Die Tricks der Mönche

Wie Klosterbrüder weltliche Musik in ihre Kirche schmuggelten, zeigt eine Ausstellung in Einsiedeln.

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Man betritt das Einsiedler Museum «Fram» – und erschrickt erst mal. Da steht einer, in einer schwarzen Kutte, gleich hinter der Tür! Auf den zweiten Blick ist man erleichtert: Es ist ja nur eine Figur, die da in ein prächtiges Graduale schaut, genau wie man es in einer Ausstellung über eine klösterliche Musikbibliothek erwarten würde. Der dritte Blick irritiert dann wieder: Sieht er nicht ein bisschen allzu fesch aus, dieser Mönch? Pater Lukas Helg, der die Ausstellung kuratiert hat, grinst. Denn tatsächlich war dieser Pater Josef, wie er ihn nennt, einmal eine Schaufensterpuppe im Einsiedler Sportgeschäft Kälin, das kürzlich zuging.

Das passt, denn auch sonst sind das Geistliche und das Weltliche aufs Schönste vermischt in dieser Schau. Denn die Einsiedler Mönche kannten schon in längst vergangenen Jahrhunderten alle möglichen Tricks, um die Musik aufzuführen, die ihnen gefiel. So liegt etwa ein «Magnificat» in einer Vitrine, das nichts anderes ist als die umgetextete Arie «Contessa, perdono» aus Mozarts Oper «Le nozze di Figaro». Und auch in den Büchern, in denen die jeweiligen Stiftskapellmeister säuberlich notiert haben, was in der Klosterkirche gesungen und gespielt wurde, finden sich Ouvertüren und Sinfonien – «ein ziemlicher liturgischer Salat», wie es Pater Lukas Helg auf den Punkt bringt.

Pater Lukas Helg in der Bibliothek des Klosters Einsiedeln.

Er war selber Stiftskapellmeister, von 1976 bis 2018. Und er sang Opern hier, noch als Schüler des Internats, ein Foto in der Ausstellung belegt es: Als Plutone ist er darauf zu sehen, in einer Aufführung von Monteverdis «Orfeo», die 1965 stattfand – noch bevor im Zürcher Opernhaus die grosse Monteverdi-Renaissance in Gang gesetzt wurde.

«Sieben Mal am Tag singe ich dein Lob»

Man hatte eben einen Sinn für Raritäten im Kloster Einsiedeln. Und auch genügend Fantasie, um die Werke so zurechtzubiegen, dass sie von einem damals noch reinen Knabeninternat bewältigt werden konnten (wobei nur die Schüler sangen, die Patres wirkten hinter den Kulissen). Auch das ist in der Ausstellung zu sehen: Da gibt es etwa eine Ausgabe von Donizettis «Regimentstochter», die man kurzerhand zu «Der Regimentsbursche» umgetauft hatte – mit den entsprechenden Anpassungen der Handlung. Von Auber gab man «Der Stumme von Portici». Und auch Mozarts «Entführung aus dem Serail» gibt es in einer Einsiedler Version: Aus Osmins Arie «Wer ein Liebchen hat gefunden» wurde da «Wer bei grossen Herren dienet».

Von 1808 bis 1966 gehörten die jährlichen Opernaufführungen zu den Höhepunkten im Einsiedler Musikleben. Daneben gab es den klösterlichen Alltag mit ebenfalls viel Musik: Einsiedeln ist ein Benediktinerkloster, und Pater Lukas Helg verweist mit Nachdruck auf die Regel, die neben dem Eingang hängt: «‹Sieben Mal am Tag singe ich dein Lob›», heisst es: «‹singen›, nicht nur ‹beten›!»

Er komponierte für die ungeheizte Klosterkirche eine «Missa pastorale für 20 Grad Kälte» : Pater Anselm Schubiger (1815–1888).

Kein Wunder, wurde im Kloster auch viel komponiert. Zwölf Komponisten sind in der Ausstellung als Beispiel vertreten. Pater Joseph Dietrich (1645–1704) etwa, der in Einsiedeln nicht nur als Kapellmeister wirkte, sondern auch als Bibliothekar, Küchenmeister und Aufseher über die Weberei. Oder Pater Anselm Schubiger (1815–1888), der terzenselige Liedchen mit Titeln wie «Marienblume» schrieb – oder eine sehr kurze «Missa pastorale für 20 Grad Kälte», für welche die Gläubigen in der ungeheizten Kirche zweifellos dankbar waren. Oder Pater Oswald Jaeggi (1913–1963), der ein wirklich begabter Komponist war, aber das Kloster wegen sexueller Übergriffe verlassen musste. Oder Pater Theo Flury (geboren 1955), der auch als Organist international gefragt ist.

Brahms kopiert, Mendelssohn schimpft

Auch die internationale Komponistenprominenz ist vertreten in der Schau. Johannes Brahms etwa reiste einst extra nach Einsiedeln, um eine Frescobaldi-Toccata abzuschreiben. Giuseppe Verdi hat in einem freundlichen Brief erklärt, warum er den Wunsch der Einsiedler nach einem «Pezzo sacro» nicht erfüllen könne. Felix Mendelssohn schimpfte in seinem Reisetagebuch über die «mit schlechtem Geschmack» dekorierte Abtei.

Und dann war da Johann Christian Bach, der Lieblingskomponist der Einsiedler Mönche: Der zum Katholizismus konvertierte Bach-Sohn wirkte als Organist am Mailänder Dom, und seine Werke kamen über eine in Bellinzona angesiedelte Zweigstelle des Klosters nach Einsiedeln. Nicht nur seine geistlichen Werke im italienischen Stil wurden geschätzt, auch seine Cembalokonzerte hat man kurzerhand auf die Orgel übertragen.

Als 1798 die Franzosen ins Kloster einfielen, flüchteten die Mönche. Aber vorher versteckten sie die Noten.

Auch sonst war der Einsiedler Musikgeschmack lange nach Süden ausgerichtet, so sehr, dass man deutsche Komponistennamen italianisierte, um sie den Patres genehm zu machen. Das änderte sich 1798, als die Franzosen ins Kloster einfielen: Die Mönche versteckten die Noten, flüchteten in verschiedene deutsche und österreichische Klöster – und lernten dort ganz andere Musik kennen. Als sie 1801 zurückkehrten, hatten sie unter anderem Haydns «Schöpfung» im Gepäck, die als erstes deutschsprachiges Oratorium in Einsiedeln aufgeführt wurde.

Auch Nietzsche darf vorkommen

Um nicht ganz alle Geschichten zu erzählen, die es in dieser Ausstellung zu entdecken gibt, hier nur noch zwei besonders schöne: Auf einem Opernfoto von 1937 entdeckt man Pater Roman Bannwart (1919–2010), der damals noch ein Teenager war und später als überaus charismatischer Gregorianik-Spezialist Generationen von Einsiedler Schülern und Schweizer Musikwissenschaftsstudentinnen für diese Musik begeistert hat.

Und, zweitens, findet sich auf einer Wand folgendes Zitat: «Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum.» Es stammt von Friedrich Nietzsche. Und widerspiegelt den Geist dieser Sammlung genauso gut wie der sportliche Pater Josef beim Eingang.

Einsiedeln, Museum Fram, Eisenbahnstrasse 19. Bis 29. September, Führungen bis 8. Dezember. Informationen zu den Öffnungszeiten finden sich hier (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 11.06.2019, 09:18 Uhr

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