«Über seine miserable Kindheit sprach mein Vater nie. Niemals.»

Schauspielerin Geraldine Chaplin hat ihren Vater Charlie als Genie verehrt. Bei einem Besuch in der Villa der Familie werden Erinnerungen wach.

Steht mit 72 noch immer vor der Kamera: Schauspielerin Geraldine Chaplin. Foto: Eric Catarina (Allpix, Laif)

Steht mit 72 noch immer vor der Kamera: Schauspielerin Geraldine Chaplin. Foto: Eric Catarina (Allpix, Laif)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wir sitzen im Haus Ihrer Kindheit und Jugend, das nun ein Museum ist. Das Cheminée neben uns ist weihnachtlich geschmückt. Es hängen sogar Geschenksocken da. Sah es so im Haus von Charlie Chaplin aus?
Genau so. Es ist, als wäre die Zeit stehen geblieben. Natürlich sind das gekaufte Socken. Bei uns zu Hause hingen die Socken von uns Kindern am Cheminée. Und die Socken der Eltern lagen unter dem Weihnachtsbaum.

Und im Cheminée brannte vermutlich ein Feuer.
In sämtlichen Cheminées im ganzen Haus brannten Feuer. Mein Vater feuerte nicht nur im Winter, sondern auch im Sommer. Wir Kinder sagten dann jeweils halb vergnügt, halb vorwurfsvoll: «Papa, es ist Sommer!» Und er antwortete: «Das ist mein einziger Luxus.» Holz war sein einziger Luxus. (lacht)

Auf dem Sofa im Wohnzimmer, auf dem wir sitzen, hat er dann vermutlich aus früheren Zeiten erzählt: über die schwierige Kindheit, die psychischen Probleme seiner Mutter, den frühen Tod seines Vaters, seine Zeit in Waisenhäusern.
Nein. Er schaute ins Feuer. Sein Blick schien sich in den Flammen zu verlieren. Über seine Kindheit sprach er aber nie. Niemals. Weihnachten hat er ­regelrecht gehasst. Er fiel jeweils in eine grosse Depression. Da kam Verborgenes an die Oberfläche. Er wollte zum Beispiel nie seine Geschenke öffnen.

Warum?
Er hatte eine derart miserable Kindheit, dass er in den besten Jahren gerade mal eine Mandarine ­geschenkt bekam. Wir Kinder wussten, dass unser Vater ein Genie war. Aber wir wussten nicht, wie arm er als Kind war.

Wenn er seine eigenen Geschenke nicht öffnete, verteilte er dafür welche?
Das tat meine Mutter (Oona O’Neill, d. Red.), natürlich auch im Namen meines Vaters.

Das sind Seiten, wie man sie beim berühmtesten Komiker aller Zeiten nicht vermuten würde. Eine andere unbekannte Seite war, dass er zu Hause sehr streng war. Wie muss man sich das vorstellen?
Er sass immer im Büro neben dem Wohnzimmer (zeigt in den Raum nebenan) und arbeitete an seinem Schreibtisch. Mein Vater war unendlich diszipliniert. Er schrieb an Drehbüchern und Filmprojekten. Selbst wenn ihm nichts Gescheites einfiel und nur weisses Papier vor ihm lag, blieb er sitzen und wirkte hoch konzentriert. Wir Kinder mussten im Haus mucksmäuschenstill sein. Wenn wir von der Schule kamen, hiess es sofort: «Pscht!» Der Vater arbeitet!» Er hörte alles. Darum spielten ich und meine Geschwister oft im Park. Ein andere Marotte war, dass mein Vater darauf bestand, dass wir jeden Tag um punkt 18.45 Uhr zu Abend assen. Da fällt mir gerade noch was ein.

Erzählen Sie.
Mein Vater versuchte in seinem Schlafzimmer immer Französisch zu lernen. Er hatte ein Berlitz-Lehrmittel und wiederholte dann endlos Sätze wie: «Je prends le premier train à Paris. Ouvrez la porte! Fermez la fenêtre!» Weiter kam er nie. Er hat die französische Sprache perfekt imitiert. Gesprochen hat er sie aber nie wirklich.

«Mein Vater verlangte harte Arbeit. Talent war weniger wichtig.»

Trotzdem legte er grössten Wert darauf, dass Sie und Ihre Geschwister gut in der Schule waren. Er selbst verliess die Schule als 13-Jähriger, um sich seinen Lebensunterhalt selbst zu verdienen.
Wenn wir keine guten Noten nach Hause brachten, strich er uns alle Annehmlichkeiten. Ich wehrte mich dann und sagte: «He, Vater, du bist ja gar nicht zur Schule gegangen!» Er antwortete: «Ich bin ein anderer Fall, das kann man nicht vergleichen.» Er verlangte stets harte Arbeit. Talent war für ihn ­weniger wichtig. Das zeigte er uns, ohne je darüber zu reden. Als Kind mochte ich diese Strenge nicht. Aber in meiner Schauspielkarriere hat mir das sehr geholfen. Gleichzeitig war mein Vater ja auch unglaublich lustig. In den Restaurants tat er beim Weinprobieren immer so, als wären die Weine ungeniessbar und als müsste er sie gleich wieder ausspucken. Die Kellner wurden jeweils kreideweiss, und wir amüsierten uns ohne Ende.

Sie waren acht, als Sie aus den USA in die Schweiz zogen. Das FBI unter ihrem Chef J. Edgar Hoover verdächtigte Ihren sozialkritischen Vater sogenannt «unamerikanischer Umtriebe» und machte ihm Probleme mit Einreisegenehmigungen. Erinnern Sie sich an die Zeit?
Natürlich. Wir wohnten ein bisschen überall in Luxushotels: im Savoy in London etwa und während fünf Monaten auch im Beau-Rivage in Lausanne. Als wir in Lausanne lebten, war meine Mutter mit meinem Bruder Eugène hochschwanger. Sie hatte vom Hotelleben genug und sagte zu meinem Vater: «In einem Hotel werde ich kein Kind bekommen. Kauf ein Haus!» Mein Vater kaufte daraufhin die Villa Manoir de Ban in Corsier-sur-Vevey, ohne das Haus zuvor gesehen zu haben.

Wie das?
Das Haus gehörte einem Amerikaner, dessen Frau gestorben war. Er wollte zurück nach Amerika und liess alles zurück: Teppiche, Bilder, Möbel, einfach alles. Die Tapeten waren dunkel. Das Haus wirkte düster und schaurig. Und dann gab es da noch diesen alten Hausangestellten, den mein Vater mit dem Haus übernommen hatte. Der Mann wisperte mir immerfort zu: «Madame, sie starb auf der 18. Treppenstufe!» Gemeint war die Frau des Amerikaners. Mir schauderte. Auf der 18. Stufe gab es tatsächlich einen Flecken. Ich habe den Absatz immer übersprungen und nie berührt. Mein Vater liess dann alle Möbel aus Kalifornien holen. Das heisst: Er schickte meine Mutter in die Staaten, die Sachen zu holen. So wurde auch alles viel heller.

War Ihr Vater wütend darüber, in den USA quasi als Staatsfeind zu gelten, und frustriert darüber, in die Schweiz ausgewandert zu sein?
Er sagte immer: «Ich bedaure nichts.» Ich erinnere mich an eine Reise nach Japan. Das Flugzeug musste in Alaska zwischenlanden, damit wir die Maschine wechseln und weiterfliegen konnten. Mein Vater sagte: «Wir sind in Amerika. Ich steige nicht aus. Ich werde keinen Fuss auf diesen Boden setzen.» Wir sagten ihm: «Das geht doch nicht. Wir müssen hier umsteigen!» Doch der Vater blieb stur. Am Ende schafften wir es dann doch noch, ihn zum Umsteigen zu überreden. Also stieg er aus dem Flugzeug, trank am Flughafen sogar eine Tasse Kaffee und begann vom «guten amerikanischen Kaffee» zu schwärmen. Dabei ist amerikanischer Kaffee nun wirklich nichts Besonderes.

Dank Ihnen und Ihren Geschwistern ist die Villa Ihres Vaters oberhalb von Vevey heute ein Museum und damit der Öffentlichkeit zugänglich.
Ich traf diesen Entscheid nicht. Ich bin ausserhalb der Familie.

Wie meinen Sie das?
Nach dem Tod meiner Mutter habe ich meinen Anteil am Erbe sofort einer Schwester verkauft und bin aus allen Familiengeschäften ausgestiegen. Ich träumte immer davon, dass dieses Haus ein Museum wird, hatte allerdings meine Zweifel, ob dies gelingen würde. Lange Zeit haben zwei Brüder mit ihren Familien darin gewohnt. Als sie ausgezogen waren, besuchte ich das Haus ab und zu. Es war wie ausgestorben. Im Salon gab es wuchernde Bäume. Das Dach hatte Löcher. Der Garten war völlig verwildert. Alles war zerstört. Es war traurig. Heute ist es, als wäre die Zeit zurückgedreht worden. Nur wenn ich mich selbst im Spiegel betrachte, merke ich, wie alt das Haus ist.

Charlie Chaplin in The Adventurer (1917). Quelle: Youtube

Warum haben Sie sich von Ihrer Familie distanziert?
Es wurde alles zu kompliziert. Wir waren acht Erben. Wir konnten nie klar entscheiden, wie wir bei der Vermarktung von Vaters Filmen vorgehen wollten. Die Abstimmungen endeten stets mit vier zu vier Stimmen. Es gab immer Streit und Machtkämpfe. Da habe ich gesagt: «Ich habe genug, ich gehe.» Seither verstehe ich mich prächtig mit meinen Brüdern und Schwestern. Was meine ­Geschwister mit dem Filmerbe meines Vaters ­gemacht haben, ist wundervoll.

Sie wollten Balletttänzerin werden, machten stattdessen aber als Schauspielerin Karriere und arbeiteten mit den bekanntesten Regisseuren unserer Zeit. Noch immer leben Sie in Corsier-sur-Vevey, nur wenige Hundert Meter vom Haus Ihres Vaters entfernt. Wäre es nicht einfacher, in Los Angeles zu wohnen und in Hollywood sein Netzwerk zu pflegen?
Ach wissen Sie: Mit 25 Jahren ist eine Schauspielkarriere in Hollywood heute zu Ende.

Jetzt übertreiben Sie. Sie sind 72 und drehen noch immer mehrere Filme pro Jahr.
Ich habe viel Arbeit wegen meiner Falten im ­Gesicht, weil heute alle Schauspielerinnen Schönheitsoperationen machen. Also spiele ich Grossmütter in allen Variationen: liebe, böse, perverse, ja sogar mörderische. Die Filme, die mich interessieren, werden überall gedreht, nicht nur in Hollywood. Interessant wären Rollen in Fernsehserien, wie sie meine Tochter Oona zu bekommen versucht. Um dafür an Castings zu gehen, müsste man tatsächlich in Hollywood sein.

Sie mokieren sich über Ihre Rollen. Doch: Es gibt wenige Schauspielerinnen in Ihrem Alter, die überhaupt noch vor der Kamera oder auf Theaterbühnen stehen.
Ich weiss. Ich habe viel Glück. Aber in meinem Alter ist es schwieriger, an Rollen zu kommen. Mir gefällt es, mit jungen Talenten zusammenzuarbeiten. Gerade habe ich mit einem Regisseur zusammengearbeitet, der seinen ersten Film drehte. Da weisst du nicht, was dich erwartet. Aber werde ich des­wegen meine Karriere ruinieren?

Eher nicht.
Genau. Also mache ich, wozu ich Lust habe. Grosse Rollen bekomme ich keine mehr. Meine letzte Rolle hatte ich vor drei Jahren im Drama «Sand Dollar». Ich spiele eine ältere Französin, die als Sex-Touristin in der Dominikanischen Republik eine Beziehung zu einer jungen Prostituierten aufbaut. Das war eine wunderbare Rolle. Und vor einem halben Jahr drehten wir in London die Komödie «As We Like It», in dem ich die Mutter meiner Tochter Oona spiele. Mit meiner Tochter vor der Kamera zu stehen, hat natürlich unglaublich viel Spass gemacht.

Daneben spielen Sie Rollen in Thrillern, ja sogar in Horrorfilmen.
Ich bekomme tatsächlich immer wieder Anfragen für Horrorfilme und habe inzwischen in acht bis zehn solcher Filme mitgespielt. Aber ich schaue sie mir danach nicht an, weil ich Angst kriege. Stellen Sie sich vor: Vor zwei Jahren spielte ich einen alten Mann, der mit Kinderorganen handelt. Was für ein Horror! Was wohl mein Vater dazu sagen würde?

Dieselbe Frage stelle ich mir in einem anderen Zusammenhang, nämlich bei der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten, weil Ihr Vater in seinen Filmen politisch stets klar Stellung bezog und es liebte, die Manieriertheiten der Mächtigen zu karikieren. Seine vielleicht berühmteste Parodie ist die von Hitler. Auch den exzentrischen Trump würde er bestimmt perfekt imitieren.
Donald Trump hat mit Alec Baldwin ja schon ein perfektes Double. Trump ist derart komisch. Mein Vater würde von ihm gleichzeitig fasziniert und ­angewidert sein. Aber solche Mutmassungen sind immer schwierig. Wir wüssten es nur, wenn mein Vater noch leben würde.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.12.2016, 18:35 Uhr

Geraldine Chaplin

Schauspielerin

Geraldine Chaplin, geboren am 31. Juli 1944, ist das erste Kind aus der Ehe zwischen Charlie und Oona Chaplin. Als sie acht Jahre war, zogen die Eltern aus den USA nach Corsier-sur-Vevey, wo sie heute noch wohnt. Ihren ersten internationalen Erfolg feierte sie im Film «Doktor Schiwago», an der Seite von Omar Sharif. Später arbeitete sie mit Regisseuren wie Pedro Almodóvar, Robert Altman oder Martin Scorsese. Im Biopic «Chaplin» von Richard Attenbourough spielte sie ihre Grossmutter Hannah. (TA)

Artikel zum Thema

Kreuzzüge gegen sonntäglichen Schiesslärm und eingebildeteten Gasgestank

Porträt Charlie Chaplin wohnte 25 Jahre in Vevey. Er lebte wie ein Patriarch und drehte seine zwei letzten Filme. Mehr...

Charlie Chaplin in der Schweiz

Fotoblog   Der Komiker lebte von 1952 bis zu seinem Tod in der Nähe von Vevey. Zum Blog

Wo Charlie einst seine Schuhe frass

Oberhalb von Vevey steht ein Gedenkpark zu Ehren von Charlie Chaplin kurz vor der Fertigstellung. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Kommentare

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Die Welt in Bildern

Er braucht ein gutes Gleichgewicht: Ein Gaucho reitet in Uruguay ein Rodeo-Pferd. (17. April 2019)
(Bild: Andres Stapff) Mehr...