Was für ein Dickkopf. Und was für Ohren!

Er hat das «Köln Concert» herausgebracht und Arvo Pärt berühmt gemacht: Manfred Eicher, der vor 50 Jahren das Label ECM gegründet hat.

Da war die Digitalisierung noch Zukunftsmusik: Manfred Eicher mit Originalbändern aus der ECM-Frühzeit. Foto: ddp images/Sebastian Widmann

Da war die Digitalisierung noch Zukunftsmusik: Manfred Eicher mit Originalbändern aus der ECM-Frühzeit. Foto: ddp images/Sebastian Widmann

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«Was für ein Dickkopf. Und was für Ohren!» Es war der grosse Keith Jarrett, der mit diesem Seufzer einst auf den Punkt gebracht hat, was den Musikproduzenten Manfred Eicher ausmacht. Seine Hartnäckigkeit, seine Kompromisslosigkeit, die durchaus auch in Sturheit umschlagen kann; aber eben auch jene besondere Antenne für die Musik, die ihn interessiert.

Eicher, geboren 1943 in Lindau am Bodensee, hatte beides von Anfang an – und dazu noch die Courage, eine feste Stelle als Kontrabassist bei den Berliner Philharmonikern aufzugeben, um ein eigenes Label zu gründen. 26 Jahre alt war er damals und spielte nicht nur im Orchester, sondern auch in diversen Jazzformationen.

Und er hörte Platten: mit improvisierter Musik, bei der er sich oft über die schlampige Aufnahmetechnik ärgerte. Und mit klassischen Werken, die weit aufwendiger produziert wurden.

Sechs Meilensteine der ECM-Geschichte
Keith Jarrett: The Köln Concert, 1975

Die Aufnahme startet mit der Imitation des Pausengongs der Kölner Oper – und fährt fort mit jenen 67 Minuten Improvisation, die schon bald Kult wurden. Und das bis heute meistverkaufte Jazz-Soloalbum. Und auch das meistverkaufte Klavier-Soloalbum. Nicht, dass Keith Jarrett bei diesem Auftritt die Musik neu erfunden hätte; er griff (unter Vermeidung einiger verklemmter Tasten) durchaus auf Bewährtes zurück. Das aber so stimmig, dass die Improvisation dank einer von Jarrett autorisierten Notenausgabe längst zum Werk geworden ist. (suk)

Eicher machte sich daran, nicht nur als Musiker den damals noch breiten Graben zwischen E und U zu überwinden, sondern auch als Produzent. Mit einem Startkapital von 16'000 Mark gründete er das Label ECM, mit dem Ziel, Free-Jazz-Experimente so sorgfältig zu dokumentieren, als seien sie Bruckner-Sinfonien. 50 Jahre ist das nun her, und viele dürften inzwischen vergessen haben, dass die drei Label-Buchstaben für «Editions for Contemporary Music» stehen: Sie sind längst zu einem eigenen Stilbegriff geworden.

Manfred Eicher würde bei diesem letzten Satz vermutlich protestieren, einerseits zu Recht. Schliesslich erscheinen bei ECM ganz unterschiedliche Musiken: Der New Yorker Jazz ist gut vertreten, oder die skandinavische Szene. Seit der Gründung des Unterlabels ECM New Series bringt man neben improvisierter auch komponierte Musik heraus – zeitgenössische und solche aus längst vergangenen Jahrhunderten. Auch die Filmmusik spielt eine Rolle, dazu vieles, das mehr oder weniger dezidiert in Richtung Ethno zielt. Und längst nicht alles passt in die melancholische Schublade, in der man Eichers Produktionen oft versorgen wollte.

Aber auch wenn es nichts gibt, was alles zusammenhalten würde – es ist eben doch so: ECM ist ECM. Unverkennbar, nicht nur wegen der ikonisch gewordenen Gestaltung der Covers.

Nils Petter Molvaer: Khmer, 1997 Kaum je hat einer Gewalttätigkeit und Fragilität in der Musik derart eindringlich zusammengebracht wie der norwegische Trompeter Nils Petter Molvaer auf «Khmer». 1997 brachte ECM Molvaers Album heraus. Was für eine betörende Mixtur! Da ist ein Trompetenflüsterer am Werk. Einer, der leisesten Gefühlsnuancen nachhorcht. Andererseits ist Molvaers zerbrechliche Trompete eingelassen in ein technoides Umfeld: raffinierte Samples; blitzende und donnernde Beats aus der Clubkultur. Es ist, als ob eine Art Menschmaschine musizieren würde, und was für eine intelligente dann noch. Ein Höhepunkt der berühmten «Nordic Sounds». (cme)

Was also unterscheidet Manfred Eicher von anderen Musikproduzenten? Die Frage geht an den Berner Cellisten Thomas Demenga, der seit 1981 für ECM aufnimmt. Bildung, fällt ihm als Erstes ein, «Eichers Interessen gehen weit über die Musik hinaus, man kann mit ihm über Bücher diskutieren, über Filme, über Fotografie: Er kennt einfach alles.»

Auch, weil er alles kennen lernen will. Es gibt viele Geschichten, die Eichers Neugierde belegen: Wie er einst am Strassenrand angehalten hat, weil er eine Musik aus dem Autoradio genauer anhören wollte (es war ein Werk von Arvo Pärt, den er dann im Westen bekannt machte). Oder wie er einen Brief an Jean-Luc Godard schrieb, weil ihn gerade ein Film begeistert hat (auch das war der Anfang einer Zusammenarbeit). Oder wie er Musiker zu Gesprächen einlädt, weil ihm jemand erzählt hat, da sei etwas Spannendes im Tun. Passt es, diskutiert man weiter, manchmal über Jahre, bis ein Projekt entsteht.

Arvo Pärt: Tabula Rasa, 1984 «Tabula Rasa»: Ein schöner Titel für ein Werk, mit dem der estnische Komponist Arvo Pärt 1977 tatsächlich reinen Tisch machte, die Forderungen der Avantgarde vergass und sich neu erfand. Es war auch genau der richtige Titel für das Album, mit dem ECM sein Unterlabel «New Series» startete. Archaisch und gleichzeitig neu klang diese Musik, minimalistisch und tief spirituell. Die Aufnahme verhalf Pärt, der wegen der sowjetischen Kritik an seinem Stil in Berlin lebte, aber im Westen noch kaum bekannt war, zum internationalen Durchbruch. (suk)

Auf ein Projekt folgen dann oft weitere. Als zweites Stichwort nennt Thomas Demenga deshalb: Treue. Er selbst hat in den vergangenen 38 Jahren rund zwei Dutzend CDs bei ECM herausgebracht, «eine solche Konstanz haben viele weltberühmte Musiker nicht». Während bei anderen Labels wechselnde Manager versuchen, keine Mode zu verpassen und rechtzeitig die verkauftsträchtigen Stars zu schnappen, hält Eicher zu seinen Leuten – und sorgt dafür, dass ihre Alben greifbar bleiben.

Denn es sind auch seine Alben. Eicher sitzt nicht irgendwo in einem Chefbüro, sondern ist dabei bei den Aufnahmen. Oft sage er lange nichts, erzählt Demenga, aber dann komme plötzlich wieder etwas: «Nicht im Sinn von ‹hier ein bisschen lauter und dort ein bisschen leiser›, es geht immer um Grundsätzliches: um den Klang, um das Konzept einer Interpretation.»

Jan Garbarek, The Hilliard Ensemble: Officium, 1994 Renaissance-Polyphonie trifft Improvisation, ein aufs Historische spezialisiertes britisches Vokalensemble verbündet sich mit einem norwegischen Jazz-Saxofonisten: Manfred Eicher hat sich das ausgedacht, und es funktionierte so gut, dass die Protagonisten dieser Fusion nach Erscheinen der CD jahrelang in ausverkauften Sälen und Kirchen auftraten (und zwei Nachfolge-CDs produzierten). Viele haben das Konzept später imitiert. Aber diese ganz eigene Frei- und Kühn- und Schönheit: Die hat nur das Original. (suk)

Auch Nik Bärtsch, Schweizer Pianist und Kopf der Gruppe Ronin, die kürzlich als fünfte ECM-Produktion das Album «Awase» herausgebracht hat, berichtet von der inspirierenden Atmosphäre bei den Aufnahmen, von Eichers Energie, seinem «bedingungslosen Eintauchen in die Musik»: «Er hört als Musiker, Dramaturg und Klang-Connaisseur gleichzeitig, ist also selbst als kreativer Künstler dabei.»

Ist die Aufnahme im Kasten, geht der Prozess weiter, und oft dauert er länger als anderswo. Eicher delegiert nicht gerne, sein Team ist eigentlich zu klein für das umfangreiche Programm. Das Cover, das Booklet, die ganze Kommunikation: Alles geht über seinen Tisch. Aber auch das hat seinen Sinn. Eicher verstehe ein Album als Gesamtkunstwerk, das auf jeder Ebene seines Erscheinens Sorgfalt, Präsenz und Hingabe verdient: So formuliert es Nik Bärtsch.

Kenny Wheeler: Double, Double You, 1983 Irgendwann holte Europa auf gegenüber Amerika in Sachen Jazz. Typisch dafür vielleicht, dass der kanadische Trompeter Kenny Wheeler in den Siebzigern seinen Wohnsitz nach London verlegte. Mit dem britischen Pianisten John Taylor spielte er eines der grossartigsten ECM-Jazzalben ein, wobei Wheeler für «Double, Double You» auch diverse Amerikaner anheuerte: Mike Brecker am Tenorsax, Dave Holland am Bass und Jack DeJohnette an den Drums. Kann man Jazz besser spielen? Wheeler ist solistisch ausgiebig zu hören. Ein Klang voller Sehnsucht. Ein Klang voller Tiefgang, selbst wenn die Trompete in die Höhe steigt. Und die Linien? Ein melodisches Wunder! «Double, Double You» steht für eine Sternstunde des Jazz. (cme)

So viel Liebe zum Detail hat ihren Preis. Um noch einmal Keith Jarrett zu zitieren: «Oh, Manfred – der kann so nerven.» Auch seine Mitarbeiter wissen das, Eicher ist kein pflegeleichter Chef. Und Journalisten warnen sich gegenseitig davor, das Wort «Hall» in seiner Gegenwart zu verwenden (weil ihn Klischees, die ECM nun wirklich nicht gerecht werden, sofort auf die Palme bringen).

Er denke weniger über die Ästhetik als über den Inhalt einer Musik nach, sagt Eicher selbst: «Ich arbeite mit Musikern zusammen, die einen persönlichen Zugang haben, der mir etwas bedeutet.» Dass er alles dafür tut, damit das zur Geltung kommt – das ist wohl das, was ECM seit 50 Jahren unverwechselbar macht.

Dave Holland Quartet: Extensions, 1990 Der Jazz hat immer genau so von der Chemie der Spieler untereinander gelebt wie von der solistischen Einzelleistung. Auf «Extensions» 1990 von US-Kontrabassist Dave Holland stimmt nun einfach alles in Sachen Gruppendynamik. Neben Holland sind dabei: Altsaxofonist Steve Coleman, E-Gitarrist Kevin Eubanks und Drummer Marvin «Smitty» Smith. Colemans Begabung für metrisch verschachtelte Loops, Hollands Flair für ausgedehnte Ostinati, Eubanks Affinität zum federleichten Funk – all das ergibt eine unwiderstehliche Mischung. (cme)

Erstellt: 03.09.2019, 17:16 Uhr

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