen lässt. Es dauert ja auch in dieser vergleichsweise leichten Wagner-Partitur manchmal eine Weile, bis die Orchestermassen dahin geflossen sind, wo die Stimmen wieder einsetzen; normalerweise erinnern sich die Sänger dann an die traditionellen Operngesten. Nicht so in dieser Aufführung: Volle wie Gantner machen die Pausen als grandiose Schauspieler plausibel. Wie Beckmesser zwischen Schlaumeierei und Misstrauen schwankt, wie Hans Sachs seinen Plan zur Vereinigung von Eva und Walther entwickelt und für diesen guten Zweck auch zu sadistischen Mitteln greift: Das sieht und hört man selten so differenziert und lebensecht.

Das färbt auf die übrigen Protagonisten dieser stark besetzten Aufführung ab. Juliane Banse gibt eine sehr verliebte, sehr selbstbewusste und klangsinnliche Eva, und nur ein Beckmesser würde ein paar enge Spitzentöne bekritteln. Ihr Partner ist Roberto Saccà, der derzeit auf Künstleropern abonniert ist: Er sang in Schrekers «Der ferne Klang» (ebenfalls mit Juliane Banse), und erst kürzlich trauerte er in Pfitzners «Palestrina» mit depressivem Timbre der alten Kunst nach. Als Jungspund Walther von Stoltzing, der die Alten nun seinerseits mit einer neuen Kunst und einem etwas gar klischeehaften Ledermantel erschreckt, blüht er regelrecht auf.

Samt statt Draht

Für einmal sind hier auch Lene und David mehr als nur das zweite Liebespaar: Wiebke Lehmkuhl und Peter Sonn singen hinreissend - und werden souverän begleitet von Daniele Gatti, der die «Meistersinger» erstmals dirigiert. Im Unterschied zu Ingo Metzmacher, mit dem er sich die letzten Zürcher Wagner-Premieren geteilt hat, sucht Gatti ja weniger den drahtigen als den samtenen Ton, weniger die zupackende Dramatik als den grossen Klangraum.

Diesmal wählt er allerdings vergleichsweise flüssige Tempi und entwickelt dabei ein Flair für die komödiantischen Gesten der Musik, für ihre Liedhaftigkeit, für den raschen Wechsel der Tonfälle. Saftig spielt das Orchester der Oper auf, aber anders als in Gattis «Parsifal» bleibt es nicht stecken in den Klangmassen. Zwar legt sich das Fortissimo zuweilen wie ein Deckel über den Saal, aber darunter bleibt die Musik stets in Bewegung. Es hat auch damit zu tun, dass das Publikum nach gut fünfeinhalb Stunden allen Beteiligten noch bemerkenswert munter applaudieren mag.

Erstellt: 24.01.2012, 12:19 Uhr

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