Ein Chamäleon mit Geige

In Indonesien ist Iskandar Widjaja ein TV-Star, im Westen macht er als klassischer Geiger Furore. Nun kommt er mit dem Pianisten Fazil Say nach Zürich.

Saftig, effektsicher, farbenfreudig: Iskandar Widjaja geht als Geiger aufs Ganze. Foto: Getty Images

Saftig, effektsicher, farbenfreudig: Iskandar Widjaja geht als Geiger aufs Ganze. Foto: Getty Images

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Wer ist Iskandar Widjaja? Je länger man sich mit ihm befasst, umso grösser wird das Fragezeichen. Sicher ist: Widjaja ist ein Geiger, geboren 1986 in Berlin als Sohn indonesischer Eltern. Und er ist ein Chamäleon, in jeder Hinsicht.

Mal tritt er mit dunkler Mähne auf, mal mit wasserstoffblonder Bürste. Er spielt Beethoven und Pop, in Konzertsälen oder Clubs. Er gewann klassische Wettbewerbe und wird gebucht für Events wie Miss World, die Mailänder Expo oder den Davis-Cup. In Indonesien kennt man ihn aus der TV-Werbung, und auch in Europa lässt er sich ohne weiteres zum Interview auf einer Promofahrt in einem Elektro-Auto bitten: Schön leise, tatsächlich.

In Fazil Says Musik finden sich die beiden Grenzgänger.

Nur zwei Dinge bleiben immer gleich: die Geige natürlich, die er nicht mehr aus der Hand gibt, seit er als Vierjähriger zu spielen begonnen hat. Und die Überzeugung, dass Grenzen jeglicher Art überflüssig seien. Früher habe er sich in Indonesien als TV-Star und in Europa als klassischer Musiker etablieren wollen, hat Widjaja einmal gesagt, «aber jetzt gibt es mich nur noch als Gesamtpaket».

Nun ist dieses Paket an einer wichtigen Adresse angekommen: beim türkischen Pianisten und Komponisten Fazil Say, der sich ebenfalls noch nie in die klassische Schublade sperren liess, aber seine Grenzgänge in ganz andere Richtungen unternimmt als Widjaja. Nicht Pop interessiert ihn, sondern Jazz und die anatolische Volksmusik. Und während Widjaja den Glamour geniesst, sorgt Say immer wieder für politische Aufregung – erst als Kritiker des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, später wegen seiner Versöhnung mit ihm.

Iskandar Widjaja spielt das Andantino aus Fazil Says «1001 Nights in the Harem». Video: Youtube

Gefunden haben sich die beiden in Says Werk «1001 Nights in the Harem», das 2008 als Auftragswerk des Luzerner Sinfonieorchesters entstanden ist. Bei der Uraufführung spielte Says langjährige Duopartnerin Patricia Kopatchinskaja den Solopart – und die entsprechende CD verkaufte sich gut.

Iskandar Widjaja hat das Stück nun erneut aufgenommen, zusammen mit anderen Werken von Fazil Say. Er wird es auch nach Zürich mitbringen, begleitet vom Komponisten am Klavier. Denn er ist in seinem Element damit: Saftig spielt er, effektsicher, farbenfreudig, mit viel Sinn für die Orientalismen dieser Musik. Seine Taktik des klanglichen Zuspitzens, mit der er etwa Beethovens Violinkonzert zwischendrin auch mal ins allzu Grelle wendet, geht hier auf: Da ist nichts zu viel und nichts zu wenig.

Vor allem aber hört man hier kein Chamäleon, sondern einen Musiker, der eine klare Haltung gegenüber einem Stück einnimmt. Da sind sich Widjaja und Say dann tatsächlich ähnlich: in der Energie und Kompromisslosigkeit, mit der sie tun, was sie tun.

Der Geiger ist auch Komponist und Hauptdarsteller im Video: «Burn» von Iskandar Widjaja. Video: Youtube

Kein Wunder, reisst sich der Klassik-Betrieb um sie. Fazil Say gehört seit Jahren zu den Lieblingen aller Konzertveranstalter – weil er anders ist als andere und damit bei weitem nicht nur das klassische Publikum erreicht.

Iskandar Widjaja ist noch nicht ganz so weit, aber die Richtung ist dieselbe. Und genau wie Say ist auch er inzwischen nicht nur als Interpret, sondern auch als Komponist unterwegs. «Burn» heisst das Violin-Pop-Stück, das er mit professionellem Video und einigem Erfolg herausgebracht hat. Und dann ist da das Album «Mercy», auf dem er die Klänge seiner Geige mit Spacesounds der Nasa oder den Geräuschen im Bauch einer schwangeren Frau mixt: Auch die Grenze in Richtung Esoterik ist offen für ihn.

Er hat Erfolg damit, er erntet auch Kritik: Das ist bei diesem Spagat zwischen Konzertpodium und Showbusiness nicht zu vermeiden. Er polarisiere halt, sagt Iskandar Widjaja dazu nur. Dass er das gern tut, gehört zweifellos zu seinen grössten Qualitäten.

Gesprächskonzert «Soirée Classique» mit Fazil Say, Iskandar Widjaja und Howard Griffiths: Donnerstag, 3. Oktober, 20 Uhr, Kosmos Zürich.

CD Fazil Say: «1001 Nights in the Harem», mit Iskandar Widjaja, ORF Vienna Radio Symphony Orchestra, Ltg. Howard Griffiths (Sony Classical)

Erstellt: 27.09.2019, 11:09 Uhr

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