Die Flitterwochen sind vorbei

Seit eineinhalb Jahren ist der Franzose Lionel Bringuier Chefdirigent des Zürcher Tonhalle-Orchesters. Nun erscheint die gemeinsame Ravel-Gesamtaufnahme.

Zürich ist Lionel Bringuiers erster wichtiger Chefposten. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

Zürich ist Lionel Bringuiers erster wichtiger Chefposten. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

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Es ist einiges passiert, seit Lionel Bringuier als Chefdirigent des Zürcher Tonhalle-Orchesters angetreten ist. Man erinnert sich an seine erste Pressekonferenz nach der Wahl, als auf die Frage nach CD-Plänen betretenes Schweigen herrschte – und jetzt liegt da eine Gesamtaufnahme von Ravels Orchesterwerken auf dem Tisch, versehen mit dem gelb-schwarzen Orden der Deutschen Grammophon. Ein Coup.

Anderes ist dagegen nicht passiert. So hatte Bringuier angekündigt, er wolle präsent sein in der Stadt, an der Uni, im Kulturbetrieb. Seither erzählt er zwar in Interviews, wie gern er in Zürich lebe, aber treffen tut man ihn nirgendwo. Und aus den aktuellen Diskussionen um die Tonhalle-Sanierung und das Maag-Provisorium hält er sich heraus.

Kann man ihm das vorwerfen? Bringuier ist Dirigent; Kulturpolitik und Öffentlichkeitsarbeit sind nicht seine Dossiers. Und anders als sein Vorgänger David Zinman, der neben dem Podium unsichtbar blieb, taucht er wenigstens hin und wieder in Tonhalle-Konzerten mit anderen Dirigenten auf. Man hatte sich zwar mehr erhofft von ihm, mehr Interesse an der Stadt, mehr Lust auf Verwurzelung; aber letztlich zählt, wie er sein Kerngeschäft betreibt.

Perspektiven suchen

Fragen wir also nach der Musik. Bringuier hat begeisternde Konzerte dirigiert; wo immer ein Riesenorchester eine komplexe Partitur zu bewältigen hat, läuft er zur Hochform auf. Nicht nur im Fortissimo, wie ihm gelegentlich vorgeworfen wurde. Dass das Orchester lauter (und manchmal zu laut) geworden ist, stimmt zwar – aber es kann nach wie vor leise spielen. Und es kommt vor, dass diese leisen Klänge farbiger, sinnlicher klingen als früher.

Was einen dagegen stutzen lässt, ist die Zuverlässigkeit, mit der man schon nach eineinhalb Jahren voraussagen kann, welche Werke Bringuier zum Funkeln bringen wird. Ravel, Schostakowitsch, Zeitgenössisches: ja. Brahms oder Beethoven: eher nein. Und Schumanns Klavierkonzert kürzlich klang exakt wie 2013, trotz anderem Solisten.

So rasch er die Tonhalle-Musiker auf seinen Kurs gebracht hat (und damit weg vom historisierenden Klangbild, das Zinman pflegte): Seither scheint sich wenig entwickelt zu haben. Natürlich, Bringuier hatte anders als sein Vorgänger nicht die Chance, ein Orchester aus der Krise zu holen; er hat einen bestens disponierten Klangkörper geerbt. Aber auch mit einem solchen gälte es, Perspektiven zu suchen, Irrwege einzuschlagen und dann zu reagieren. Ein Stillstand auf hohem Niveau kann nicht das Ziel sein.

Er probt wie unter Strom

Probenbesuch in der Tonhalle: Bartóks Konzert für Orchester steht an, wie schon einmal am Anfang der Zusammenarbeit. Aber es klingt nicht aufgewärmt; Bringuier probt wie unter Strom, effizient, dynamisch, fast ohne Worte. Er hat seine Augen und Ohren überall und jedes Detail im Kopf. Auch das Orchester ist bestens vorbereitet und ganz bei der Sache, jedenfalls wenn gespielt wird. Bei Unterbrüchen dagegen wird da und dort getuschelt, bis Bringuier mit einem gereizten «it’s very tiring» für Ruhe sorgt. Für einen Moment ist es kühl im Saal, dann folgt sofort der nächste Einsatz.

Der Moment bestätigt, was man auch im Konzert oder in Gesprächen gelegentlich herauszuhören meint: Die Flitterwochen sind vorbei, der Alltag hat begonnen. Kein Wunder, schliesslich findet keine Zusammenarbeit nur auf Wolke sieben statt. Und doch konstatiert man es nicht ganz ohne Sorge, denn die Konstellation ist heikel: Bringuier ist 29, Zürich ist sein erster wichtiger Chefposten und sicher nicht sein letzter. Anders als Zinman, der hier seine Karriere beenden wollte, hat er seine noch vor sich. Dass er nicht nur bei Gastauftritten, sondern auch in seinen Ambitionen zuweilen in Los Angeles oder Paris ist: Diesen Eindruck wird man nicht los.

Das Orchester dagegen hat seine Zukunft hier, und es braucht und verdient einen voll präsenten Chefdirigenten. Gerade jetzt, vor den Herausforderungen mit dem Umzug. Und umso mehr, als das Timing nach diversen Verschiebungen der Renovation nicht mehr stimmt. Bringuiers Vierjahresvertrag endet im Sommer 2018, nach der ersten von drei Spielzeiten im Maag-Areal. Kommt es nicht zur Verlängerung, muss ein Nachfolger im Provisorium starten – kein gutes Szenario. Umgekehrt ist aber auch eine Verlängerung nur sinnvoll, wenn alle Beteiligten sie wirklich wollen.

Im Juni wird abgestimmt über die Sanierung, bald danach dürften die Vertragsverhandlungen mit Bringuier beginnen. Tatsächlich: Die Tonhalle hat entscheidende Monate vor sich.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.03.2016, 18:57 Uhr

Die Ravel-Aufnahme

Wenn der «Boléro» aus den Boxen knallt

Natürlich, Maurice Ravel. Den «Boléro» hat Lionel Bringuier bereits als 15-Jähriger erstmals dirigiert, mit «La valse» gewann er vier Jahre später den Inter­nationalen Dirigentenwettbewerb in ­Besançon. Und ebenfalls mit «La valse» hatte er das Tonhalle-Publikum als frisch gewählter Chefdirigent in spe zum Jubeln gebracht: So gespenstisch und klar strukturiert, so kraftvoll überdreht und dennoch kontrolliert hat man dieses Werk noch selten gehört.

Nun hat Bringuier mit dem Tonhalle-Orchester also Ravels gesamte Orchesterwerke auf CD eingespielt: Eine würdige Fortsetzung der Zürcher Aufnahmetradition, die in den letzten zwanzig Jahren stets einzelne Komponisten ins Zentrum gerückt hatte. Und gleichzeitig ein geschickter Schachzug: Denn Bringuier profiliert sich mit dieser Edition nicht nur mit Musik aus seiner französischen Heimat, die ihm liegt und die auf dem Markt noch nicht übervertreten ist – sondern auch mit einem Repertoire weit ausserhalb von David Zinmans ­Spezialgebiet.
Es ist attraktives Repertoire, mit ­einer idealen Mischung von Hits und ­Raritäten, von wuchtigen und intimeren Werken. Lionel Bringuier weiss darin sein Gefühl für Balance, schnelle Schnitte und Orchestermassen auszuspielen. Und er kann sich verlassen auf die Tonhalle-Musikerinnen und -Musiker, die nicht nur die Töne, sondern auch die Tonfälle treffen – die authentischen wie die ironisierten. Prächtig schimmert die Streicherpatina in «La valse», die Fortissimi am Ende des «Boléro» knallen nur so aus den Boxen; und wenn man bei «Daphnis et Chloé» etwas allzu oft laut wird, so wird das mit entrückten Soli kompensiert.

Die Aufnahmen sind live entstanden, und es war zweifellos ein Vorteil, dass man trotz neuem Label die bewährte Produktionscrew dabei hatte: Chris Hazell hat schon die Zinman-Einspielungen ­geleitet, er kennt den Tonhalle-Saal und seine Akustik wie kein anderer. Und er hat die verschie­denen Konzert- und Probeaufnahmen geschickt kombiniert: «Le Tombeau de Couperin» etwa, das live noch etwas ­wackelig geklungen hatte, bietet auf CD tadellos präzise Reibungen.

Ohne Publikum wurden einzig die beiden Klavierkonzerte aufgenommen, die bereits einzeln auf den Markt gekommen sind. Solistin ist die ent­fesselte Yuja Wang – die sich sowohl im schönsten musikalischen Einverständnis mit dem Orchester wie auch als Superstar-Name auf dem Cover bestens bewährt. (suk)

Maurice Ravel: Complete Orchestral Works (Deutsche Grammophon, 4 CDs). Die Box erscheint am 8. April.

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