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Buhrufe für Bellinis «Norma»

Bob Wilson und Vincenzo Bellini? Passen gut zusammen, wie die Premiere von «Norma» am Sonntag im Opernhaus Zürich, trotz einiger Buhrufe, beweist.

Die Premiere von «Norma» am Zürcher Opernhaus überzeugte – fast.
Die Premiere von «Norma» am Zürcher Opernhaus überzeugte – fast.
Reuters

Der Mond, la luna, als weibliches Prinzip und Gegenpart zum kriegerischen Mars bestimmt das Geschehen in Vincenzo Bellinis Melodramma «Norma». Noch während der Ouvertüre erscheint sein Rund als leuchtende Projektion auf dem Vorhang. Doch alsbald durchstösst ein Keil wie ein Schwert die leuchtende Scheibe.

Abstrakte Bildsprache

Mit derart reduzierten Chiffren umreisst der Lichtkünstler und Regisseur Robert Wilson die dramatische Konstellation. Doch das ist bereits das Äusserste, was man sich als Deutung seines «formalen Theaters» wie er selbst es nennt, erlauben soll und kann. Mit seiner Ästhetik der stilisierten Reduktion schafft Wilson dem Belcanto Bellinis einen Entfaltungsraum, eine Art visuelle Folie.

Das Resultat ist eine nahezu konzertante Aufführung mit raffinierten Lichteffekten und spärlichen Dekorationen - einer archaischen Schilderwand, einer geheimnisvoll blinkenden Mondscheibe, einem sich spaltenden Pyramidenstumpf. Dazu kommt Wilsons üblicher Bewegungskanon: Gemessenes Schreiten und reduzierte, abgezirkelter Gesten, die jeglichen Körperkontakt zwischen den Darstellern strikt vermeiden.

Lichtfarben, Klangfarben

Auf fast magische Weise verbindet sich der visuelle Reiz, fernab psychologischer Ausdeutung, mit den Emotionen und dem deklamatorischen Gehalt der Partitur. Der hohe Abstraktionsgrad schärft und öffnet das Ohr geradezu für Bellinis Melos. Stärker jedenfalls, als es eine wie auch immer konzipierte Bühnenaktion vermöchte.

Dazu trägt das Zürcher Opernorchester unter Stabführung von Paolo Carignani wesentlich bei. Der Mailänder hat ein Gespür für die changierenden Klangfarben und disponiert die Tempi zu einem spannungsgeladenen Gesamten. Seine sinnfällige Phrasierung folgt dem natürlichen Fluss der typisch bellinischen Melodiebögen und gewährt ihnen Atem, um frei auszuschwingen, was auch den Sängern zugute kommt. Dominiert wird der Abend von den beiden Frauengestalten - übrigens in anmutig fliessenden zeitlosen Gewändern, kobaltblau und kupferrot, von Moidele Bickel.

Belcanto pur

Elena Mosucs Rollendébut als Norma wurde mit Spannung erwartet. Als gallische Druidenpriesterin, die ihr Keuschheitsgelübde verletzt und den Prokonsul der römischen Besatzung liebt, überzeugt sie vor allem in den lyrischen Passagen. Weniger glaubhaft dagegen klingt der Furor der betrogenen Frau, die auf Rache sinnt und sogar den Mord ihrer beiden Kinder erwägt. Ob gewisse intonatorische Unschärfen der Premierennervosität anzulasten sind?

Emotionale Intensität verströmt Michelle Breedt als Adalgisa. Ihr dunkel schattierter Mezzo lässt keinen Zweifel über die seelische Zerrissenheit der priesterlichen Novizin zwischen Neigung und Pflicht. Und wenn sich die beiden Frauenstimmen zum überirdischen Zwiegesang vereinen, kann man das Dilemma des wankelmütigen Römers sogar ein wenig verstehen. Dennoch ist dieser Pollione kein Sympathieträger. Roberto Aronica gibt ihn mit rigidem Schmettertenor, was die Macho-Haltung zusätzlich betont. Das Vokalquartett komplettiert der magistrale Bass von Giorgio Giuseppini als Oberpriester und Normas Vater.

SDA/dj

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