Wenn Bachs Musik erzählt und tanzt

Der Berner Cellist Thomas Demenga spielt Bachs Suiten für Violoncello solo: auf CD und im Zürcher Kaufleuten.

Wandelt stets neben den Trampelpfaden: Cellist Thomas Demenga. Bild: Franziska Scheidegger

Wandelt stets neben den Trampelpfaden: Cellist Thomas Demenga. Bild: Franziska Scheidegger

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Kein Cellist kommt um Bachs sechs Solo­suiten herum und vermutlich auch kein Komponist, der wissen will, was vor ihm war. Aber was passiert, wenn ein komponierender Cellist wie Thomas ­Demenga sich die Werke vornimmt?

Überraschendes – so viel kann man vorwegnehmen. Kein Wunder bei einem Interpreten, der sich seine Wege stets neben den Trampelpfaden gesucht hat. Demenga tritt zwar international auf; aber aufs Karussell der Starsolisten, die weltweit immer dieselben Konzerte spielen, ist er nie aufgesprungen. Andererseits hat er sich bei aller Hingabe fürs Zeitgenössische nie von einer Avantgardeschule vereinnahmen lassen: Dogmatiker sind ihm suspekt. Dass er als Kammermusiker mit Individualisten wie Heinz Holliger oder Gidon Kremer zusammengespannt hat, erstaunt deshalb nicht. Auch seine Verbindung zum Label ECM ist kein Zufall; wer in keine Schublade passt, ist dort gut aufgehoben.

J. S. Bach, Suite Nr. 1. Video: Youtube/ECM Records

Angefangen hat alles ziemlich pragmatisch. Thomas Demenga kam zum Cello, weil er «schon als Sechsjähriger ziemlich gross» war, wie er einmal sagte – und weil Violine und Klavier in der Familie bereits besetzt waren. Sieben Kinder hatten die Demengas, fünf wurden Berufsmusiker. Man kann sich das Umfeld etwa vorstellen. Mit neun Jahren ist Thomas Demenga den Bach-Suiten dann erstmals begegnet. Inzwischen ist er 63, und die Stücke haben ihn nie mehr losgelassen. Aber sie haben sich verändert: Irgendwann hat er von Stahl- auf Darmsaiten gewechselt, weil ihn der moderne Klang gestört hat bei Bach. Auch sonst hat er die Suiten immer wieder von einer anderen Seite her angepackt. Erstmals eingespielt hat er sie vor knapp zwanzig Jahren, kombiniert mit zeitgenössischen Werken von Isang Yun, To­shio Hosokawa oder Heinz Holliger. Und nun also ein zweites Mal, diesmal pur.

Thomas Demenga: Duo? o, Du . . . und solo per due. Video: Youtube/Thomas

Da wird umso deutlicher, was schon in der Konfrontation mit den neuen Werken angelegt war: wie zeitgenössisch Bachs Musik klingen kann. Es braucht da keine rabiaten Aktualisierungen; Demenga ist keiner, der verfremdende Effekte bemühen würde, um die Suiten ins Heute zu transferieren. Wenn ein Ton fahler oder obertonreicher, eine Geste freier oder rauer klingt als üblich, wenn Verzierungen einfliessen oder eben nicht: Dann hat das damit zu tun, dass er sich im Moment einlässt auf das, was in den Noten steht – und auf das dazwischen. Es sei eine Musik, «die spricht, erzählt und tanzt», sagt Demenga; in seiner Interpretation tut sie es tatsächlich.

Improvisieren, komponieren

Das hat viel damit zu tun, dass Demenga auch ein Improvisator ist, ein Spieler im eigentlichen Sinn des Wortes. Auch viele seiner Werke sind aus Improvisationen entstanden, die er in der Folge ausgearbeitet hat. In manchen Stücken hat er Material von anderen weiterentwickelt (wie in der von Webern inspirierten «Palindromanie»), andere bieten schon fast instrumentales Theater (wie «Duo? O, du . . .», in dem zwei Celli eine nicht ganz konfliktfreie Liebesgeschichte erleben).

In Zürich sind Demengas Werke oft zu hören, vor allem bei der Camerata, die seit 2011 unter seiner künstlerischen Leitung steht. Auch das macht Demenga aus: dass er nicht nur an seiner eigenen Karriere feilt, sondern sich auch für andere interessiert. Als Lehrer vor allem – seit 35 Jahren hat er eine Professur an der Musikakademie Basel. Oder eben als Leiter einer Konzertreihe.

Barber Adagio von Thomas Demenga und Studenten. Video: Youtube/Celloheaven

Seinen ersten Intendantenjob hatte er von 2001 bis 2006 beim Davos Festival, das einst von Michael Haefliger gegründet worden war. Haefliger hat seinen Nachfolger 2003 dann als Artiste étoile ans Lucerne Festival eingeladen: Da stand er für einmal im glamourösen Zentrum des Konzertbetriebs – und tat in aller Gelassenheit, was er auch sonst tut. Spielte also Zeitgenössisches und Bach und Eigenes. Und nahm das Publikum mit auf Entdeckungsreisen, deren Ziele nie von vornherein feststehen.

Soirée classique im Zürcher Kaufleuten: Mo, 26. 2., 20 Uhr. Thomas Demenga: J. S. Bach, Suiten für Violoncello (ECM New Series). (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.02.2018, 18:00 Uhr

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