Das Orchester der Alphatiere

Der Herzchirurg spielt Posaune, die Nationalrätin Cello: Im Orpheum Supporters Orchestra trifft sich die Elite. Zum zweiten Mal bereits.

«Musik verbindet sehr»: FDP-Nationalrätin und Cellistin Christa Markwalder (Mitte) im Orpheum Supporters Orchestra. Foto: Thomas Entzeroth

«Musik verbindet sehr»: FDP-Nationalrätin und Cellistin Christa Markwalder (Mitte) im Orpheum Supporters Orchestra. Foto: Thomas Entzeroth

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Wenn er je einen Herzinfarkt erleiden müsste, sagt Dirigent Howard Griffiths, «dann am liebsten in dieser Woche». Denn da stehen die Proben mit dem ­Orpheum Supporters Orchestra an, in dem Anwälte, Politikerinnen, Manager und Ärzte spielen – darunter gleich zwei Kardiologen und ein Herzchirurg.

Der Chirurg ist Thierry Carrel, Direktor der Klinik für Herz- und Gefäss­chirurgie am Berner Inselspital. Er spielt Posaune – zum Abschalten nach einem Tag im Operationssaal, aber nicht nur: «Ein Orchester ist auch ein perfektes Vorbild für das Arbeitsleben im Team.» An beiden Orten müsse die Grundeinstellung dieselbe sein: «Allegro con fuoco». Und noch unmittelbarer als im Spital spüre man im Orchester, was klappe, wo es harze, wer wie gut vorbereitet sei. Daraus lässt sich einiges ableiten, auch für den eigentlichen Beruf.

Die Parallelen zwischen Orchester- und Geschäftswelt sind denn auch seit Jahren ein Thema. Mehrfach wurden Dirigenten ans Davoser World Economic Forum eingeladen, um über Motivation und Kreativität zu referieren. Auch Banken und andere Grossbetriebe laden Musikerinnen und Musiker ein, um sie nach ihren Erfahrungen zu befragen; das Resultat sind dann Papers, in denen es vor allem ums Aufeinanderhören geht.

Schmerzhafte Einsicht

So erstaunt es kaum, dass inzwischen etliche Kaderleute von der Teppichetage aufs Orchesterpodium steigen, um diese Erfahrungen selbst zu machen. 1999 wurde in Leipzig die Management Symphony gegründet, in der Damen und Herren in Führungspositionen mit Profis zusammen spielen. Kürzlich traten sie erstmals in der Zürcher Tonhalle auf und zeigten mit Tschaikowskys 6. Sinfonie, dass sie auch musikalisch den Kick der Herausforderung suchen.

Das Orpheum Supporters Orchestra verfolgt ein anderes Konzept. Hier sitzen auch an den ersten Pulten Musiker, die im Alltag etwas anderes machen. Nicht alle sind Chefs, man ist da lockerer als bei der Management Symphony. Aber alle bezahlen 1000 Franken, um mittun zu dürfen (oder lassen sie von ihrer Firma bezahlen). Mit dem Geld fördert die Orpheum-Stiftung junge Musikerinnen und Musiker; zwei davon sind diesmal als Solisten dabei.

Ganz ohne Berufsmusiker muss aber auch dieses Orchester nicht auskommen. Konzertmeister ist Stefan Tönz, einst Geiger, heute Anwalt. Und dann ist da der Bayer Clemens Hoegl, der allerdings nur lacht, wenn man ihn als Profi bezeichnet: «Das war ich früher mal.» Er hat Kontrabass studiert, auch einen Abschluss in Musikwissenschaften gemacht und bekam schon früh einen Job am Hessischen Staatstheater. Weiter, so sagt er heute, hätte er es wohl nicht gebracht mit seinem Instrument, «ich war schlicht nicht gut genug».

Eine schmerzhafte Einsicht, «aber kein Grund, um auf Niederlage zu machen»: Hoegl wurde begeisterter und gefragter Amateur, studierte Wirtschaft, arbeitete bei McKinsey und ist nun bei Egon Zehnder International und damit sozusagen bei den Berliner Philharmonikern der Managementberatung angelangt. Vor allem für Banken sucht er Führungspersönlichkeiten (wobei er den Begriff «Headhunter» nicht mag, «es geht um viel mehr als darum, Leute von da nach dort zu verschieben»). Aber auch bei den Salzburger Festspielen oder in der Fondation Beyeler hat er Mandate betreut: «In meinem Job muss man etwas verstehen von den Bereichen, in denen man arbeitet, sonst ist es dilettantisch.»

Streichquartett im Bundeshaus

Dilettantisch: Das ist zweifellos ein Schimpfwort für alle, die in diesem Orpheum Supporters Orchestra mittun. Wenn sie sich hier dennoch als Amateure exponieren, tun sie es mit entsprechendem Ehrgeiz. Beim ersten Projekt vor einem Jahr seien alle extrem gut vorbereitet gewesen, sagt Dirigent Howard Griffiths, «manche haben extra Stunden genommen, um die Stücke zu üben». Zwar sind die Proben wie bei einem Profi-Orchester in den Tagen vor dem Konzert gebündelt (über eine längere Frist fände eine solche Crew kaum genügend Termine); «aber schon Wochen vorher bekomme ich Mails mit Fragen nach dem Tempo». Für ihn ist es ungewohnt, dass er sich so früh festlegen muss; spontane interpretatorische Einfälle liegen eher nicht drin. «Aber man kann viel erreichen mit einem solchen Orchester. Es sind lauter enthusiastische, intelligente Leute dabei, die sofort auf eine Anregung reagieren können.»

Interessante Leute auch: Das betont die FDP-Nationalrätin und Cellistin Christa Markwalder. Seit 25 Jahren spielt sie im Orchesterverein Burgdorf, auch im Bundeshaus hat sie schon in diversen Konstellationen musiziert. Und in ihrer Antrittsrede als Nationalratspräsidentin letztes Jahr fiel keineswegs zufällig der Satz «C’est le ton qui fait la politique». In diesem Amt habe sie sich manchmal fast wie eine Dirigentin gefühlt: «Man muss Einsätze geben, auch mal ein Votum abbrechen und versuchen, Harmonie im Ratssaal herzustellen.»

Ist Musizieren auch eine Möglichkeit zum Netzwerken? Klar, lerne man dabei viele Leute kennen, sagt Markwalder, «aber ich nehme nicht die Visitenkärtchen in die Proben mit». Zwei oder drei habe sie beim letzten Projekt zwar zugesteckt erhalten. Vor allem aber hat sie unter den Cellistinnen eine neue Freundin gefunden, eine junge Ingenieurin: «Musik verbindet sehr.»

Und wie steht es mit den Hierarchien? Genau wie Banken oder Spitäler sind Orchester klar strukturiert. Der Dirigent ist der Boss, jede Instrumentengruppe hat einen Stimmführer, und auch dahinter spielt es eine Rolle, an welchem Pult man sitzt. «Die Platzierung ist immer ein heikles Thema», sagt Howard Griffiths, «aber beim Orpheum Supporters Orchestra hatten wir keine Probleme. Der Ehrgeiz gilt hier nicht der eigenen Position, sondern man will ein möglichst gutes Konzert hinkriegen.»

Assessment? Braucht es nicht

Darum funktioniert auch das in einer ­assessmentfixierten Zeit ziemlich ungewöhnliche Aufnahmeverfahren in dieses Orchester: Es gibt keines, man kann sich einfach anmelden. Und, so sagt Griffiths, «wir hatten bisher keinen einzigen Fall, bei dem wir sagen mussten: Das geht nicht.» Die Leute könnten sich sehr gut selber einschätzen, «manche sagen von vornherein, sie möchten lieber zweite Geige spielen, andere melden sich explizit als erste Geige an». So etwas sei wohl nur in der Schweiz möglich, ergänzt Clemens Hoegl. Und er ist froh drum, dass es so läuft: «Wir müssen alle den ganzen Tag irgendwelche Dinge bestehen, alle in druckvollem Umfeld. Wenn es hier Probespiele gäbe, würde das den Spirit total verändern.»

Eine letzte Frage stellt sich: Wann finden diese Kaderleute Zeit zum Üben? Er spiele «fast täglich spätnachts noch ein paar Takte auf der Posaune», sagt Thierry Carrel. Auch Christa Markwalder findet «immer irgendwo ein Freiräumchen». Clemens Hoegl hat neben dem Üben auch noch die Programmheft-Texte verfasst, in nostalgischer Erinnerung an sein Musikwissenschaftsstudium, «das mir extrem Spass gemacht hat». Und Howard Griffiths zitiert Benjamin Franklin: «If you want something done, ask a busy person.»

Nun sind die Vielbeschäftigen also am Proben. Und werden alles geben, um auch diesen Job gut zu machen.

Konzert Tonhalle Zürich, Sonntag, 9. Juli, 19.30 Uhr. Werke von Nielsen, Grieg, Saint-Saëns, Rimsky-Korsakov.

Erstellt: 05.07.2017, 23:42 Uhr

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