«Wir werden immer toter!»

So kennt man Patricia Kopatchinskaja: energisch, leidenschaftlich, als Kämpferin gegen Schablonen im Klassikbetrieb. Aber im einfühlsamen Porträtfilm von Béla Batthyany kann man eine Überraschung erleben.

Ohne «Bewegung» kann sie nicht sein, aber in Bern hat sie ihre neue Heimat gefunden: Patricia Kopatchinskaja.

Ohne «Bewegung» kann sie nicht sein, aber in Bern hat sie ihre neue Heimat gefunden: Patricia Kopatchinskaja. Bild: Marco Borggreve (zvg)

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Bei Nacht gleichen sich die Städte. Möglich, dass auch Patricia Kopatchinskaja nicht immer weiss, wo sie gerade ist. Lärm, farbige Lichter, Verkehr. Von fern das schrille Tütatü des Andreashorns.

So beginnt Béla Batthyanys Porträt. Ungewöhnlich für einen Film über eine klassische Musikerin; so ein Einstieg würde jedem Thriller gut anstehen. Im Zentrum steht eine Musikerin, hinter deren Person und Spiel es einiges mehr zu entdecken gibt als das, was man bereits kennt. Man kennt sie als unkonventionelle, phänomenale Geigerin. Als eine, die immer barfuss spielt und ihre Wurzeln in der Volksmusik hat. Eine, die in Wien studierte (und später in Bern), nachdem sich ihre Eltern aus Angst vor den wachsenden Unruhen in Moldau entschieden zu emigrieren. Sie kamen nach Wien, zu viert, mit Hund, drei Koffern und ohne Geld. «Ich kenne dich, ich habe dich spielen gehört», lautet der Titel des Films, den der Zürcher Dokumentarfilmer für die Sendung «Stars» des Schweizer Fernsehens gedreht hat.

Warum immer Zitrone?

Mitten durch den Feierabendverkehr stapft sie. Ihr Ziel ist das Konzerthaus. Immer ist das Konzerthaus ihr Ziel. Egal ob in Berlin, London oder Wien. Wie eine Stadtnomadin sieht sie aus, die Geige auf dem Rücken wie ein Kind. Nein, keine Stradivari. Sie habe Stradivaris ausprobiert, auch Guarneri. «Ich liebe die Farben meiner Pressenda», sagt sie. Dieses 1834 gebaute Instrument habe alles, was sie ausmacht. Charakter, Farben, Kraft. «Diese Geige ist wie ein Pferd, auf dem ich laufen und fliegen kann.»

Erkennen würde sie niemand, hier, mitten im Alltag. Mitten unter uns. Da hält sich selbst die Kamera im Hintergrund. Manchmal auf der Bühne, sinniert sie, müsse sie sich den Vorwurf der Selbstdarstellung gefallen lassen. Kopatchinskaja versteht das nicht. Stets ist die Suche nach dem Echten das, was sie antreibt. Sie scheue sich nicht, einem klassisch verwöhnten Publikum alte Geschichten neu zu erzählen. «Warum will das Publikum auf einem Wiener Schnitzel immer Zitrone? Es wäre doch keine Katastrophe, wenn da mal eine Papaya liegt.» Wie erfrischend und heiter «zeitgenössische Abenteuer» auf der Konzertbühne enden können, auch das zeigt der Film.

Die 35-Jährige ist ein Star, ohne ein Star sein zu wollen. So wie sie selber sich unter die Leute mischt, so holt sie die E-Musik aus dem Elfenbeinturm, wirft sie hinaus auf die Strasse und unter das Volk. «Neue Musik soll Mainstream werden, das ist meine Mission», sagt sie. Und: «Die Leute sollen ins Konzert gehen, weil da etwas passiert.» Kunst sei nie das, was man schon weiss, Kunst müsse Fragen aufwerfen und uns auf den Kopf stellen. «Wir werden immer toter und lassen das auch noch zu! Musik ist da, um uns aufzuwecken.» Sie verwirft die Hände. Und geht dann hinein in den Konzertsaal. Konzentriert, ruhig, allein mit ihrem klingenden Holz, steht barfuss auf das Podest. Heinrich Schiff, der Dirigent, gibt ihr das Zeichen. Und im Nu verwandelt ihr Tschaikowsky eine Halle Fremder in Komplizen, die sich von ihrem Spiel zu Tränen rühren lassen. Erschüttern oder entzücken wolle sie das Publikum. Nichts weniger. Dafür lebt sie.

Man kann fragen

Ganz nah ist man ihr, wenn sie spielt, reist, im Taxi, im Flugzeug, in der U-Bahn. Wenn sie probt, wenn sie redet. Man blickt Patricia Kopatchinskaja über die Schulter, in die Noten, auch einmal in die gute Stube, wo sie im Berner Länggassquartier mit ihrer Familie lebt, wenn sie nicht, wie meistens, unterwegs ist. 250 Tage im Jahr. Batthyany lässt nicht locker, er hat ein Gespür dafür, das Phänomen Kopatchinskaja zu knacken. So wie sie das mit den Noten tut. «Die Noten auf dem Papier kennen alle.» Musizieren bedeutet mehr: «Es gilt die Bedeutung hinter den Noten sichtbar zu machen. Und herauszufinden, was mich mit diesen Noten verbindet.»

Patricia Kopachinskaja gilt auf der Bühne als robuste Musikerin. Wie sensibel die Geigerin auch ist, wie nachdenklich und verletzlich – das zeigt Batthyanys Porträtfilm eindrücklich. Da vernimmt man plötzlich, wie sie sich gegen das Lampenfieber «entschieden» hat. Weshalb sie Bach nie auf der Bühne spielt. Was sie mit dem Pianisten Fazil Say verbindet. Oder mit Beethoven. Mit ihm habe sie eine besonders intensive Beziehung. «Auch wenn er das nicht möchte und ich ihn ärgere und hinterfrage und er mich vielleicht manchmal erschlagen möchte.» Das sei der Vorteil der zeitgenössischen Musik: «Wenn man etwas nicht versteht, kann man den Komponisten fragen.»

Die Dickköpfigkeit vom Vater

Quer durch Europa ist der Dokumentarfilmer Béla Batthyany der Künstlerin gefolgt Er lässt Weggefährten und Begleiter wie den Dirigenten Esa Pekka Salonen, den Pianisten Fazil Say oder die Cellistin Sol Gabetta zu Wort kommen, die persönliche Einblicke geben in die gemeinsame Arbeit mit Patricia Kopatchinskaja. Und er ist mit ihr nach Moldawien gereist. In die Ruinen des Theaters von Chisinau, wo sie 1977 geboren wurde. Und ins idyllische Dorf, in dem sie zwischen Hühnern und Maisfeldern bei den Grosseltern aufwuchs, während ihre Eltern, zwei Volksmusiker, in der Sowjetunion Tourneen machten. Vom Vater, einem virtuosen Cymbalspieler, habe sie die Dickköpfigkeit und Leidenschaft geerbt; von der Mutter, der Geigerin, die Ruhe und Intensität im Spiel, sagt Kopatchinskaja.

Behutsam und ohne Scheu findet der Filmer berückende Bilder für das innere und äussere Unterwegssein der Musikerin. «Ich brauche Bewegung im Kopf und in der Seele. An einem Ort zu bleiben, ist für mich ungewöhnlich», sagt die moldauische Bernerin. Heute Abend bleibt sie «zu Hause». Zu Hause in Bern, wo in der Dampfzentrale nicht nur der Film als Vorpremiere gezeigt wird, sondern auch die Taufe ihres jüngsten Tonträgers stattfindet.

Erstellt: 30.10.2012, 11:19 Uhr

Film

Am Sonntag, 4. November, 23.20 Uhr, strahlt SF 1 den Porträtfilm aus. Am 8./9. November tritt Kopatchinskaja mit dem BSO im Kultur-Casino Bern auf.

Der Trailer zum SF-Porträt

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