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Bitte keine «Planungsunschärfen» mehr

Neustart in der Zürcher Tonhalle: Musikalisch läuft alles nach Wunsch. Um den Rest wird sich auch die Stadt bemühen müssen.

Bis März 2021 spielt hier die Musik: Aufführung in der Tonhalle Maag im Westen der Stadt Zürich. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)
Bis März 2021 spielt hier die Musik: Aufführung in der Tonhalle Maag im Westen der Stadt Zürich. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

Es ist gerade noch einmal gut gegangen. Der Zürcher Gemeinderat hat am Mittwochabend die Zusatzkredite für die Renovation von Tonhalle und Kongresshaus genehmigt, die Stadt hat Fehler und «Planungsunschärfen» eingestanden. Es wurde nichts gefährdet, was man nicht gefährden sollte. Und die uncharmante Geste, mit der man diese Finanzdebatte exakt zeitgleich zum Eröffnungskonzert des neuen Tonhalle-Chefdirigenten Paavo Järvi angesetzt hat, wird hoffentlich bald vergessen sein.

Denn jenseits dieser etwas eigenartigen Willkommenskultur geht es derzeit um weit mehr – nämlich wieder einmal um die Frage, welche Kulturstadt Zürich sein will. Wie viel dieser Stadt ein starkes Tonhalle-Orchester wert ist, ein starkes Musikleben überhaupt. Und man wird diese Frage nicht mit ein paar salbungsvollen Worten beantworten können: Die anstehenden Herausforderungen verlangen mehr als Lippenbekenntnisse und ein bisschen zusätzliches Geld.

Standort in einem toten Quartier

Das Tonhalle-Management hat seinen Teil schon beigetragen. Mit dem Esten Paavo Järvi hat man einen Chefdirigenten gewinnen können, um den Zürich international beneidet wird. Einen, der schon anderswo gezeigt hat, dass er ein Orchester locker eine Liga höher bringen kann oder auch zwei. Und der nicht nur die Tonhalle-Musikerinnen und -Musiker aus der Reserve zu holen versteht, sondern auch das normalerweise nicht besonders leicht entflammbare Zürcher Publikum.

Die anstehenden Herausforderungen verlangen mehr als Lippenbekenntnisse und ein bisschen zusätzliches Geld.

Im März 2021 werden Järvi und das Orchester wieder in die alte Tonhalle umziehen: Das ist Herausforderung Nummer eins. Wie schön der restaurierte Saal werden wird, konnte man gestern erstmals sehen. Aber das ändert nichts daran, dass er sich in einem ziemlich toten Quartier befindet – und dass die komplizierte organisatorische Verbindung von Tonhalle- und Kongresshaus-Gesellschaft den Betrieb nicht eben erleichtert.

Wie lässt sich der Schwung, der in der Tonhalle Maag aufgekommen ist, an den Traditionsort übertragen? Gibt es flankierende Massnahmen, die verhindern können, dass der farbenprächtige Saal gleich wieder Staub ansetzt? Da sind nicht nur die musikalischen Verantwortlichen gefragt, sondern auch jene bei der Stadt.

«Vernünftige Grosszügigkeit»

Und dann ist da die Tonhalle Maag, deren Zukunft nach wie vor ungewiss ist: Herausforderung Nummer zwei. Zwar ist man inzwischen so weit, dass alle Beteiligten – auch die Besitzerin, die Swiss Prime Site – den Saal erhalten wollen. Aber ein Konzept, wie er gefüllt werden könnte, existiert nach wie vor nicht. Gespräche mit möglichen Betreibern haben bisher keine Resultate gebracht.

Auch da ist die Stadt gefragt. Es braucht Fantasie, Energie, das Zusammenspiel sämtlicher verfügbarer Netzwerke. Es braucht auch jene «vernünftige Grosszügigkeit», von der die Tonhalle-Intendantin Ilona Schmiel in Zusammenhang mit den Zusatzkrediten gesprochen hat. Was es dagegen nicht braucht, nicht geben darf: Das sind weitere «Planungsunschärfen».

Es steht zu viel auf dem Spiel, als dass man sich solche erlauben könnte. Die Tonhalle Maag kann verschwinden, die alte Tonhalle rasch wieder grau wirken. Es gilt, Farbe zu bekennen – und sehr bald zu entscheiden, wie es weitergehen soll. Abwarten und hoffen, dass alles dann schon irgendwie kommt, wäre das schlechteste Rezept für das Zürcher Musikleben.

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