Der Herzschlag der Musik

Der 90-jährige Christoph von Dohnányi und die 34-jährige Alina Ibragimova begeisterten das Publikum in der Tonhalle Maag in Zürich.

Seit über sechs Jahrzehnten auf den Konzertpodien der Welt: Christoph von Dohnányi. Foto: Getty Images

Seit über sechs Jahrzehnten auf den Konzertpodien der Welt: Christoph von Dohnányi. Foto: Getty Images

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Manche, die für einen ausgefallenen Star eingesprungen sind, haben anschliessend Karriere gemacht. Alina Ibragimova, die anstelle von Frank Peter Zimmermann das Mendelssohn-Konzert aufführte, ist schon mittendrin, als Solistin wie als Kammermusikerin mit ihrem Chiaroscuro-Quartett. In der Tonhalle Maag wurde schnell deutlich, warum. Es ist ihr Ton – und ihr Temperament.

Der Ton hat nichts Süssliches, er ist weder gross noch durchdringend, aber immer da; er hat etwas Sirenenhaftes, setzt sich im Ohr fest, bohrt sich ins Gedächtnis. Das Temperament der russischen Geigerin bekam zuvörderst das Tonhalle-Orchester zu spüren; von Anfang an wählte sie eine flotte Gangart, die sich im Schlusssatz fast zum Flüchtigen steigerte: Aber das passte genau zum Charakter dieses E-Dur-Sommernachtstraums. Standing Ovations schon nach der ersten Konzerthälfte.

Sparsam, wirksam

Mehr als fünf Jahrzehnte, zwei Generationen also liegen zwischen der Solistin und dem Dirigenten (auch im Publikum sieht man neben den Altabonnenten etliche jüngere Gesichter, was an der «Location» liegen mag). Der 90-jährige Christoph von Dohnányi leitete das Orchester im Sitzen, mit sparsamer, aber wirksamer Gestik. Hier ein Schulternheben, da ein Händewedeln, dort ein mit dem Stöckchen erzittertes Tremolo; gelegentlich, in Höhepunkten hob es ihn fast aus dem Sitz.

Gross ist sie, diese C-Dur-Sinfonie von Franz Schubert, mit 60 Minuten die längste rein instrumentale Sinfonie des 19. Jahrhunderts. Der Komponist hat sie nie gehört, uraufgeführt wurde sie erst elf Jahre nach seinem Tod (übrigens von Mendelssohn). Und sie weist voraus in die Zukunft, wie von Dohnányis Interpretation hörbar machte: Wie viel Bruckner steckt in der blockhaften Komposition, in der Intensivierung kleinster Motive durch pure Wiederholung, in der Verwendung der Posaunen, oder andersherum: wieviel von diesem Schubert in Bruckner!

Vor allem aber setzte der Dirigent auf den Puls, der alle vier Sätze durchzieht und zusammenhält, diese vier «himmlisch langen» Sätze. Was Christoph von Dohnányi schlug, war der Herzschlag der Musik.

London ist der Lebensmittelpunkt der russischen Geigerin Alina Ibragimova. Foto: Eva Vermandel

Das Konzert wird heute Abend um 19.30 Uhr wiederholt.

Erstellt: 14.11.2019, 15:10 Uhr

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