Der furchtlose Pianist

Das Beethoven-Jahr 2020 kann kommen: Igor Levit ist am Lucerne Festival bereits durchgestartet.

Kurzschluss zwischen Kopf und Händen: Der 32-jährige Pianist Igor Levit im Luzerner KKL. Foto: Priska Ketterer

Kurzschluss zwischen Kopf und Händen: Der 32-jährige Pianist Igor Levit im Luzerner KKL. Foto: Priska Ketterer

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Triolen, so weit das Ohr reicht, es hört nicht mehr auf in diesem letzten Satz von Beethovens Klaviersonate op. 2/1 in f-Moll, ewig könnte der Pianist so weiterspielen, ein Ende scheint unwahrscheinlich. Aber dann, mitten im Schwung, ein staubtrockenes tiefes F: Schluss jetzt.

In den Noten sieht das harmlos aus. Im KKL, wo Igor Levit diese Sonate gespielt hat, war es ein Schock. Die einen grinsen, andere schauen sich um: Soll man jetzt klatschen? Ist die Musik tatsächlich fertig?

Für den Moment, ja. Aber Levit hat gerade erst angefangen, mit diesem Konzert, aber auch mit dem Zyklus aller 32 Beethoven-Sonaten, den er in diesem und im nächsten Jahr beim Lucerne Festival spielen und bereits Mitte September auch auf CD herausbringen wird. Es ist kein originelles Projekt, 2020 wird Beethovens 250. Geburtstag gefeiert, man wird sich nicht retten können vor seinen Werken. Aber so viel lässt sich jetzt schon sagen: Wenn das ganze Brimborium einmal verklungen sein wird, wird man Bilanz ziehen und feststellen, dass Levit einen der interessantesten Beiträge dazu geliefert hat.

Talent zur Frechheit

Beethoven war schon immer wichtig für diesen mittlerweile 32-jährigen russisch-deutschen Pianisten. Schon auf seiner ersten CD hat er Beethoven-Sonaten gespielt, ausgerechnet die fünf letzten. Damals war er 26 Jahre alt, und die Musikwelt fragte sich, ob er nun einfach nur frech sei – oder tatsächlich so begabt, wie es schien.

Er sieht sich als Ermöglicher, nicht als Diener des Komponisten: Beethoven ist tot, was wäre er ohne seine Interpreten?

Inzwischen kennt man die Antwort: Dieser Pianist ist beides, frech und begabt, und er zeigt es gerade bei Beethoven. Levit geht nicht auf die Knie vor ihm (und auch nicht vor all den grossen Pianisten, die unser Beethoven-Verständnis geprägt haben). Er will ihn aber auch nicht vom Sockel stürzen – ist nicht nötig, er hat ihn ja gar nie draufgestellt. In Interviews führt er gerne aus, dass er sich als Ermöglicher sieht, nicht als Diener des Komponisten: Beethoven ist tot, was wäre er ohne seine Interpreten?

Levit sucht also die direkte Auseinandersetzung mit ihm, die in diesem Luzerner Konzert die Auseinandersetzung mit einem Generationsgenossen ist. Beethoven schrieb die f-Moll-Sonate mit 25; beim spätesten Stück des Abends, bei der G-Dur-Sonate op. 79, war er 39 – und immer noch ein Experimentator, der alles ausprobierte, was ihm in den Sinn kam. Formal, harmonisch, technisch, klanglich, atmosphärisch. Und überhaupt.

Pausen aushalten, Schlüsse inszenieren

Auch Levit experimentiert gern, und er tut es so furchtlos, wie er sich auf Twitter in politischen Fragen äussert. Wenn er sich über die Tasten krümmt, als wolle er seinen Kopf mit den Fingern kurzschliessen, kann man ihm beim musikalischen Denken zuhören. Man erlebt mit, wie er Kontraste zuspitzt, Spannungen und Pausen aushält, Schlüsse inszeniert.

Dabei wechselt er ständig die Perspektive: Er gestaltet Linien und Strukturen so klar, dass man sie mit Legoklötzchen nachbauen könnte, und lässt sie im nächsten Moment verschwimmen. In der «Marcia funebre» der As-Dur-Sonate op. 26 verändert er laufend die klangliche Beleuchtung. Und im Schlusssatz der Sonate op. 79 serviert er das Thema betont beiläufig – um es gleich danach raumgreifend mit Bedeutung aufzuladen.

Das ist oft atemberaubend und anregend selbst dann, wenn mal etwas nicht ganz klappt. Das gehört zu diesem Spiel; ohne Risiko gibt es nun mal keine Musik, sondern nur musikalisches Museum. Und dass Levit dort nicht hinwill, dass er den toten Beethoven mit allen Mitteln vor der interpretatorischen Einsargung zu retten gedenkt, das zeigt er mit jedem Ton.

Die «Waldstein»-Sonate wurde zur Grenzerfahrung, für den Pianisten wie fürs Publikum.

Am deutlichsten tut er es in der «Waldstein»-Sonate, dem berühmtesten Stück dieses Abends. Sein Puls sei im ersten Satz jeweils gleich auf 180, sagt Levit; im KKL dürften es mindestens 190 gewesen sein. Rasend schnell stieg er ein in dieses Stück, vielleicht zu schnell, sogar für seine Verhältnisse – und gerade deshalb genau richtig. Die Aufführung wurde für den Pianisten wie fürs Publikum zur Grenzerfahrung, zur musikalischen Utopie. Und zu einer Lehrstunde in Sachen Virtuosität, die nicht Selbstzweck ist, sondern Notwendigkeit.

Man durfte da an jene Worte denken, die Beethoven als 23-Jähriger schrieb: «Freyheit über alles lieben, Wahrheit nie (auch sogar am Throne nicht) verläugnen.» Levit verleugnet seine Wahrheit auch vor Beethovens Thron nicht. Und kommt ihm damit zweifellos näher als alle, die sich vor diesem Komponisten verneigen.

Das zweite Luzerner Konzert von Igor Levits Beethoven-Zyklus findet am Sonntag, 25. August, um 11 Uhr im KKL statt. Die Fortsetzung folgt am Piano-Festival (22. und 24. November) und im Sommer 2020.

Erstellt: 22.08.2019, 15:06 Uhr

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