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Dem Geheimnis der Stradivari auf der Spur

Seit Jahrhunderten wird erforscht, wie Stradivari­ Geigen zu ihrem Klang kommen. Nun wurde ein Teil des Geheimnisses gelüftet.

Berend Stoel ist Informatiker an der Universitätsklinik im nieder­ländischen Leiden mit Spezialge­biet Densitometrie: Er misst die Dichte von Lungengewebe mit dem Computertomografen (CT). Vor kurzem schrieb er darüber ei­nen wissenschaftlichen Aufsatz, wobei er vor allem auf technische Probleme einging. Wie üblich nach solchen Publikationen, bekam er Reaktionen aus der ganzen Welt. Doch ein E-Mail liess ihn stut­zen: Ein gewisser Terry Borman aus Arkansas in den USA schlug dem Niederländer vor, in Zukunft zusammenzuarbeiten, weil er sich mit ähnlichen Schwierigkeiten he- rumschlage. Erst ganz zum Schluss fügte der Amerikaner – en passant – hinzu, er sei Geigenbauer.

Die Dichte des Holzes

Zuerst schüttelte der Messspe­zialist den Kopf. Als Borman ihm in weiteren E-Mails darlegte, er habe vor, den geheimnisvollen Klang der Stradivari-Geigen zu enträtseln, und wolle wissen, ob die Dichte des Holzes etwas damit zu tun habe, konnte der Hobby­Musiker aus Leiden nicht anders: Er sagte zu und machte sich ans Schreiben von Software. «Aber al­les in meiner Freizeit», stellt er in seinem fensterlosen Büro in der Uni-Klinik klar.

So entstand ein Programm, das Ober- und Unterblatt der Geige im CT automatisch erkennt. Alsdann tomografierte Stoel Holzstück­chen, um sich mit deren Beschaf­fenheit vertraut zu machen. Der Unterschied zwischen Lungenge­webe und Holz sei nicht so gross. Beides seien Weichteile mit einer Dichte tiefer als Wasser, sagt er: «Sie treiben beide.» Nach mehrmonatiger Vorberei­tungszeit trafen sich die beiden erstmals in New York, wo sie für ihr Experiment einen CT in einem Spital gemietet hatten. Der be­kannte Borman hatte für die Stra­divaris gesorgt, für den Transport waren die beiden jedoch selber zu­ständig. Sie hätten zwei Möglich­keiten gehabt, erzählt Stoel: alles bis ins kleinste Detail mit Versi­cherungen und Securitas zu orga­nisieren oder die teuren Streichin­strumente einfach in einem Taxi mitzunehmen. «Wir entschieden uns für Variante zwei», grinst der Informatiker.

So kam es, dass die beiden von einer feinen New Yorker Adresse zur nächsten fuhren, um die millio­nenteuren Instrumente einzusam­meln. Der Aufwand habe sich ge­lohnt, schwärmt Stoel, nicht nur weil er einen Heidenspass daran gehabt habe, sondern weil sie wissenschaftlich weitergekommen seien.

Variation der Jahresringe

Das Experiment hat gezeigt, dass die Jahresringe der alten Stra­divaris weniger variieren als jene bei neuen Geigen. Die Dichte der betagten Geigen ist also gleich­mässiger. Daraus ziehen Borman und Stoel den Schluss, dass tat­sächlich die Dichte des Holzes für die Klangfarbe verantwortlich ist. Zwar ist das Geheimnis der 300 Jahre alten Saiteninstrumente da­mit noch immer nicht endgültig gelöst. Aber die beiden sind ihm einen grossen Schritt näherge­kommen.

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