Der Wille ist das Wichtigste

Die Mezzosopranistin Vesselina Kasarova war einst Stammgast im Zürcher Opernhaus – und hat sich in den letzten Jahren neu erfunden.

«Ich hätte viel früher ins dramatische Fach wechseln sollen», sagt Vesselina Kasarova.

«Ich hätte viel früher ins dramatische Fach wechseln sollen», sagt Vesselina Kasarova. Bild: Doris Fanconi

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Wie leise sie spricht! Es fällt einem jedes Mal auf, wenn man Vesselina Kasarova trifft. Jene Mezzosopranistin also, die als Carmen oder Venus mühelos das Zürcher Opernhaus gefüllt hat, gleich im doppelten Sinn: mit ihrer glühenden Stimme und als Publikumsmagnet.

Das ist ein paar Jahre her, das Ende der Ära Pereira bedeutete auch das Ende der Ära Kasarova. Zwar hat Andreas Homoki die Sängerin, die schon lange in Zollikon lebt, einst angefragt für Verdis Lady Macbeth; ein grosses Kompliment sei das gewesen, sagt sie, «aber die Rolle ist zu dramatisch für meine Stimme». Also sang sie in den letzten Jahren anderswo, hat allerlei ausprobiert, neue Aufgaben gefunden. Als künstlerische Leiterin der Oper in ihrer bulgarischen Heimatstadt Stara Zagora etwa. Oder als Lehrerin.

So leise sie erzählt, so deutlich nennt sie die Dinge beim Namen. Auch das kennt man von früher, etwa von jenem legendär gewordenen «Zeit»-Interview aus dem Jahr 2007, in dem sie Klartext redete darüber, was der Musikbetrieb Sängerinnen abverlangt. Wie er ihnen ein Image verpasst, wie er in ihr Leben eingreift und sie fallen lässt, wenn die nächste kommt. Sie hasse diesen Beruf manchmal, sagte sie damals.

Aber sie liebt ihn auch – das Singen, die Verwandlung in eine Figur. «Für mich waren Sänger immer singende Schauspieler», sagt sie, «das ist es, was mich fasziniert.» Immer noch, nach 30 Jahren auf allen grossen Bühnen dieser Welt.

Probleme und Rezepte

Der Musikbetrieb ist nicht einfacher geworden in dieser Zeit. Nicht für die Jungen, die Kasarova begleitet, «die müssen sofort liefern, sonst sind sie gleich wieder weg». Aber auch nicht für eine grosse lyrische Mezzosopranistin mit Jahrgang 1965. Wenn es etwas gibt, was sie anders machen würde, wenn sie die Zeit noch einmal zurückdrehen könnte: «Ich würde früher ins dramatische Fach wechseln. Viel früher.»

Andererseits, schiebt sie nach, sei ihre Stimme jung geblieben, gerade weil sie nichts gepusht habe. Es ist alles noch da, die Höhe, die Leichtigkeit. Und, was mindestens so viel zählt: «Der Wille, die positive Energie – das ist das Wichtigste überhaupt für Sängerinnen.»

Sie selbst hat das schon früh erfahren. Die Musikausbildung im damaligen Bulgarien war «streng und gut». Technisch, schauspielerisch, musiktheoretisch – «ich zehre bis heute von dem, was ich damals gelernt habe». Aber auch von dem, was ihr ältere Sängerinnen und Sänger beigebracht haben. Am Anfang ihrer Karriere, an der Wiener Staatsoper, hat sie mit Mirella Freni gesungen, mit Nicolai Gjaurov, mit Martha Mödl: «Mit grossen Persönlichkeiten, die schon 40 Jahre Erfahrung hatten. Sie waren meine Vorbilder, ich habe enorm von ihnen profitiert.»

Inzwischen gehört sie längst selbst zu den Erfahrenen, und sie gibt ihr Wissen gerne weiter: «Ich bin keine Egoistin geworden.» Wenn ein Problem auftauche, sei es ja oft nur ein Zeichen dafür, dass etwas nicht stimme mit der Atmung, mit der Artikulation. Sie kennt das, und sie kennt Rezepte dagegen.

Warum nicht Polizistin?

Sie kennt auch andere Schwierigkeiten. Einmal, als sie für eine Produktion abreisen musste, habe ihr kleiner Sohn weinend gefragt, ob sie nicht Polizistin werden könne: «Er hatte die Vorstellung, dass Polizisten zu Hause schlafen.» Dass sie oft weg war, «das werde ich mir nie verzeihen». Die Familie sei immer wichtiger gewesen für sie als die Karriere. Aber Teilzeitsängerin sein: Das ging auf ihrem Niveau eben auch nicht.

Inzwischen ist der Sohn gross, die Dilemmata sind geblieben. Was soll man dem Beruf opfern? Welche Kompromisse muss man machen? Vesselina Kasarova, die sich einst so vehement gegen die Absurditäten der Vermarktung gewehrt hat, ist seit einem Jahr auf Facebook, auch auf Instagram und zuckt die Schultern: «Es gehört einfach dazu, wenn man Kontakte pflegen will.»

Demnächst wird sie nun wieder im Zürcher Opernhaus anzutreffen sein – beim Internationalen Opernstudio, wo sie einen Meisterkurs gibt. Und sie fädelt neue Debüts ein, 2020 gibt sie erstmals die Azucena in Verdis «Trovatore», in Wiesbaden. «Es ist jetzt die richtige Zeit für Charakterrollen», sagt sie, «für die Amneris, die Klytämnestra.» Die Stimme dafür hat sie, die Persönlichkeit sowieso, das weiss sie. Sie braucht nur die Gelegenheit, um es zu zeigen.

In einem Konzert mit dem Zürcher Kammerorchester singt Vesselina Kasarova Werke von Mozart und bulgarische Volkslieder: Tonhalle Maag, 15. Mai, 19.30 Uhr. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 14.05.2018, 13:21 Uhr

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