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«Auch Zügellosigkeit braucht Präzision»

Gustavo Dudamel dirigiert das legendäre Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker – als jüngster bisheriger Dirigent. Ein Besuch beim Venezolaner.

«Man muss sich das mal vorstellen!» 50 Millionen werden Dudamel zuschauen, wenn er am Sonntag dirigiert. Foto: Timothy White
«Man muss sich das mal vorstellen!» 50 Millionen werden Dudamel zuschauen, wenn er am Sonntag dirigiert. Foto: Timothy White

Mitten in einer Probe zur «Skythischen Suite» von Sergei Prokofjew senkt Gustavo Dudamel plötzlich seinen Taktstock. Die Musiker des Los Angeles Philharmonic hören einer nach dem anderen auf zu spielen, es wird still, und der Dirigent sagt bedächtig: «Auch wilde Zügellosigkeit braucht Präzision.»

Er scheint selbst ein wenig überrascht zu sein. Schon mehrmals hatte er die Probe nach wenigen Passagen unterbrochen und mehr Intensität verlangt. «In der Partitur steht ‹Allegro feroce›», betont er. Dudamel spricht englisch mit den Musikern, doch wenn er «feroce» italienisch ausspricht, gibt er dem Wort mehr Bestimmtheit, es wird dringlich, imperativ. Ich erinnere ihn an die Episode, als wir uns in seinem Büro in der Walt Disney Hall von Los Angeles zum Interview treffen. «Es geht nicht um eine perfekte Vorstellung», betont Dudamel da. «Ich habe ihnen gesagt, dass ich eine perfekte Imperfektion von ihnen will. Sie sollen Risiken eingehen, um an den Punkt kommen, an dem dir schwindlig wird, an dem du alles unter Kontrolle hast und gleichzeitig auch wieder nicht. Das ist der Punkt, an dem du andere inspirierst. Denn du kannst technisch alles kennen und können, doch wenn du die Gruppe nicht inspirierst, wirst du nichts Besonderes zustande bringen. Niemand will etwas vollkommen Sauberes und Perfektes hören, das keinerlei Seele hat.»

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