Opernglamour im Agglo-Kino

Die New Yorker Metropolitan Opera überträgt Aufführungen in Tausende von Kinos weltweit, auch in Schweizer Säle. «Wozzeck» zog Scharen an.

Während in New York das Publikum in die Metropolitan Opera strömt, machen sich auch Schweizer Opernfans auf den Weg – zum Beispiel ins Pathé-Kino Spreitenbach. Fotos: Stefano Politi Markovina / Alamy Stock Photo, Andrea Zahler

Während in New York das Publikum in die Metropolitan Opera strömt, machen sich auch Schweizer Opernfans auf den Weg – zum Beispiel ins Pathé-Kino Spreitenbach. Fotos: Stefano Politi Markovina / Alamy Stock Photo, Andrea Zahler

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Aussteigen am Bahnhof Killwangen/Spreitenbach, der Bus Nummer zwei bringt einen zur Ikea, ein paar Schritte sind es dann noch bis zum Pathé-Multiplex-Kino. Dort passiert man «Star Wars»-Plakate und eine Schleuse, fährt ein Stockwerk nach oben – und erhält gleich einmal ein Glas Champagner in die Hand gedrückt, gratis: Willkommen im VIP-Bereich.

Oper ist nun mal ein erlesenes Vergnügen, auch hier, im Agglo-Kino. 45 Franken kostet die Karte, deutlich mehr als ein normaler Kinoeintritt, mehr sogar als die billigsten Plätze im Zürcher Opernhaus. Aber dafür erlebt man eine Aufführung der New Yorker Metropolitan Opera, einer der glamourösesten Bühnen dieser Welt – und dies erst noch live. Denn während man sich in Spreitenbach auf die Zweiersofas der VIP-Lounge setzt, nimmt auch das Publikum in der Met Platz. Das klappt trotz Zeitverschiebung, die amerikanische 13-Uhr-Vorstellung passt exakt ins Schweizer Abendprogramm.

Gezeigt wird diesmal Alban Bergs «Wozzeck», ein bedeutendes Werk also, aber keine «Traviata», nichts zum Mitschwelgen. Ein Pärchen in den Zwanzigern lässt sich deshalb ein zweites Glas Champagner nachschenken, «bei dieser Musik braucht man das». Gekommen sind sie trotzdem, zusammen mit vielen anderen. Allein die Pathé-Kette bietet in der Schweiz an sieben Standorten total 3313 Plätze an; auch in 14 weiteren Kinos zwischen Genf, Sierre, Lugano und Schaffhausen ist man dabei, wenn nun die Scheinwerfer auf der Bühne angehen.

Düstere Projektionen überblenden die Szenerie in William Kentridges Inszenierung des «Wozzeck». Im roten Kleid: Elza van den Heever als Marie. Foto: Ken Howard/Metropolitan Opera

Eine kaputte Welt wird da sichtbar, Regisseur William Kentridge situiert seinen «Wozzeck» kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Wacklige Stege ziehen sich über die Bühne, Gestalten mit Gasmasken tauchen auf und verschwinden wieder, Projektionen von Räumen, Landschaften, militärischen Karten überblenden die Szenerie. Und der Schwede Peter Mattei wirkt in der Titelrolle genau so «verhetzt», wie es ihm der Hauptmann zu Beginn der Oper vorwirft; er schluchzt und stöhnt sich durch die Partitur, nur selten lässt er seinen Luxusbariton aufblühen.

Grossartig ist das, tief berührend – und ein viel beachtetes Ereignis in der Opernwelt. Denn Mattei singt den Wozzeck zum ersten Mal in dieser New Yorker Produktion, die im Dezember Premiere gefeiert hat; als Marie gibt Elza van den Heever ebenfalls ein Rollendebüt. Es gibt Menschen, die sich für eine solche Aufführung in ein Flugzeug setzen.

Der schwedische Bariton Peter Mattei gibt in New York einen tief berührenden Wozzeck. Foto: Ken Howard/Metropolitan Opera

Dass man nun auch mit der S-Bahn hinkommt, ist also zweifellos eine willkommene Alternative. Und obwohl eine Übertragung nie dasselbe ist wie ein tatsächliches Live-Erlebnis, ist man doch dicht dran. In gewisser Weise sogar dichter als das Publikum vor Ort: Wozzeck und Marie erscheinen jedenfalls so oft in Nahaufnahme, dass man am Ende der Aufführung nicht nur ihre Interpretation, sondern auch ihre Zahnstellung kennt.

Auch die Totale verfehlt ihre Wirkung nicht, die Bühne passt ja fast in Originalgrösse auf die Leinwand. Und der Klang ist gut; störend ist einzig, dass Bild und Ton leicht verschoben sind an diesem Abend. So attraktiv das Live-Konzept ist, es ist auch ein Risiko: Gibt es irgendwo ein technisches Problem, lässt sich dieses kaum gleich beheben. Erst recht nicht, wenn die Aufführung ohne Pause gespielt wird.

Die Met überträgt nach Argentinien und Australien, nach Litauen und Südafrika.

Aber die Panne ist eine Ausnahme, in der Regel klappt die Übertragung perfekt synchron; auch darum ist das Met-Projekt so erfolgreich. Am 30. Dezember 2006 wurde es lanciert, mit einer englischsprachigen Kurzversion der «Zauberflöte». Übertragen wurde sie damals in ein norwegisches, sieben britische und zwei japanische Kinos. Bereits in der zweiten Saison kamen rund hundert weitere Säle in diversen europäischen Ländern dazu. Heute sind es viele Tausende, weltweit: Die Met überträgt nach Argentinien und Australien, nach Litauen und Südafrika.

Die New Yorker Oper ist damit die grösste Akteurin in einem wachsenden Markt. Auch das Londoner Royal Opera House überträgt regelmässig Opern- und Ballettaufführungen (in der Schweiz sind sie unter anderem in Kitag-Kinos zu sehen). Und dann ist da das Moskauer Bolschoi-Theater, das seine Ballettproduktionen um die Welt sendet. Kleinere Häuser können da nicht mithalten; die Technik ist teuer, die Organisation aufwendig. Es braucht viele Abnehmer, bis die Rechnung für alle Beteiligten aufgeht.

Bei den Met-Übertragungen tut sie das: für die Oper, die sich damit ein neues Geschäftsfeld erschlossen hat. Und für die Kinos, die zwar keine Zahlen kommunizieren wollen, aber ausverkaufte Säle vermelden.

Viele Junge, viele Opernfans

In den Pathé-Kinos sind rund zwei Drittel der Plätze durch Besucher besetzt, die ein Saison-Abo haben, das sie oft Jahr für Jahr verlängern. In Bern etwa stünden die Menschen am Starttag für die Vergabe jeweils schon morgens Schlange vor der Kasse, sagt Pathé-Pressesprecherin Nina Lauener, «viele buchen dann gleich wieder denselben Platz». Für die Zukunft plant man deshalb eine Zweitausstrahlung der Live-Übertragung; Publikum dafür gibt es genug.

Es ist ein auffallend bunt gemischtes Publikum, wobei die Mischung an jedem Standort wieder ein bisschen anders ist. Viele Junge hat es überall, auch viele echte Opernfans. Und die meisten zögen sich schick an für diese Übertragungen, sagt Lauener, «wie wenn sie wirklich in die Oper gehen würden».

Dieses Gefühl will man «zelebrieren» in den Pathé-Sälen; das Met-Publikum wird nicht nur in Spreitenbach an den übrigen Kinogängern vorbeigeschleust. Wo es keine VIP-Zone gibt, nutzt man den Ausgang als Eingang oder sperrt Bereiche ab, in denen dann der Apéro serviert wird. Und im Basler Küchlin-Pathé sitzen die Operngäste stilecht in Logen – schliesslich befindet sich das Kino in einem denkmalgeschützten ehemaligen Theater.

«Oft hat man in der Met den Eindruck, eine Inszenierung sei darauf ausgerichtet, dass sie in der Übertragung gut wirke.»Alex Ross, Musikkritiker beim «New Yorker»

Alles perfekt also? Beinahe. Es gibt durchaus auch Kritiker dieser Übertragungen, vor allem unter den eigentlichen Met-Besuchern. Denn während man früher froh sein musste, einen der 3900 Plätze zu ergattern, ist der Saal heute zuweilen nur noch zu zwei Dritteln voll – das verändert die Atmosphäre.

Auch die Aufführungen selbst verändern sich. Nicht nur wegen der Kameras, wie der amerikanische Musikkritiker Alex Ross einmal gesagt hat: «Oft hat man den Eindruck, eine Inszenierung sei darauf ausgerichtet, dass sie in der Übertragung gut wirke: Das Bühnenbild ist telegen, auch die Sängerinnen und Sänger sind telegen. Das dient der Sache aus musikalischer Sicht nicht immer.»

Oper mit «Cliffhanger»

Im Fall des «Wozzeck» nun ist von solchen Kompromissen allerdings nichts zu hören, Dirigent Yannick Nézet-Seguin und das Met-Orchester reizen die Kontraste der Partitur energisch aus. Und die Protagonisten gehen so sehr aufs Ganze, dass sie immer noch ausser Atem sind, wenn der Applaus verebbt. Sie tun einem deshalb fast ein bisschen leid, wenn sie, kaum hinter dem Vorhang, ein Mikrofon in die Hand gedrückt bekommen. Aber auch das gehört zum Konzept, das Kinopublikum soll noch ein paar Sätze von den Stars exklusiv bekommen. Ein extremes Werk sei dieser «Wozzeck», sagt Elza van den Heever, und Peter Mattei nickt: «It’s a mess – es ist ein Chaos, bis man es mal durchschaut hat.»

Dann blickt der Moderator noch einmal in die Kamera und kündigt die nächste Übertragung an: Am 1. Februar finde die statt, sagt er, es gebe Gershwins «Porgy and Bess» – und er selbst, also Eric Owens, werde den Porgy singen. In der Kinosprache würde man das «Cliffhanger» nennen.


Wiederholung des «Wozzeck»: Sonntag, 19. Januar, 11 Uhr, Arthouse Piccadilly, Zürich.

Nächste Übertragung aus der Metropolitan Opera: 1. Februar, 18.55 Uhr, «Porgy and Bess», diverse Kinos in der ganzen Schweiz.

Nächste Übertragung aus der Royal Opera London: 29. Januar, 20.45 Uhr, diverse Kinos in der ganzen Schweiz.

Erstellt: 16.01.2020, 18:24 Uhr

Filme im Konzertsaal

Wenn die Oper ins Kino drängt, ist das keineswegs eine Einbahn-Entwicklung: In der Gegenrichtung kommen Filme zunehmen in die Konzersäle und Stadien. Das Basler Sinfonieorchester präsentiert schon seit längerem Live-Begleitungen von Filmen im Musical Theater Basel (am 1. Februar steht «E.T.» auf dem Programm). Auch das Tonhalle-Orchester Zürich präsentiert derzeit einen Film-Zyklus zum Thema Science Fiction (am 21./22. Februar gibt es Fritz Langs «Metropolis» mit dem zugehörigen Live-Soundtrack in voller Länge). Während man hier auf musikalische Nähe und Präsenz setzt, geht es bei den Blockbustern im Zürcher Hallenstadion um maximale Opulenz: Wenn dort am 24. Januar «Harry Potter – The Chamber of Secrets» gezeigt wird, sind rund 100 Musiker und eine potente Verstärkeranlage für den Sound zuständig. (suk)

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