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Auf in den Norden!

Paavo Järvi vergnügte sich im Konzert mit Messiaen und Beethoven – und stellte heute sein erstes Saisonprogramm als Tonhalle-Chefdirigent vor.

Heute informierte Järvi unter anderem darüber, welche CD-Einspielungen er mit dem Orchester plant.
Heute informierte Järvi unter anderem darüber, welche CD-Einspielungen er mit dem Orchester plant.
Keystone

Zu den Talenten des Paavo Järvi gehört auch dieses: dass er als selbstverständlich präsentieren kann, was es immer noch nicht ist. So stellte er gestern Olivier Messiaens «L'Ascension» an den Anfang des Konzerts – vier sinfonische Meditationen, die seit 1975 nicht mehr in den Tonhalle-Programmen aufgetaucht sind, aber klangen, als hätten sie schon immer in die Tonhalle Maag gehört. Ruhig und kraftvoll liess Järvi diese Musik spielen, die von Schmerz und Schönheit, von Chaos und Erlösung erzählt. Und hier auch davon, wie intensiv und frei und detailfreudig das Orchester und sein künftiger Chefdirigent bereits jetzt zusammenarbeiten.

Das Stück wird – zusammen mit Messiaen-Aufnahmen aus den Januar-Konzerten – pünktlich zu Järvis Amtsantritt im Oktober auf CD herauskommen. Was er danach vorhat, hat er nun heute an einer Medienorientierung vorgestellt. Um bei den CDs zu bleiben: Da ist ein live eingespielter Tschaikowsky-Zyklus mit allen Sinfonien geplant. Er sei mit Tschaikowsky aufgewachsen, sagt Järvi; schliesslich gehörte Estland damals zur Sowjetunion, die russische Musik stand im Zentrum des Repertoires.

Schulkollege und Rockmusiker

Auch sonst, so die Tonhalle-Intendantin Ilona Schmiel, habe man in dieser Saison 2019/20 Järvis Wurzeln und damit die Musik aus dem Norden Europas nach Zürich bringen wollen. Den Creative Chair wird Järvis einstiger Schulkollege Erkki-Sven Tüür übernehmen, der zunächst als Rockmusiker erfolgreich war und heute als bedeutendster estnischer Komponist neben Arvo Pärt gilt.

Weitere Schwerpunkte setzen der schwedische Klarinettist Martin Fröst, der finnische Geiger Pekka Kuusisto und die lettische Akkordeonistin Ksenija Siderova, die als Musiker «im Fokus» für mehrere Konzerte anreisen. Gemeinsam ist ihnen – neben ihrer Virtuosität – ihre Lust auf stilistische und programmatische Experimente. Fröst überschreitet die Grenzen in Richtung Tanz und Schauspiel, Kuusisto ist auch ein engagierter Jazzer (und Umweltschützer), Siderova mag Strassen- und Volksmusik. Damit passen sie bestens in die Tonhalle Maag – und in ein Programm, das die Möglichkeiten dieses Orts in der dritten und letzten «Exil»-Saison ausgiebig und fantasievoll nutzt.

Auch mit Beethoven: 2020 wird sein 250. Geburtstag gefeiert – und das Tonhalle-Orchester tut es anders als erwartet. Also nicht mit den Sinfonien, sondern mit der Fortsetzung von Iñigo Giner Mirandas Klang-Raum-Projekt #bebeethoven, mit einem Quartettzyklus mit dem Belcea Quartet – und mit einem halbszenischen «Fidelio», den Järvi dirigieren wird.

Phänomenal entspannt

Dass das aufregend wird, lässt sich nach dem aktuellen Konzert ganz ohne hellseherische Fähigkeiten prognostizieren. Denn da gab es Beethoven noch ganz ohne Jubiläum gleich dreifach: Im 3. Klavierkonzert reagierte Järvi blitzschnell auf jede Spontaneität des phänomenal entspannten und ebenso phänomenal fokussierten Pianisten Arcadi Volodos – im behutsam ertasteten Largo wie im trocken hingeknallten Finale.

Die 4. Sinfonie danach klang fast moderner als Messiaen (denn auch das gehört zu Järvis Talenten: dass er Hitparadenwerke als jene Kühnheiten interpretiert, die sie einmal waren). Und die Ouvertüre «Die Geschöpfe des Prometheus» als Zugabe machte Järvi und den Musikern sichtlich genauso viel Spass wie dem Publikum. Der Applaus liess sich übersetzen mit: Bitte mehr davon.

Wiederholung des Konzerts: Morgen Freitag, 19.30 Uhr, Tonhalle Maag. Saisonpräsentation mit Paavo Järvi: Übermorgen Samstag, 11 Uhr, Tonhalle Maag. www.tonhalle-orchester.ch

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