Das gab es noch nie am Zürcher Opernhaus

Opern-Dirigentinnen und -Regisseurinnen sind noch in der Minderzahl. Aber sie werden mehr. In Zürich proben derzeit Emmanuelle Haïm und Jetske Mijnssen für eine Rameau-Oper.

Dirigentin Emmanuelle Haïm (links) und Regisseurin Jetske Mijnssen im Opernhaus Zürich. Foto: Fabienne Andreoli

Dirigentin Emmanuelle Haïm (links) und Regisseurin Jetske Mijnssen im Opernhaus Zürich. Foto: Fabienne Andreoli

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Eine grosse Neuproduktion am Zürcher Opernhaus wird von einer Frau inszeniert und ebenfalls von einer Frau dirigiert: Das gab es so noch nie. Grund genug, die beiden Damen in den Spiegelsaal zu bitten für ein Gespräch über die zunehmende Weiblichkeit des Opernbetriebs.

Aber da sitzen sie nun, die 48-jährige niederländische Regisseurin Jetske Mijnssen und die 57-jährige französische Dirigentin Emmanuelle Haïm, und winken ab. Müssen wir tatsächlich über Frauenfragen reden? «Im Alltag spielt es keine Rolle, dass wir Frauen sind», sagt Haïm, «wir müssen einfach gut sein.» Und Mijnssen schiebt nach, dass sie nie benachteiligt worden sei, «wirklich nicht». Viel lieber würden sie deshalb über das Stück reden, über die grandiose Barockoper «Hippolyte et Aricie» von Jean-Philippe Rameau. Oder über die Arbeit mit dem Ensemble. Oder...

Gleich, nur ein paar Fragen. An Emmanuelle Haïm zunächst: Wie kam sie auf die Idee, Dirigentin zu werden? Also einen Beruf zu wählen, der sehr lange ein reiner Männerberuf war? «Ich wollte einfach so machen», sagt sie und wedelt mit den Händen durch die Luft, «keine Ahnung, warum.» Noch ganz klein sei sie gewesen damals, acht oder neun Jahre alt.

Es hat dann eine Weile gedauert, bis sie «so machen» konnte; erst etablierte sie sich als Cembalistin, gründete ihr eigenes Ensemble Le Concert d’Astrée. Irgendwann, so sagt sie, sei das Selbstvertrauen gross genug gewesen, um tatsächlich zu dirigieren. Heute tut sie das überall: bei den Berliner Philharmonikern, in diversen Theatern, beim Lucerne Festival und nun eben erstmals am Zürcher Opernhaus.

Skepsis gegen Mütter

Das Wort «Selbstvertrauen» fällt da ganz nebenbei, aber nebensächlich ist es nicht. An Regisseurinnen hat sich die Opernwelt gewöhnt, seit Ruth Berghaus in den 1950er-Jahren ihre ersten Erfolge (und Skandale) feierte. Aber die Dirigentinnen, die wirklich arriviert sind, machen bis heute kein Dutzend voll. Und jene, die nachrutschen möchten, stehen immer noch oft im Gegenwind – weniger beim Publikum als bei den Orchestern.

Das sagt der Zürcher Opernhaus-Intendant Andreas Homoki bei einem Gespräch ein paar Tage später. Die Philharmonia Zürich sei ja angenehm, nicht zuletzt wegen der vielen Musikerinnen; aber viele Orchester seien nach wie vor überwiegend männlich besetzt, «und Orchestermusiker sind nicht immer nett». Da geht es nicht nur ums Können einer Dirigentin, sondern auch um Codes, um Rollenbilder: «Da muss man durchwollen.»

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Emmanuelle Haïm wollte da durch: «Wenn es Widerstand gab, rannte ich dagegen, bumm, und noch einmal, bumm, bis die Mauer ein Loch hatte.» Jetske Mijnssen nickt: Beim Inszenieren sei das ähnlich, der Wille müsse schon gross sein. «Dass ich nie Schwierigkeiten bekam, hatte wohl auch damit zu tun: Ich wusste genau, was ich wollte, und war für Einwände gar nicht zugänglich.»

Ein paar hat sie dann allerdings doch gehört, ausgerechnet in ihrer aufgeschlossenen niederländischen Heimat: «Nicht als inszenierende Frau, aber als inszenierende Mutter wurde ich dort skeptisch begutachtet.» Dies, obwohl sie immer dafür gesorgt habe, dass die Betreuung ihrer Töchter so geregelt war, dass die Arbeit nicht davon tangiert wurde: «Man organisiert sich, auch wenn es einem manchmal das Herz bricht.» Letzte Woche hat sie den 13. Geburtstag ihrer jüngeren Tochter verpasst, «ich konnte einfach nicht weg hier».

Andere geben in solchen Momenten auf. Auch das erzählt Andreas Homoki: «Es gibt viele junge, clevere Frauen, die einen guten Start haben – und sich zurückziehen, wenn sie Kinder bekommen.» Das ist in der Oper ähnlich wie in anderen Branchen. Denn der Job ist hart: Wer inszeniert, ist sechs Wochen lang weg von zu Hause. Wer dirigiert, sogar noch länger, weil nach den Proben und der Premiere die weiteren Aufführungen anstehen. Und die gesellschaftlichen Erwartungen machen es nicht leichter: «Auch in der Oper sind die traditionellen Muster noch vorhanden,» sagt Homoki; «der Mann macht Karriere, für die Frau hat die Familie Priorität.»

Spezialität Kinderopern

Zwar hat sich in den letzten Jahren einiges getan. So hat Emmanuelle Haïm die einstige Standardfrage, was eine Dirigentin denn so anziehe, schon länger nicht mehr gehört. Verschiedene Sinfonieorchester und einzelne Opernorchester haben Chef­dirigentinnen. Und es dürfte Folgen haben, dass es inzwischen ein paar Opern-Intendantinnen gibt – etwa in Amsterdam, Lille, Strassburg und Graz.

Aber der Weg in Richtung Gleichberechtigung ist noch weit. Nach wie vor sind Regisseurinnen und Dirigentinnen auffallend oft mit Kinderopern beschäftigt. Und wenn sie im Hauptprogramm dirigieren, dann meist nicht die medienwirksamen Premieren, sondern die weit weniger glamourösen Wiederaufnahmen. Selbst Simone Young, die als Chefdirigentin der Hamburger Staatsoper eine grosse Pionierinnen-Karriere gemacht hat, leitet in der laufenden Saison ausschliesslich ältere Produktionen (je eine in Zürich, Wien und Berlin, drei in München).

«Ich engagiere Frauen genauso selbstverständlich, wie ich Männer engagiere.»Andreas Homoki, Zürcher Opernhaus-Intendant

Von Quoten, wie sie derzeit im Schauspielbereich verhandelt werden, mag in der Oper deshalb niemand reden: Sie wären chancenlos in einer Sparte, in der Frauen immer noch Einzelfälle sind. Aber immerhin, es gibt mehr Einzelfälle als auch schon. Und vor allem hat man den Eindruck, dass sich die Häuser in der Frauenfrage allmählich gern fortschrittlich geben.

Ist das so, Andreas Homoki? Schon, sagt er, «es wird an Opernkonferenzen viel über Frauenförderung diskutiert.» Für ihn sei das Geschlecht allerdings kein Kriterium: «Ich engagiere Frauen genauso selbstverständlich, wie ich Männer engagiere. Wenn es passt, freue ich mich. Aber wenn ich keine geeigneten finde, dann ist das so.»

Jetske Mijnssen hat er früh gefunden, sie hat ihren Durchbruch an der Komischen Oper Berlin gestartet, als Homoki dort Intendant war. Auch Mirga Grazinyte-Tyla, die erfolgreichste unter den jüngeren Dirigentinnen, hätte er früh entdeckt; er hörte 2013 eine (von Mijnssen inszenierte) «Traviata» mit ihr, als sie Kapellmeisterin in Bern war. Grossartig sei das gewesen, er habe ihr bei nächster Gelegenheit ein Angebot gemacht: «Aber ihre Karriere war noch schneller als wir.» Er hätte ihr damals wohl gleich eine Neuproduktion vorschlagen sollen, «da war ich zu vorsichtig; aber das wäre ich auch bei einem Newcomer-Mann gewesen».

Aggressive Reaktionen

Zurück in den Spiegelsaal. Dort sind Jetske Mijnssen und Emmanuelle Haïm inzwischen doch bei Rameau angelangt, genauer: bei der Figur der Phèdre. Sie ist die Gattin des Theseus, verliebt sich aber in ihren Stiefsohn Hippo­lyte, der seinerseits Aricie liebt. Vielen gelte sie als schwierige Figur, sagt Mijnssen, «aber ich mag sie so sehr für ihr Problem! Sie ist nicht alt, ihr Mann ist ständig weg und hat andere Frauen, und da ist dieser schöne Stiefsohn...»

Und nun, in der musikalischen Diskussion, reden sich die beiden doch noch ins Feuer. Auch Haïm mag diese Phèdre, die so stark und gleichzeitig verletzlich ist, «das muss man hören in ihrer Musik». Und Mijnssen erzählt vom Clash, den sie bei fast jeder Inszenierung erlebe, «weil ich die Frauenfiguren nicht als Opfer zeigen mag». So liess sich etwa die Constanze in ihrer Essener Inszenierung von Mozarts «Entführung aus dem Serail» durchaus freiwillig mit dem Bassa Selim ein, weil ihre Ehe mit Belmonte langweilig geworden war. Die Reaktionen darauf seien aggressiv gewesen, sagt die Regisseurin, «ich konnte mich nach der Premiere regelrecht gegen die Buhs lehnen».

Hier findet sich wohl der Schlüssel für die Zurückhaltung, mit der Mijnssen und Haïm über Frauenfragen sprechen: Sie wollen nicht als Opfer gesehen werden, sie sind ja auch keine. Sie haben es geschafft. Und sie sind überzeugt, dass andere es ebenfalls schaffen werden. Es brauche Zeit, sagt Haïm, «aber es kommen immer mehr junge Dirigentinnen und Regisseurinnen nach, und damit immer mehr gute». Dass diese dann auch engagiert werden, bezweifelt sie nicht: «Warum sollten sie nicht?»

Aber das ist Zukunftsmusik, die letzte Frage gilt der Gegenwart: Haben Frauen es heute noch schwerer im Opernbetrieb als Männer? Nein, sagen Jetske Mijnssen und Emmanuelle Haïm. Ja, sagt Andreas Homoki.

Premiere von «Hippolyte et Aricie» im Zürcher Opernhaus: 19. Mai.Am 7. Juni gibt es auch im Theater Basel eine Premiere mit weiblicher Doppelspitze: Bei Jommellis «Didone abbandonata» hat Daniela Dolci die musikalische Leitung, Lotte de Beer inszeniert.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 15.05.2019, 08:14 Uhr

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