Musik in der dritten Dimension

Die Zürcher Komponistin Katharina Rosenberger lehrt in San Diego. Unter anderem, dass auch hochkomplexe Musik mit dem Leben zu tun haben sollte.

Wie klingt Zürich, Katharina Rosenberger? «Ich höre ein Gerangel und zwischendrin immer wieder ruhige Inseln.»

Wie klingt Zürich, Katharina Rosenberger? «Ich höre ein Gerangel und zwischendrin immer wieder ruhige Inseln.» Bild: Tom Kawara

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Wenn Katharina Rosenberger durch die Strassen geht, hört sie Musik. Nicht auf dem iPod, sie mag die Isolation nicht, sondern in der Umgebung: «Endlos laut», mechanisch und bedrängend tönt für sie New York, in Marseille mit seinen Plätzen öffnen sich Klangräume, in Zürich hört sie «das Gerangel, und zwischendrin immer wieder ruhige Inseln». In San Diego, wo sie an der University of California Komposition unterrichtet, passiert klanglich dagegen wenig, «die Leute sind da vor allem im Auto unterwegs». Für musikalische Identität sorgt immerhin das Geheul der Kojoten.

Wenn Katharina Rosenberger von den Städten erzählt, in denen sie gewohnt, studiert, gearbeitet hat, dann wird rasch klar, dass sie ihr Komponieren nicht von der Welt abkoppeln mag. Die Umgebung liefert entscheidende Impulse für ihre Werke, wie auch die Sukkulenten und die tropischen Blumen in ihrem Garten, deren Wachstumsmuster sie in ihren nun auf CD veröffentlichten «Texturen» verarbeitet hat. Ebenso wichtig sind allerdings die theoretischen Reflexionen; kaum zufällig kommt sie immer wieder auf Texte von Jean Baudrillard (etwa in der Video-Oper «X», die sie vor ein paar Jahren ans Zürcher Theater Spektakel gebracht hat).

Klavier im Rückwärtsgang

Wie klingt nun diese Musik? «Manche finden sie etwas nervös», sagt Katharina Rosenberger – und fügt hinzu, dass auch nicht spezialisierte Hörer «oft etwas sehen» in ihren Werken. Bilder, Farben, Strukturen. Auch bei den «Texturen» mag es einem so gehen: Da ist dieses Nervöse, Atemlose, Getriebene; aber immer wieder treibt es einen zu konkreten Assoziationen. Das Klavier streut Schneekristalle, zwei Bläser spielen TonPingpong, und ja, auch Strassenbetriebsamkeit kann man hören in diesem 50-minütigen Zyklus für Sprechstimme, Instrumente und Elektronik.

Die Suche nach Klängen beschäftigt Katharina Rosenberger, seit sie sich als Kind ans Klavier gesetzt hat. Schon früh wollte sie nicht nur Noten nachspielen, sondern selbst ausprobieren, was sie dem Instrument entlocken kann – oder was passiert, wenn sie ein Stück rückwärts spielt. Klänge waren nie abstrakt für sie, «es ist, als ob ich sie anfassen könnte». Mit 16 Jahren leitete sie einen Quartierchor, für den sie vieles selbst arrangiert hat. Es folgten Jazzschule, Studium in Gesang und Theorie – und die Erkenntnis, dass sie nicht unbedingt auf der Bühne stehen muss: «Ich habe immer mehr Musiker mit aufs Podium geholt und mich selbst in den Hintergrund verschoben.» Bis sie sich hinter die Werke verschob: als Komponistin, die ihre Klänge für andere schreibt.

Zwischen den Sparten

Entscheidend war die Begegnung mit Tristan Murail, dem französischen Spektralisten. Auch Katharina Rosenberger sympathisiert mit dieser kompositorischen Richtung, die mit der Analyse von Obertonklängen arbeitet, aber sie würde sich nicht als Spektralistin bezeichnen. Überhaupt fühlt sie sich keiner Schule zugehörig, dafür ist sie zu neugierig – und zu wenig auf eine einzige Kunst festgelegt. Was sie wirklich interessiert, passiert zwischen den Sparten, oder auch zwischen den Musikern und dem Publikum. So hat sie Klangskulpturen geschaffen, die auf die Bewegungen der Besucher reagierten. Sie arbeitet mit Videokünstlern, Plastikern und Theaterleuten zusammen, interessiert sich für Architektur, Neue Medien, neue Materialien. New York war deshalb eine gute Stadt für sie, «da ist man im aktuellen Kunstdiskurs am Puls der Zeit». Und doch fühlt sie sich durch und durch als Europäerin, «immer mehr eigentlich».

Der verengte Klangraum

Sie hat es gemerkt bei ihrem Studium an der Columbia University, wo ihr der Direktor riet, sich ein vermarktbares Fächerprofil zuzulegen – und ihren Widerstand mit einem Kopfschütteln quittierte über «diese europäischen Frauen» und ihre Überzeugung, nur der eigene Weg sei der richtige. Katharina Rosenberger hatte diese Überzeugung, und sie ging ihren Weg, dank Stipendien und durch viele Unsicherheiten hindurch. «Meine Mutter schickte mir noch lange Inserate für irgendwelche Bürostellen an Musikschulen», sagt sie.

Es ist also kein Zufall, dass sie gerade jene Studierenden schätzt, die «auch mal anecken». Die Stromlinienform war nie ihr Ziel, weder in der Karriere noch in der Kunst; nicht alles soll sich sofort erschliessen, «das wäre zu einengend». Und so erinnert man sich an ihre VideoOper «X», einen raffinierten Krimi um eine vervielfachte Frauenfigur – und an das Gefühl von Beklemmung, dem man sich selbst dann nicht entziehen konnte, wenn man zwischendrin mal die Orientierung verlor zwischen all den Musikschichten, Bildschichten, Handlungsschichten. Katharina Rosenberger erzählt dann, wie sie damals dem Klang mithilfe der Elektronik immer mehr Hall entzogen habe, damit der Raum um die Zuhörer im Laufe des Stücks akustisch immer enger wurde.

Und plötzlich kann man sich vorstellen, wie es sich anfühlen mag, mit ihren Ohren durch die Städte zu gehen.

Erstellt: 02.10.2012, 09:02 Uhr

Katharina Rosenberger, «Texturen». Wet Ink Ensemble (Hat).

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