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Was guckst du?

Jedes Jahr nach Auffahrt fahren die Solothurner auf Bücher ab: Die Literaturtage haben sich kaum verändert, sehr wohl aber die Art, wie sie beworben werden.

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Die Zielsetzung war klar: Als im August 1978 auf Initiative von Schweizer Schriftstellern wie Peter Bichsel und Otto F. Walter der Verein Solothurner Literaturtage gegründet wurde, wollte man «Distanz, Befremden und Stummheit gegenüber dem Literaturbetrieb» abbauen. Dazu sollten Autoren aus allen Sprachregionen bei Lesungen und Workshops in der beschaulichen Solothurner Altstadt auf die Leserschaft treffen. Wenn dann in einer Beiz noch gemeinsam ein Gläschen Rotwein gekippt wird, so ist das ganz im Sinne der Initianten.

Über tausend Schriftsteller

In den vergangenen 32 Austragungen stellten über tausend verschiedene Autorinnen und Autoren ihre Werke vor. Fast 800 Schreibende kamen aus der Schweiz, darunter so namhafte Schriftsteller wie Max Frisch, Urs Widmer oder Paul Nizon. Von den internationalen Gästen machten die Nobelpreisträger Günter Grass, Herta Müller und Claude Simon dem Literaturtreffen ihre Aufwartung.

Die dreitägige Veranstaltung an den Gestaden der Aare, die jeweils nach der Auffahrt über die Bühne geht, zieht Jahr für Jahr Tausende Literaturinteressierte an. Damit sie auch zahlreich kommen, dafür werben Plakate in der ganzen Schweiz. Schon die ersten Literaturtage von 1979 wurden so beworben – lustigerweise mit Comiczeichnungen, die das vielfältige Leben mit Büchern wiedergeben.

Der Kontrast zum aktuellen Plakat, das die 33. Ausgabe der Solothurner Literaturtage von heute Freitag bis übermorgen Sonntag ankündigt, könnte nicht grösser sein: Damals eine Werbung in Schwarz-Weiss, jetzt eine in schreienden Farben, 1979 schaute man auf viele kleine Figuren, 2011 gaffen einen zwei riesenhafte Glupschaugen mit einem Silberblick an. Fast möchte man fragen: «Was guckst du?» Doch dann wird man gewahr, dass zwei abstrahierte, blaue Hände ein Buch vor sich halten. So sieht also der Leser 2011 aus.

Wer ist hier der Exhibitionist?

Schon früher machten sich die Grafiker Gedanken, wie der Leser wohl dreinschauen mag. 1984 stellte ihn sich Claudia Leuenberger als unbedarften Dödel vor, der nicht recht weiss, wie man ein Buch hält. Marco Schibig und Urs Witschi zeichneten ihn 1986 als nachdenklichen Zeitgenossen. Und 2000 hing er gar frech als Exhibitionist an den Wänden. Oder war damit eher der Schriftsteller gemeint, der sich in Solothurn dem Publikum aufdrängt?

Wie auch immer: Die meisten anderen Plakate buhlten weit weniger verfänglich um die Gunst des Publikums – dafür aber auch weit langweiliger. Meist setzten die Grafiker die Schrift in Szene, manchmal bis zur Unkenntlichkeit klein geschrieben. Von plakativer Werbung kann in diesen Fällen keine Rede sein. Doch meist steht eh nur der Name der Veranstaltung in den vier Landessprachen drauf sowie das Datum der Austragung.

Erstaunlicherweise nur einmal stand auf dem Plakat auch, weshalb es sich zu kommen lohnt: 1992 führten die Gestalter Franziska Schott und Marco Schibig wie bei einem Filmabspann die Namen der Autoren auf, die zu hören und zu sehen sein werden. Vielleicht sollten sich die Solothurner Literaturtage wie damals bei der Gründung wieder einmal von den Solothurner Filmtagen inspirieren lassen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 03.06.2011, 13:33 Uhr

Solothurner Literaturtage 2011

Heute beginnen die 33. Solothurner Literaturtage und dauern bis zum kommenden Sonntag. Zu hören und zu sehen sind unter anderen die Schweizer Autoren Pedro Lenz, Matthias Zschokke und Alex Capus. Doch Solothurn will jedes Jahr auch einen Blick über die Landesgrenzen werfen. 2011 gilt ein Schwerpunkt dem literarischen Schaffen unseres Nachbarn Österreich. Gewichtigster Gast von dort ist der Schriftsteller Arno Geiger, der mit seinem Buch «Der alte König in seinem Exil» über seinen an Alzheimer erkrankten Vater einen Bestseller gelandet hat.
Detailiertes Programm siehe: www.literatur.ch

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