Die göttliche Ordnung

Güzin Kar will sich Übersicht verschaffen – und studiert Möbelkataloge.

Unsere Kolumnistin Güzin Kar.

Unsere Kolumnistin Güzin Kar. Bild: Keystone

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Ich liebe Prospekte von Möbelhäusern. Nicht wegen der darin beworbenen Stücke, sondern weil sie das Tor zu einem Paralleluniversum sind. Was dieses zusammenhält, ist weder Schönheit noch Erschwinglichkeit, sondern Ordnung. Diese Aufgeräumtheit, die mir in Schlafzimmern, Küchen und Büros vorgeführt wird, berauscht mich und weckt in mir ein fast religiöses Streben.

Seit ich denken kann, besteht mein Leben aus der Suche nach Ordnung und Übersicht, und wie andere Menschen meditieren oder transzendieren, kann ich stundenlang Ablagesysteme studieren. Meine Unordnung ist keine erdrückende, ich bin kein Messie, was die Sache gleichzeitig einfacher und schwieriger macht. Als Messie hätte ich einen Namen für meine Schwäche, die dann eine Krankheit wäre. Mein Leiden ist eines, das gerade noch sozialkompatibel ist, wie Menschen, die im Bus halblaute Selbstgespräche führen, so, dass sie andere irritieren, aber nicht stören.

Gerade weil mein Chaos nicht pathologisch ist, kann meine Unordnung durch einen Möbelkatalog ferndiagnostiziert und gespiegelt werden. Es fehlt scheinbar immer nur ein ganz kleines Stück, das ich knapp verpasse. Auf 300 Seiten wird mir die Unzulänglichkeit meines Lebens vor Augen ­geführt, die ich mit etwas Anstrengung aus­bessern könnte. Im Gegensatz zu mir gibt diese blonde Frau im Bett aus Ahorn ihre Steuererklärung immer pünktlich ab, weil sie ein Ordner­system besitzt, in das sie ihre Belege einlocht und einheftet, immer freitags, bestens gelaunt und lächelnd. Dieser bebrillte Mann setzt sich morgens gut frisiert an seinen Mehrzwecktisch und verwandelt diesen am Abend mit drei Hand­griffen zum Zentrum einer fröhlichen Spaghettirunde. Ich kopiere mich per inneren Photoshop in diese Bilder. Da, auf diesem Sofa aus strapazierfähigem Blumenstoff, würde ich lesend liegen, ein Weinglas in der Hand, das ich aus der Weinglasvitrine genommen hätte. Ich hätte auch eine Proseccoglasvitrine und eine für Cognac­gläser, und das, obwohl ich keinen Cognac trinke.

Meine Stapel namens «Diverse»

Ich wäre glücklich, weil aufgeräumt. Aber wieso schaffe ich es nicht, Papiere in thematische Gruppen einzuteilen und diese in sinnvoller Reihenfolge abzulegen, sodass man jedes einzelne sofort herausgreifen könnte, wenn man es brauchte? Hier Bankauszüge, dort alle Kassen­belege und sämtliche Ausweise in einer Schublade. Es wäre so einfach. Ich häufe regelmässig Stapel an, die «Diverse» heissen. Sogar im Computer führe ich einen «Diverse»-Ordner und einen mit «Diverse 2». Divers ist bei mir alles, was keiner Gruppe angehört. Eine merkwürdige Gang, die aus lauter Einzelgängern besteht, die ich nie dann finde, wenn ich sie brauche, sondern immer zufällig, weshalb ich Wichtiges ersetzen muss.

Manchmal taucht das Original wieder auf, was der Grund dafür ist, dass ich drei Impfausweise besitze, wovon zwei unter «Diverse» abgelegt sind. Dort habe ich auch eine vier Jahre alte Kaufquittung für einen Toaster entdeckt, dessen Garantie zwei Jahre beträgt, und einen Termin­kalender aus dem Jahr 1996, worin am 3. Juni das Wort «Bulb» eingetragen ist. Ich weiss nicht mehr, ob Bulb ein Film, ein Mensch oder ein Ort war. Dass ich keinen Ex-Freund namens Bulb habe, der im Juni Geburtstag feiert, weiss ich noch knapp. Die Menschen in den Möbelkatalogen haben bestimmt eine Zeitschaltuhr, die anfängt zu piepsen, sobald ein Garantieschein, ein Käse oder eine Beziehung abgelaufen ist und entsorgt gehört. Dann setzen sie sich in neuer Formation in den nächstjährigen Katalog und rühren lächelnd Kräutersauce in schiefergrauen Salatschüsseln an. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.10.2017, 18:19 Uhr

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