Ein bisschen Russland im Wallis

Das Verbier Festival hat guten Grund, seine 25. Ausgabe zu feiern: Valery Gergiev hat seinen ersten Auftritt als Chefdirigent, die Stars kommen wie eh und je.

Näher als in Verbier kommt man den Grossen nicht. Vielleicht wird auch der 17-jährige Geiger Daniel Lozakovich (stehend) bald dazugehören. Foto: Nicolas Brodard

Näher als in Verbier kommt man den Grossen nicht. Vielleicht wird auch der 17-jährige Geiger Daniel Lozakovich (stehend) bald dazugehören. Foto: Nicolas Brodard

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Verbier ist wirklich am Ende der Welt, denkt man in der Gondelbahn, die von Le Châble aus den Berg hochschwebt. Ein Haufen an den Hang gewürfelter Chalets, eine weiss herausleuchtende 60er-Jahre-Kirche als einzige gröbere Bausünde, ein paar Skiliftmasten. Walliser Berge, Himmel. Sonst ist da nichts.

Wer hier ein Festival gründet, muss ein Optimist sein. Oder ein Mann mit hervorragenden Kontakten. Also einer wie Martin Engström, Schwede und Wahlschweizer, 65 Jahre alt, ehemaliger Künstleragent, ehemaliger Kadermann der Deutschen Grammophon. Man trifft ihn vor der Salle des Combins, dem temporären Konzertsaal mit 1760 Plätzen, der hier jedes Jahr aufgebaut wird (denn natürlich gibt es keinen Konzertsaal in Verbier). Im Innern wird geprobt, Valery Gergiev leitet erstmals als Chefdirigent das jugendliche Verbier Festival Orchestra. Ein Glücksfall, sagt Engström.

Valery Gergiev - Tchaikovsky: Symphony No. 6 in B Minor. Video: Youtube/medici.tv

Ein Glück ist es auch, dass die vorherigen zwei Chefdirigenten bereits aufgehört hatten, als die #MeToo-Welle losbrach. James Levine ist wegen Vergewaltigung angeklagt, Charles Dutoit seit Übergriffsvorwürfen nicht mehr erwünscht im Konzertbetrieb. In der CD-Box, die das Verbier ­Festival zu seiner 25. Ausgabe bei der Deutschen Grammophon herausgebracht hat, fehlen die beiden; «das Label wollte es so», sagt Engström. Er versteht es, bedauert es aber auch: «Die beiden haben viel geleistet hier, es gab nie Probleme. Und bisher ist niemand verurteilt.»

Mit oder ohne Bart

Szenenwechsel. Wir sind in den Katakomben einer blitzblanken Chaletsiedlung zuoberst in Verbier. Felsbrocken in der Mauer, eine Kutsche mit Plastikpferd als Deko, zwei Dutzend Leute plus ein Hündchen auf den Sitzen. Und auf der Bühne Barbara Frittoli, die grosse italienische Sopranistin, die ihre Hand unters Kinn eines jungen Tenors hält: «Wenn du noch einmal den Kiefer runterklappen lässt, zupfe ich dir den Bart aus», sagt sie, dann darf er weitersingen.

Verdis «Rigoletto» ist das Thema dieses Meisterkurses der Verbier Academy; andere Gruppen von Streichern, Pianisten oder Kammermusikformationen proben in Restaurantsälen und Hotels. 56 junge Musiker aus ­aller Welt wurden ausgewählt für ­diese Academy, ihre Lehrer sind illuster, die Ansprüche hoch. Am Ende werden sie auftreten – mit oder ohne Bart.

Und vielleicht werden sie ­irgendwann so berühmt wie andere, die diese Academy besucht haben. Wie die Sopranistin Yulia Lezhneva, der Pianist Kit Armstrong, die Geigerin Vilde Frang. Er sei fasziniert von Talent, sagt Martin Engström, der als Juror bedeutender Wettbewerbe viele junge Musiker hört: «Sie sind alle gut – aber die einen haben etwas, was den anderen fehlt.» Die Begabtesten versucht er zu fördern mit dieser Academy. Etliche kommen später als Solisten zurück nach Verbier, manche jedes Jahr.

In Verbier treffen Stars auf ebenso berühmte Kollegen. Die ­sitzen dann auch im Publikum.

Vielleicht wird auch Daniel Lozakovich dazugehören, der erst 17-jährige schwedische Geiger, dem man in der Probe fürs Eröffnungskonzert begegnet. Er spielt Saint-Saëns’ «Introduction et Rondo capriccioso» op. 28 – so leicht, so sicher, so empfunden, als sei das Stück für ihn geschrieben. Rund 60 Leute hören zu, die Proben sind öffentlich in Verbier; jeder kann sich hineinsetzen, selbst bei den ganz Grossen, bei Martha Argerich, Mischa Maisky, Evgeni Kissin. Näher als hier kommt man ihnen nirgends.

Das ist der grösste Luxus an einem Ort, der sich auch sonst luxuriös gibt. So abgelegen Verbier von der Gondelbahn aus wirkt – kommt man an, ist man im Zentrum einer ganz eigenen Welt. Die Autos sind gross, die Boutiquen teuer. Auf der Strasse wird neben Französisch auch Englisch und Chinesisch gesprochen, und an der Bergstation der Gondelbahn zeigen drei Uhren die Zeiten von London, Verbier und Moskau an.

Apropos Moskau: Dass ausgerechnet der Russe Gergiev nun Chefdirigent ist in Verbier, ist kein Zufall (und auch kein Problem: die Kritik wegen seiner Nähe zu Putin ist verstummt in letzter Zeit, das #MeToo-Thema ist stärker). Festivalleiter Engström war schon als Teenager fasziniert von Russland, er hat neben Musikgeschichte auch Russisch studiert, ist viel durchs Land gereist.

«Von irgendwoher muss man das Geld ja bekommen.»Martin Engström

Gergiev ist ein alter Freund von ihm, genau wie der Oligarch Gennadi Timtschenko, der im Öl­handel reich geworden ist und mit seiner Neva-Stiftung zu den Hauptsponsoren des Festivals gehört. Auch Timtschenko ist ein enger Vertrauter von Putin, eben hat er ihm zwei Stadien für die Fussball-WM finanziert. Seit 2014 steht er auf der Sanktionsliste der USA, die Schweiz und Europa sind Sperrgebiet für ihn, der zuvor in Genf gelebt hat. Aber das kulturelle Engagement verfolgt er weiter, nicht nur in Verbier, auch in der Genfer Oper. ­Natürlich überprüfe man, ob die Gelder sauber seien, sagt Eng­ström dazu, und: «Von irgendwoher muss man das Geld ja bekommen.»

Auf 10,2 Millionen Franken beläuft sich das Budget des Verbier Festivals. Knapp ein Viertel davon ist subventioniert, die Karten bringen 3,5 Millionen Franken ein; den Rest steuern Sponsoren, Gönner und ein engagierter Freundeskreis bei. Wobei es jedes Jahr ein bisschen schwieriger werde, das Geld zusammenzubekommen, sagt Eng­ström. Dass Timtschenkos Neva-Stiftung für weitere drei Jahre unterzeichnet hat, sei «ein Glücksfall», ein weiterer.

Ansonsten will er die Finanzen als Nebensache verstanden haben: «Als Künstleragent habe ich so viel über Geld reden müssen, so viele schöne Projekte sind daran gescheitert, es hat mich wirklich irritiert.» Darum gibt es in Verbier einen Maximaltarif: Mehr als 12 000 Franken bekommt hier niemand, selbst wenn er mehrere Konzerte gibt. Das ist ein Bruchteil dessen, was es anderswo zu holen gibt.

Berühmt trifft berühmt

Was lockt die Musiker dennoch nach Verbier? Die Atmosphäre, sagt Engström. Selbst die Berühmtesten treffen hier auf Kollegen, die ebenso berühmt sind. Die sitzen dann auch im Publikum, «was für die einen enorm inspirierend ist, für die anderen furchtbar». Manche spielen hier zum ersten Mal zusammen, Kammermusik in der Kirche, dafür hat Engström die Reihe der «rencontres inédites» erfunden.

Auch das Festivalleben neben der Musik dürfte eine Rolle spielen. Gerade Solisten, die ganz jung Karriere gemacht haben in der erwachsenen Klassikwelt, geniessen es, dass dank des Festival Orchestra und der Academy so viele junge Leute hier sind: «Lang Lang war in Verbier das erste Mal in einem Nachtlokal.»

Und dann sind da noch andere Besucher: Agenten, Dirigenten, Sponsoren. Er habe immer von einem Festival geträumt, «zu dem man einfach hinfahren muss, wenn man im Musik­business ist», sagt Engström. Nun sind tatsächlich viele wichtige Leute da, es werden Platten- oder Sponsoringverträge abgeschlossen, «Yuja Wang hat hier einst bei Rolex unterzeichnet». Ein schöner Nebeneffekt.

Kompakt und eingespielt

Aber es geht ja um die Musik, um das Eröffnungskonzert in der Salle des Combins. Daniel Lozakovich spielt hinreissend, der amerikanische Pianist und Ex-Verbier-Academist George Li brilliert im ersten Mendelssohn-Konzert, die südafrikanische Sopranistin Pretty Yende ist extra für die paar grandiosen Minuten von Bernsteins «Glitter and Be Gay» hergereist.

Und das Orchester klingt gut unter Gergiev, kompakt, eingespielt. Nicht einmal die etwas distanzierte Akustik kann den Zauber von Rimski-Korsakows «Shéhérazade» stören. Das Publikum applaudiert, die Jungmusiker fallen sich um den Hals. Dann leert sich der Saal: Zeit fürs après-concert.

Verbier Festival: Bis 5. August. www.verbierfestival.com

Erstellt: 21.07.2018, 00:00 Uhr

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Die klassische Sommersaison hat begonnen, in den Bergen wie auch an lauschigen Orten im Flachland. Wer Stars hören will, kommt nicht nur in Verbier auf seine Kosten, sondern auch in Gstaad, wo unter anderen Sol Gabetta, András Schiff und Juan Diego Florez auftreten (www.menuhinfestival.ch).

Wer eine persönlichere Atmosphäre bevorzugt, wird im schmucken Walliser Dorf Ernen fündig (www.musikdorf.ch). Ruhe nach der Vorferien-Hektik findet man auch beim Festival der Stille in Kaiserstuhl und Umgebung (www.festivalderstille.ch) oder beim Davos Festival, das diesmal unter dem fantasievoll umgesetzten Motto «Heute Ruhetag» steht (www.davosfestival.ch).

Opernfans können wählen zwischen Rossinis «La Cenerentola» auf Schloss Hallwyl (www.operschlosshallwyl.ch), Wagners «Fliegendem Holländer» in Selzach (www.sommeroper.ch) und einem Hit-Potpourri im Amphitheater von Avenches (www.avenchesopera.ch). Für die Ent­deckungsfreudigen schliesslich hat auch dieses Jahr wieder das mit dem Wakkerpreis ausgezeichnete Bündner Festival Origen am meisten zu bieten – im Theaterturm auf dem Julierpass wie auch in Riom (www.origen.ch). (suk)

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