«Oper ist Hochleistungssport»

Die Sopranistin Diana Damrau wird im Zürcher Opernhaus demnächst als Titelheldin in Donizettis Oper «Maria Stuarda» hingerichtet.

«Ich muss mir eine Rolle selbst glauben können»: Diana Damrau. Foto: Sabina Bobst

«Ich muss mir eine Rolle selbst glauben können»: Diana Damrau. Foto: Sabina Bobst

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Mary Stuart war eine schillernde Königin: machtbesessen, gläubig, intrigant. Was verbindet Sie mit ihr?
Sie ist die erste Figur in meinem Alter, die ich darstelle – wobei Mitte vierzig damals eine andere Bedeutung hatte als heute. Aber das passt schon, irgendwann sind die Partien der jungen Mädchen vorbei, man reift als Sängerin, stimmlich und menschlich. Ich muss mir eine Rolle selbst glauben können, damit ich sie darstellen mag.

Und die Königin glauben Sie sich?
Die Königin spielen die anderen! Es sind die übrigen Darsteller, die die spezielle Aura dieser Figur sichtbar machen. Aber klar, ich habe mich schon sehr mit ihr auseinandergesetzt; und auch die Kostüme helfen, eine passende Haltung zu entwickeln. Die historische Mary Stuart muss eine sehr charismatische Persönlichkeit gewesen sein. Selbst aus ihrem Todesurteil wollte sie noch das Beste für ihren katholischen Glauben herausholen. Sie ging in einer Art Nonnen­gewand zum Schafott, dort zog sie es aus, darunter trug sie ein dunkelrotes Kleid – die Farbe der katholischen Märtyrer.

Grosse Oper, schon in der Realität.
Ja. Und bei Donizetti dann sowieso. Es gibt unglaublich ergreifende Momente in seiner Oper, wenn alle zusammen beten etwa. Oder wenn die Maria Stuarda ihre Beichte ablegt bei Talbot . . .

. . . der in der Realität Ihr Mann ist, der Bassbariton Nicolas Testé.
Genau, er muss mich immer trösten auf der Bühne, wenn mich die bösen Tenöre verlassen oder quälen oder verfluchen. Er ist der Fels in der Brandung.

Wäre es nicht praktischer, wenn er Tenor wäre? Dann könnten Sie all die grossen Liebespaare verkörpern.
Wir sind eben doch nicht unter Königen, wo man sich taktisch jemanden aussucht . . . Und ich bin ganz froh, dass wir auf der Bühne andere Sachen ausleben können als zu Hause. In der Oper ist er der Vater oder der Priester oder der Bösewicht, dann fetzen wir uns. Wir kriegen einiges, um zusammenzuspielen.

Machen Sie es zur Bedingung, dass Sie zusammen engagiert werden?
Nein. Aber man fragt natürlich danach; und wir sind beide karrieremässig in einer Situation, in der es kein grosses Problem ist. Oft treten wir am selben Ort auf, aber in unterschiedlichen Stücken, das ist eigentlich ideal; dann werden wir nicht als Paket wahrgenommen. Da muss man schon aufpassen. Aber es ist uns wichtig, dass wir örtlich nicht getrennt sind, einer allein schafft das nicht mit zwei Kindern. Und wir wollen die Kinder dabeihaben, inzwischen mit Lehrerin und Schulprogramm; wir wollen eine Familie sein.

«In unserem Beruf kann man leicht den Bezug zur Realität verlieren.»

Also wechseln Sie derzeit zwischen Probebühne und Spielplatz?
Genau, und das ist gut so. Gerade in unserem Beruf, in dem man sich dauernd in andere Charaktere, Welten und Zeiten hineinversetzen muss, wo man all die Emotionen der Figuren mitlebt und durchdenkt – da kann man leicht den Bezug zur Realität verlieren.

Aber Sie mögen es schon, sich voll und ganz in eine Rolle zu stürzen?
Unbedingt, anders geht es gar nicht. Oper ist Hochleistungssport, in jeder Hinsicht. Ich habe einmal die Marie in Donizettis «La fille du régiment» gegeben, in einer sehr temporeichen Inszenierung: Da habe ich mich vorbereitet, indem ich auf dem Hometrainer zu singen versuchte. Das müssen Sie mal probieren, nach zehn Sekunden drehen sich die Augen.

So sportlich muss die Maria Stuarda nicht sein.
Nein, aber die Proben sind auch hier sehr intensiv. Ich liebe Proben! Man kommt hin mit seiner Sicht auf die Rolle, und im Zusammenspiel mit anderen dreht man die Sache dann noch einmal ein bisschen um. Es entwickeln sich unerwartete Dinge, irgendwann fügen sie sich zusammen, die Figuren werden ­lebendig. Ich bin jeweils fast traurig, wenn die Probezeit fertig ist.

Mit den Proben sind Sie während Wochen fast täglich beschäftigt, die Aufführungen finden dann vielleicht alle drei Tage statt. Das ist ja tatsächlich weniger intensiv.
Einerseits. Andererseits muss man im richtigen Moment eine Topleistung bringen, es ist wie ein sportlicher Wettkampf. Bei der Premiere sind alle hundemüde; wenn sie gut läuft, ist die zweite Vorstellung am meisten gefährdet. Ab der vierten sind dann alle wieder bei Kräften, und gegen Ende einer Serie wird es immer schöner, freier. Dann passieren auf der Bühne automatisch noch neue Sachen.

«Nach meinem «Traviata»-Debüt habe ich einen Luftsprung gemacht.»

Sie sind als freie Sängerin unterwegs: Ist man da speziell unter Druck, was die Leistung anbelangt?
Schon. Ist man fünfmal nicht so gut, wird man gefragt: Ist das eine Krise? Kommt dann noch eine Erkältung dazu, heisst es: Jetzt ist die Krise wirklich da. Dann ist man ganz schnell weg ohne den Schutz eines Festvertrags. Aber auch für Ensemblesänger ist es nicht leicht; da kann es passieren, dass jemand kurz vor der Unkündbarkeit nicht mehr verlängert wird – in Deutschland ist das nach 15 Jahren an einem Haus. Da steht man dann vor dem Nichts, weil man immer nur an dem einen Ort gesungen hat. Ich hatte in dieser Hinsicht Glück: Insgesamt war ich sechs Jahre in Ensembles, zuletzt hatte ich aber nur noch einen Vertrag über zwanzig Abende pro Saison. Ich konnte also daneben viel gastieren und Kontakte knüpfen.

Wie gross ist die Gefahr, dass man als herumreisende Starsängerin zur Diva wird?
Der Begriff kommt ja von «göttlich», weil das Publikum eben fand, dass Opernsänger göttliche Momente zaubern. Es sind Menschen mit einem Talent, das ihnen der liebe Gott geschenkt hat, und für das sie sehr viel gearbeitet haben. So schaffen sie irgendwann etwas, was andere Menschen aus dem Stand nicht können. Dass einige Damen das dann überzogen haben in egoistischer Selbstüberschätzung, ist eine andere Geschichte. Da ging es natürlich auch um Machtspiele.

Fast wie bei Mary Stuart und Elizabeth I . . .
Ja, und wie in Donizettis Oper! Die Uraufführung in Neapel ist ja gescheitert, weil sich die beiden Sopranistinnen in die Haare geraten sind. In Zürich wird das nicht passieren, ich verstehe mich bestens mit Serena Farnocchia.

Wann verwandeln Sie sich nach einer Aufführung zurück in die Privatperson? Beim Applaus? Oder wenn Sie das Kostüm ausziehen?
Mit dem letzten Ton. Wobei der Applaus schon noch zur Show gehört, aber da bin ich nicht mehr die Figur, sondern Kollegin, professionelle Sängerin. Man bedankt sich beim Publikum. Da darf ich ja nicht zeigen, wenn ich finde, dass der Abend nicht so gut gelaufen ist.

Auch nicht, wenn er besonders gut gelaufen ist?
Nach meinem «Traviata»-Debüt habe ich einen Luftsprung gemacht. Das hat ­natürlich ganz und gar nicht zur Rolle ­gepasst. Aber ich war so glücklich, dass alles gut geklappt hat!


Premiere von «Maria Stuarda» im Zürcher Opernhaus: Sonntag, 8. April. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.04.2018, 19:31 Uhr

Diana Damrau

Sopranistin

Die deutsche Sopranistin wurde 1971 im schwäbischen Günzburg geboren. Angefangen hat sie ihre Karriere in den Ensembles von Würzburg, Mannheim und Frankfurt; heute ist sie als freie Sängerin an allen grossen Bühnen gefragt. Zusammen mit dem französischen Bassbariton Nicolas Testé hat sie zwei Söhne im Alter von fünf und sieben Jahren. (Red)

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