Rettet dieses Dorf!

Früher logierten Adlige im Posthotel Löwen – heute zählt Mulegns noch 19 Einwohner. Eine Stiftung will das Bündner Bergdorf nun neu erfinden.

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Nein, dies ist kein Museum. Dies ist ein Hotel, das Posthotel Löwen in Mulegns im Bezirk Albula des Kantons Graubünden. Man muss sich das immer wieder in Erinnerung rufen, wenn man in einem der Zimmer steht, deren Möbel und Tapeten von längst vergangenen Zeiten erzählen. Oder das Klingelsystem bewundert, Original 19. Jahrhundert. Oder im Estrich auf eine Schachtel mit Briefen stösst, der oberste ist schwungvoll datiert: 1861. Gleich nebenan stehen Waschkrüge und Waschbecken, die ebenfalls von damals sein dürften. Und ein Bild, das einen grossen Dampfer zeigt: Linie Hamburg–Amerika.

Mulegns war durchaus einmal Teil der grossen weiten Welt, und Donata Willi kann davon erzählen. Sie wurde hier geboren, vor 82 Jahren; ihre Eltern führten das Posthotel Löwen, später übernahm sie den Betrieb mit ihren Geschwistern, inzwischen wirtet sie allein.

Es kommen allerdings nur noch wenige Gäste; ein paar Wanderer, ein paar Durchreisende auf dem Weg ins Engadin. Oder Leute aus dem Dorf, die auf einen Kaffee vorbeischauen. Aber auch von denen gibt es nicht mehr viele, Mulegns hat nur noch 19 Einwohner.

Donata Willi wurde vor 82 Jahren in Mulegns geboren. Ihre Eltern wirteten im Posthotel Löwen; heute führt sie den Betrieb. Fotos: Nicola Pitaro

Früher war das anders. 150 Leute lebten hier zu den besten Zeiten, in Donata Willis Kindheit waren es immerhin noch 100. Es gab eine Schule, ein zweites Gasthaus – und grosse Pläne. Ein Staudamm sollte gebaut werden, erzählt die Wirtin, das Dorf Rona unterhalb von Mulegns wäre geflutet worden, «als Kinder haben wir von einem eigenen Schifflein geträumt».

Der Damm kam dann nicht zustande, stattdessen wurde weiter oben gestaut, Marmorera versank im Wasser. Zu weit weg fürs Schifflein. Aber fürs Hotel war es eine gute Zeit, damals in den 50er-Jahren; viele der Ingenieure und Arbeiter waren im Löwen untergebracht.

Die noch bessere Zeit erlebte das Hotel im späten 19. Jahrhundert, als die Rhätische Bahn noch nicht gebaut war und die Julierstrasse die Hauptverbindung war in Richtung Engadin. Die ganze europäische Prominenz kam damals durch Mulegns; Albert Schweitzer, Konrad Röntgen, die Grossmutter der englischen Königin oder die Witwe des russischen Zaren Alexander II. haben sich in den Gästebüchern des Löwen verewigt.

Perspektiven entwickeln, Arbeitsplätze schaffen

Der einstige Glanz ist noch sichtbar, aber er ist baufällig geworden. Das Dach leckt, die Mauern haben Risse. Darum sitzt nun auch Giovanni Netzer in Donata Willis Gaststube: Der Theatermann und Gründer des Festivals Origen ist in den letzten Jahren zum Spezialisten für Regionalentwicklung geworden – und damit auch für Geldbeschaffung, politische Überzeugungsarbeit und öffentlichkeitswirksame Aktionen.

In Riom, dem Origen-Hauptsitz, ist unter seiner Ägide ein eigentliches Künstlerdorf entstanden, mit einem Café in der restaurierten Villa Carisch, einem in eine Scheune eingebauten Wintertheater und der zum Konzertraum umfunktionierten Burg. 2018 wurde die Nova Fundaziun Origen mit dem Wakkerpreis des Schweizer Heimatschutzes ausgezeichnet.

Giovanni Netzer hat das Festival Origen 2006 gegründet.

Mulegns ist nun das nächste Projekt der Stiftung – weil Netzer überzeugt ist, dass eine kulturelle Institution in dieser Region mehr leisten muss, als ein paar Theater- oder Tanzaufführungen zu veranstalten: «Ein Bergdorf verändert sich, wenn plötzlich Dutzende von Künstlern und Gästen auftauchen», sagt er, «da hat man als Veranstalter auch eine Verantwortung.» Es geht darum, eine Infrastruktur aufzubauen, Perspektiven zu entwickeln, Arbeitsplätze zu schaffen.

Das Konzept funktioniert. Rund 27'000 Besucher reisen inzwischen jährlich an für die Origen-Veranstaltungen; Besucher, die in der Region essen und übernachten. Und die Textilwerkstatt in Riom, die für die Herstellung der Festivalkostüme eingerichtet wurde, erhält inzwischen auch andere Aufträge. Wenn dereinst die historischen Chaiselonguen des Posthotel Löwen neu bezogen werden müssen, wird man das hier tun.

Verschiebung einer Villa

Auch die Baubetriebe der Region dürften mehr Arbeit bekommen, wenn es nach Netzer geht. Denn im winzigen Mulegns gibt es nicht nur das Posthotel Löwen, sondern auch die «weisse Villa» gleich nebenan. Sie wurde 1856 von Gion Jegher gebaut, der als Zuckerbäcker in Bordeaux zu Geld und dem neuen Vornamen Jean kam und aufs Alter in seine Heimat zurückkehrte. Die Marmorimitationen im Balkönchen verraten den französischen Geschmack, auch sonst hebt sich der neoklassizistische Baustil ab von den niedrigen Bauernhäusern weiter unten im Dorf.

Auch diese Villa ist gefährdet, nicht vom Zerfall, sondern vom Verkehr: Die Strasse, an der sie steht, wurde gebaut zu einer Zeit, als hier Pferdekutschen verkehrten. Für Lastwagen ist sie zu eng – man sieht es an den Gebäuden auf der anderen Seite. Tiefe Striemen ziehen sich über die Fassaden, ein Balkon wurde abgerissen und liegt seither am Strassenrand.

Die «weisse Villa» in Mulegns wurde vom Zuckerbäcker Gion Jegher gebaut, der in Bordeaux zu Geld gekommen war.

Die Strasse soll deshalb verbreitert werden, der Kanton Graubünden hat einen Wettbewerb dafür ausgerichtet. Das Siegerprojekt sieht einen Teilabriss der Villa vor: In den unteren Geschossen soll sie auf zwei Drittel der Breite reduziert werden, das Dach würde die neue Strasse überragen.

Aber nun gibt es auch noch andere Pläne: «Wenn wir uns ums Posthotel Löwen kümmern, dann müssen wir uns auch für die weisse Villa interessieren», sagt Netzer. Also hat Origen ein Gutachten in Auftrag gegeben, um die Möglichkeit einer Verschiebung der Villa um ein paar Meter zu überprüfen. Das Resultat: Es wäre machbar, und vermutlich nicht einmal teurer als der Teilabriss.

Aber es kostet eben doch – das ist bei all diesen Projekten der wunde Punkt. Auf 5,6 Millionen Franken ist die erste Etappe veranschlagt; das würde reichen für die Verschiebung der Villa, die bauliche Sicherung des Posthotel Löwen und die Inventarisierung der Möbel und Schriften. 2,5 Millionen Franken sind bereits zugesagt, der Rest muss bis im Sommer zusammenkommen; die Zeit drängt, da die Julierstrasse 2020 vom Bund übernommen wird. Damit sich der Kanton Graubünden wie geplant an den Kosten beteiligen kann, müssen die Arbeiten noch dieses Jahr beginnen.

Nachdenken übers Reisen

Giovanni Netzer ist optimistisch, dass es klappt. Er betont aber auch, dass es damit nicht getan sein wird: Die Erhaltung der Häuser ist in Mulegns nur ein Anfang. Will man sie neu beleben, braucht es Ideen – und weiteres Geld, um sie umzusetzen. Netzer will das Thema Reisen ins Zentrum stellen, «dieser Ort weiss etwas davon». An einer Passstrasse lässt sich bestens über Tourismus und Verkehrsentwicklung nachdenken.

Auch das Thema Migration drängt sich auf: wegen des Zuckerbäckers Gion Jegher, der wie viele andere Bündner Wirtschaftsflüchtlinge sein Glück im Ausland suchte. Oder auch wegen Donata Willi, die einst als Au-Pair nach Rom und England ging und die Hotelfachschule in Lausanne absolviert hat. Von berühmten Hotels habe sie geträumt damals, sagt sie. Und kam dann doch wieder nach Mulegns zurück.

«Es geht in Mulegns darum, den einstigen Pioniergeist wiederzuerwecken.»Giovanni Netzer

Später steht man vor dem Hotel, auf dem Parkplatz. Hier befand sich zu Pferdekutschenzeiten die Wagenremise – und hier soll in Zusammenarbeit mit der ETH ein Reisemuseum entstehen. Eines, das ins Dorf passt, aber auch neue Wege sucht, mit aktuellen Fragen und innovativer Technik: «Es geht uns in Mulegns nicht um eine Rekonstruktion der Vergangenheit,» sagt Giovanni Netzer, «sondern darum, den einstigen Pioniergeist wiederzuerwecken». So wie Jegher den «gâteau des rois» erfand, der dereinst wieder gebacken werden soll in der weissen Villa, so will Netzer ein Museum erfinden, «das die Leute dazu bringt, anzuhalten in Mulegns. Oder sogar extra hierherzukommen».

Die Pläne dafür existieren zwar erst auf dem Papier, respektive auf dem Bildschirm. Aber die Zukunft von Mulegns soll schon in diesem Sommer beginnen, wenn Origen den prächtigen Jugendstilsaal im Löwen bespielt. Das Publikum soll sehen können, was es hier zu retten gibt. Historische Mauern, klar. Handwerk, Traditionen, Identität. Aber auch und vor allem: eine Perspektive für ein Dorf, das keine mehr zu haben glaubte.

Informationen zum Projekt und zum ganzen Origen-Programm finden Sie hier.

Erstellt: 04.06.2019, 10:31 Uhr

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Auch im Lumnezia-Tal hinter Ilanz, in einer anderen Ecke des Kantons Graubünden, setzt man auf eine kulturelle Zukunft: In der alten, vom Architekten Peter Zumthor hergerichteten Casa d'Angel in Lumbrein wurde kürzlich eine Ausstellung mit dem programmatischen Titel «futur» eröffnet. Sie zeigt einerseits abstrakte und experimentelle Bündner Kunst von 1962 bis 2004 – und wird andererseits in den kommenden Monaten Projekte von sieben Kunstschaffenden dokumentieren, in die auch die Bevölkerung einbezogen wird. Schulkinder realisieren ein Video, eine Maiensäss-Beiz wird eingerichtet, bei der Hängebrücke von Silgin entsteht ein imaginäres Museum. Gesellschaftliche Fragen treffen hier auf künstlerische Positionen. Und hinter allem steht die Frage, die diese von Abwanderung bedrohten Dörfer umtreibt: Wie weiter? (suk)

Bis 21. März 2020; Informationen zur Ausstellung gibt es hier.

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