Abschied mit Anstand

Tonhalle-Chefdirigent Lionel Bringuier gab sein letztes Konzert in der Tonhalle Maag. Damit findet eine schwierige Zeit ihr Ende.

Dirigierte zu seinem Abschied Ravels «La valse», sein Paradestück: Lionel Bringuier.  Foto: Christian Beutler (Keystone)

Dirigierte zu seinem Abschied Ravels «La valse», sein Paradestück: Lionel Bringuier. Foto: Christian Beutler (Keystone)

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Beim letzten Tanz hat man sich gefunden – respektive exakt so verpasst, wie es die Partitur vorsieht. Ravels «La valse» ist ein Paradestück von Lionel Bringuier – damit hat er einst als 18-Jähriger seinen ersten grossen Wettbewerb gewonnen. Und er kann es immer noch, wie er in seinem Abschiedsprogramm gezeigt hat: Sec und präzis, gespenstisch und böse liess er die durchlöcherten Walzerklänge in Richtung Abgrund driften. Das Tonhalle-Orchester zog mit. Und das Publikum in der Tonhalle Maag jubelte, zu Recht.

Es war ein versöhnlicher Abschluss einer Zeit, in der man sich ansonsten ­öfter verpasst als getroffen hat. Lionel Bringuier und das Tonhalle-Orchester: Das ist eine schwierige, traurige Geschichte für alle Beteiligten.

Begonnen hatte sie denkbar gut. Als der damals 25-jährige Franzose 2011 erstmals in Zürich dirigierte, war es Liebe auf den ersten Blick – das haben Bringuier und die Tonhalle-Musiker danach bei jeder Gelegenheit betont. Man wählte ihn also als Chefdirigenten und empfing ihn 2014 mit enormen Erwartungen. Mit David Zinmans Rücktritt war eine lange, glückliche Zeit zu Ende gegangen, nun wollte man einen Neustart, eine Verjüngung, frische Energie.

Rasche Ernüchterung

Am Anfang hat das gut geklappt. Berlioz’ grandios dynamische «Symphonie fantastique» in Bringuiers Antrittskonzert 2014 schien zu zeigen, in welche Richtung die Reise gehen könnte. Und wer immer den Chefdirigenten fragte, was er in Zürich plane, hörte Erfreuliches: Er wolle auch neben dem Podium präsent sein, auf die Leute zugehen, die Jungen einbeziehen. Aber es blieb bei den Versprechungen, Bringuier ist in der Stadt nie wirklich angekommen. Dass er seinen allerletzten Auftritt als Chefdirigent gestern Abend ausgerechnet bei einem Open-Air-Konzert auf dem Münsterhof hatte, wirkt da fast wie eine ironische Pointe. Von so nahe dürften ihn viele Zürcher noch nie gesehen haben.

Auch in der Zusammenarbeit mit dem Orchester machte sich bald einmal Ernüchterung bemerkbar. So fulminant Bringuier manches dirigierte, so fremd schien ihm anderes. Wo er grosse Besetzungen in komplexen Strukturen zu organisieren hatte, lief er zu Form auf; aber seine Interpretationen von Beethoven oder Brahms wirkten uninspiriert, unpersönlich, geradezu ältlich.

Vor allem aber kam keine Entwicklung in Gang. Was funktionierte, funktionierte. Was schiefging, blieb schief. Mit der Zeit war die Stimmung so gereizt, dass es einem auch im Konzert auffiel; da kam es schon mal vor, dass einzelne Musiker den Kopf schüttelten, wenn applaudiert wurde. Dass nichts mehr wird aus dieser Konstellation, war deshalb bald klar. Und auch wenn die Nicht-Verlängerung von Bringuiers Vierjahresvertrag ungünstig war, weil damit ausgerechnet für die ungewisse Exil-Zeit in der Tonhalle Maag ein neuer Chefdirigent gesucht werden musste: Es war die richtige Entscheidung.

Nachfolger schnell gefunden

Und das Tonhalle-Orchester hatte Glück. Bringuiers Nachfolger wurde rasch gefunden, die Vorfreude auf den ebenso unternehmungslustigen wie erfahrenen Paavo Järvi ist allseits gross. Zwar wird er sein Amt erst in der Saison 2019/20 antreten, aber bereits vorher wird er einige Konzerte dirigieren.

Schwieriger könnte es für Lionel Bringuier werden. Er hatte beim Tonhalle-Orchester seinen ersten wichtigen Chefposten; ein nächster ist nicht in Sicht. Auch sonst ist seine Agenda nicht besonders gut gefüllt. Beziehungsweise leert sie sich auch immer wieder: Der «Rigoletto», der für November in Stockholm geplant war, scheint nicht zustande­ zu kommen, jedenfalls wurde auf der Homepage des Opernhauses der Name Bringuier durch «NN» ersetzt. Auch auf andere angekündigte Auftritte finden sich keine Hinweise bei den Veranstaltern. Was übrig bleibt, ist übersichtlich. Ein paar Gastspiele an illustren und weniger illustren Orten, eine Tournee mit dem Royal Philharmonic (immerhin): Mehr ist da nicht.

Problematisches Management

Das liegt zweifellos nicht nur an Bringuier, sondern auch an seiner Agentur Fidelio Arts, die während seiner Zürcher Zeit eine seltsame Rolle gespielt hat. Dass Bringuier sich so sehr abgeschottet hat, dass er für die Musiker und die Tonhalle-Leitung oft nicht zu erreichen war, lag auch an seinem Management. Und es wirkt höchst eigenartig, dass auf der Homepage der Agentur zwar zu lesen ist, dass Bringuier in der laufenden Saison eine Residenz beim Orchestre National de Lyon hat – aber das Tonhalle-Orchester, bei dem er ja immerhin noch Chefdirigent ist, mit keinem Wort erwähnt wird.

Wie sehr die Fidelio Arts Bringuiers Wirken steuert, zeigte sich auch in den Tonhalle-Programmen. Neben ihm betreut die Agentur nur drei weitere Künstler: den Dirigenten und Komponisten Esa-Pekka Salonen, der in Bringuiers erster Tonhalle-Saison den Creative Chair besetzte. Den Dirigenten Gustavo Dudamel, der sein Zürcher Debüt nur wegen Rückenproblemen verpasst hat. Und die Pianistin Yuja Wang, die Bringuiers Zürcher Zeit einigen Glanz verliehen hat: Sie war 2014/2015 Artist-in-Residence, hat die Ravel-CD-Box des Tonhalle-Orchesters mit ihrem Namen und ihrer Interpretation der Klavierkonzerte entscheidend aufgewertet – und stöckelte nun auch bei Lionel Bringuiers Abschiedskonzert wieder zum Flügel.

Es war der Höhepunkt des Konzerts. In Richard Strauss’ «Don Quixote» zuvor hatte jede Frechheit, jede theatralische Wucht, jeder Zug gefehlt. Aber in Prokofjews 3. Klavierkonzert stimmte alles: die Brutalität und die Leichtigkeit, die Virtuosität und die gänzlich unromantische Direktheit, mit der Yuja Wang ihre Partie spielte. Und die Energie, mit der Bringuier und das Orchester auf sie ­reagierten.

Glöckeln statt dirigieren

Noch schöner war nur die finale Überraschung: Das Orchester überreichte Bringuier eine riesige Kuhglocke und schickte ihn dann zu den Perkussionisten, wo er sich durch die vom Tonhalle-Klarinettisten Florian Walser arrangierte Volksmusik-Zugabe zu glöckeln hatte. Er tat es grinsend und improvisierte danach eine souveräne Dankesrede, die Musiker klatschten, das Publikum steuerte eine Standing Ovation bei. So nimmt man Abschied: herzlich, professionell, mit Anstand.

Und jetzt beginnt die Zukunft.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.06.2018, 08:18 Uhr

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