Der Klang von Styropor

Sehr leise, sehr laut, sehr nett: Das aktuelle Programm des Zürcher Tonhalle-Orchesters.

Tonhalle-Konzertmeister Klaidi Sahatçi kam in Mendelssohns Violinkonzert für einmal als Solist zum Zug.

Tonhalle-Konzertmeister Klaidi Sahatçi kam in Mendelssohns Violinkonzert für einmal als Solist zum Zug. Bild: Priska Ketterer

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Es ist eine sympathische Tradition, dass das Tonhalle-­Orchester regelmässig eigene Musikerinnen und Musiker als Solisten ins Rampenlicht stellt. Diesmal war der albanische Geiger Klaidi Sahatçi dran, der seit 2009 als Konzertmeister am ersten Pult sitzt. Er spielte Mendelssohns Violinkonzert, und er spielte es gut: unaufgeregt, schmalzfrei, mit kernigem Klang. Fast so schön war, was danach kam: der Jubel des Publikums, der herzliche Applaus der Kollegen. Das Tonhalle-Orchester, so dachte man da, ist nicht nur ein hochkarätiges Orchester, sondern auch ein nettes.

Ansonsten zeigte es an diesem Abend, wie leise man in der Tonhalle Maag spielen kann – und wie laut man hier eher nicht spielen sollte. Zum Auftakt des Abends gab es die Schweizer Erstaufführung von Matthias Pintschers «Idyll», das sich trotz Riesenbesetzung über weite Strecken an der Grenze zur Stille bewegt: mit Klängen, die sich während einer halben Stunde verfärben, auffächern, in sich zurückziehen.

Die Idee ist nicht neu, aber Pintscher setzte sie als profunder Kenner des Grossorchesters um. Und er zelebrierte dabei nicht nur die Stille, sondern auch die Langsamkeit: In aller Ruhe entwickelt sich seine Musik, mal mit ausgiebigen Soli, dann wieder mit Beinahe-Lücken, in denen man sich auf Klänge einzulassen beginnt, die man normalerweise kaum wahrnehmen würde. Am Ende des Stücks war man so weit, selbst das Aneinanderreiben von zwei Styropor-Blöcken hörenswert zu finden.

Im letzten Stück des Abends, in Antonín Dvo?áks Sinfonie Nr.6, erledigte das Orchester dann in wenigen Takten die gesamte Phonleistung des Pintscher-«Idylls». Der tschechische Dirigent Tomás Netopil heizte die Musiker an, und sie gingen mit: Es muss Spass machen, das «Furiant»-Scherzo so zu spielen, es machte auch Spass, es so zu hören. Aber drumherum wäre man dankbar gewesen für ein bisschen mehr dynamische Kontraste. Den Ohren zuliebe, aber auch der Musik zuliebe, die so flacher wirkte, als sie ist. Hätte nach diesem Stück einer zwei Styropor-Blöcke aneinandergerieben: Man hätte es glatt überhört.

Wiederholung des Konzerts: Heute Freitag, 19.30 Uhr, Tonhalle Maag. Und Morgen Samstag gibt es noch mehr Matthias Pintscher: Der Komponist und Dirigent leitet das Ensemble Intercontemporain in seinem eigenen «Bereshit» und zwei Ligeti-Konzerten. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 10.05.2019, 14:50 Uhr

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