«Die Musiker sollen sich amüsieren»

Der 81-jährige polnische Starkomponist Krysztof Penderecki sammelt Bäume – und Auszeichnungen. Am Wochenende dirigiert er in der Zürcher Tonhalle zwei eigene Werke.

Die Musik spricht für sich: Krysztof Penderecki in der Tonhalle-Probe. Foto: Sabina Bobst

Die Musik spricht für sich: Krysztof Penderecki in der Tonhalle-Probe. Foto: Sabina Bobst

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Und los gehts, ohne Begrüssungsformalitäten oder einleitende Bemerkungen. Krysztof Penderecki steigt bei seiner ersten Probe mit dem Zürcher Tonhalle-Orchester gleich ein in seine 8. Sinfonie. «Die Musik spricht für sich selbst», wird er später dazu sagen, «reden ist nur ­Zeitverlust.»

Auch im weiteren Verlauf der Probe sagt er deshalb nichts, fast nichts. Seine Musik spricht in ihrer expressiven, plastischen Tonsprache ja tatsächlich für sich selbst, selbst wenn sie bei diesem ersten Durchgang noch ohne Texte auskommen muss. «Lieder der Vergänglichkeit» lautet der Untertitel dieser vor zehn Jahren uraufgeführten 8. Sinfonie, gesungen werden sie auf Gedichte über Bäume und Wälder. Hesse, Eichendorff, Rilke, Brecht – Penderecki liebt Lyrik, und er liebt Bäume.

Zumindest Letzteres muss in den Genen liegen. Pendereckis Urgrossvater war Förster, von seinem Grossvater hat er schon als Knirps die lateinischen Baumnamen gelernt. Und seit vierzig Jahren sammelt er selbst Bäume, er pflanzt sie in einen Park bei seinem Landhaus in Polen und wird nun durchaus gesprächig, wenn er davon erzählt: «Erst hatte ich drei Hektaren Land, jetzt sind es dreissig, und der Platz wird schon wieder knapp.» Gegen 2000 Bäume sind es mittlerweile, allein zur Geburt seiner Enkelin hat er eine Allee mit 130 Eichen bepflanzt (entgegen der polnischen Tradition, nach der die Geburt eines Mädchens mit einer Linde gefeiert wird).

Die Musik dagegen spielt in Pende-reckis Ahnengalerie keine Rolle. Einzig der Vater spielte Geige, und er schenkte auch dem kleinen Krysztof ein Instrument. «Erst musste er mich zum Üben zwingen, aber bald nicht mehr», erzählt Penderecki. Die Geige wurde seine erste Leidenschaft, «ich hätte Virtuose werden wollen». Dafür hat es dann nicht gereicht, also hat er sich früh aufs Komponieren verlegt. Aber die Freude an der solistischen Virtuosität ist geblieben; nach wie vor schreibt er mit besonderem Vergnügen Konzerte, und in der Probe ruft er nach einem Solo des Tonhalle-Konzertmeisters Klaidi Sahatçi ­begeistert «Bravo!». Fantastisch sei das gewesen, sagt er später, «überhaupt, das Orchester ist sehr gut, die Musiker haben Lust zu spielen».

«Spielen Sie das lustiger!»

Lust, Spass, Vergnügen: Die Worte fallen oft im Gespräch mit Penderecki. Und wenn er in der Probe doch einmal etwas anmerkt, heisst es meistens: «Spielen Sie das lustiger!» Vor allem im «Concerto grosso», dem zweiten Stück im Zürcher Programm, sollen sich die Musiker amüsieren. Es gebe darin zwar sehr tiefsinnige Passagen, aber eben auch heitere: «Von diesen Wechseln lebt das Stück.»

Es lebt auch von einer reichen Tra­dition, aus der Penderecki schöpft. Die barocke Form des Concerto grosso hat er mit Elementen aus der gesamten Musikgeschichte gefüllt: Schostakowitsch-Rhythmen, Dvořák-Sound, Minimal-Muster, Leitmotive, klassizistische ­Klarheit – alles da. Nach Versatzstücken klingt es trotzdem nicht, Penderecki hat die diversen Stile verinnerlicht und zu etwas Eigenem umgeschmolzen.

Er selbst spricht in diesem Zusammenhang von «Synthese». Seine Kritiker dagegen werfen ihm Rückwärtsgewandtheit vor (der Komponist Helmut Lachenmann etwa hat ihn einst gar nicht liebevoll «Penderadetzky» genannt); ihre Enttäuschung ist umso bitterer, als Penderecki in den späten 50ern als Galionsfigur der Avantgarde bekannt wurde. Seine mit Geräuschen und Klangflächen experimentierenden Werke – etwa das in Donaueschingen gefeierte «Anaklasis» – prägten das damalige Vokabular entscheidend mit. Eine spannende Zeit sei das gewesen, sagt Penderecki, gerade für einen Polen: «Dort war ja alles verboten, was avantgardistisch war.» Noch verbotener war die geistliche Musik, und auch mit ihr hat er sich – etwa in der «Lukas-Passion» – intensiv befasst. «Es hat mir Spass gemacht, gegen Vorschriften zu verstossen.»

Ob auch seine Rückkehr zu Tradition und Tonalität ein Verstoss war, diesmal gegen die Gebote der Avantgarde? Penderecki gibt die Kritik jedenfalls in aller Gelassenheit zurück: «Schauen Sie sich mal die diversen Avantgarden der Musikgeschichte an – die haben immer nur vier, fünf Jahre gedauert, danach entstand etwas Neues. Die Avantgarde der 50er-Jahre dagegen ist geblieben.» Will heissen: stehen geblieben. Das wollte Penderecki nicht, also hat er neue Wege gesucht oder auch alte, jedenfalls eigene. Und höchst erfolgreiche.

Exakt 130 Preise, Orden, Ehrendoktortitel und Ehrenbürgerschaften hat er gesammelt, sogar ein Asteroid wurde nach ihm benannt (21059 Penderecki). Um Publikumszuspruch braucht er sich nicht zu sorgen, und längst hat auch die Filmindustrie seine Werke entdeckt. Von «The Exorcist» (1973) über «Shining» (1980) bis zu «Shutter Island» (2010) reicht die Secondhand-Verwertung von Penderecki-Werken (eigene Soundtracks hat er nur in den 60ern zwei geschrieben). Und es kann nur eine Frage der Zeit sein, bis auch das «Concerto grosso» den Weg nach Hollywood findet: Das denkt man jedenfalls in der Tonhalle-Probe, wenn sich zu den ­prägnanten Klängen sogleich prägnante Bilder im Kopf einstellen.

Der Hornklang ist gelb

Aus Bildern entstehen Pendereckis Werke tatsächlich. Bevor er zu komponieren beginnt, zeichnet er: Formen, Skizzen, Abläufe. Die Grenzen zwischen optischen und klanglichen Ideen verwischen sich da; so hat er sich zum Beispiel Farben für einzelne Instrumentengruppen angewöhnt. Die Blechbläser sind rot, nur für die Hörner wählt er gelb, «der Hornklang ist doch gelb, oder nicht?» Irgendwann kommt er so zur Struktur eines Werks, «die muss ich dann nur noch füllen. Das ist einfach, komponieren kann ich ja.»

Er tut es nach wie vor jeden Tag, diszipliniert, effizient, ohne Ablenkung durch andere Musiken: «Ich höre keine Platten, und in Konzerte begleite ich nur manchmal meine Frau, sie geht da gerne hin.» Fremde Klänge stören ihn beim eigenen Komponieren, und er hat noch viel vor: Derzeit schreibt er vor allem Kammermusik, die lässt er im Konzertsaal spielen, den er bei seinem Landhaus gebaut hat: 700 Plätze, geeignet auch für Workshops. Auch Konzerte hat er in Arbeit, eines für Trompete ist fast fertig, ein weiteres ist geplant für den Harfenisten Xavier de Maistre, «der hat die Harfe ja sozusagen neu erfunden». Und dann wartet lange nach der Uraufführung der 7. und 8.Sinfonie noch die Nummer 6 auf ihre Vollendung: Die Skizzen sind da, er hat sie einst wegen eines anderen Auftrags liegen lassen, aber bald will er sie auskomponieren.

Und dann, wird er sich an eine 9. Sinfonie wagen? Penderecki beantwortet auch diese musikhistorisch so beladene Frage ohne zu zögern: «Ja, es soll eine Neunte geben. Aber bestimmt keine Zehnte.» Beethoven, Bruckner, Mahler, Dvořák, Penderecki: Diese Neunerreihe kann man sich schon mal merken.

Krysztof Penderecki dirigiert sein «Concerto grosso» und die 8. Sinfonie: Tonhalle Zürich, Sa, 14. März (19.30 Uhr), und So, 15. März (17 Uhr).

Erstellt: 13.03.2015, 19:04 Uhr

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Die Welt in Bildern

Logenplätze: Die Bewohner der nepalesischen Ortschaft Bode verfolgen den Nil-Barahi-Maskentanz von ihren Fenstern aus. Während des jährlichen Fests verkleiden sich Tänzer als Gottheiten und ziehen durch die Strassen. (20. August 2019)
(Bild: Navesh Chitrakar) Mehr...